Im Grunde ist es eine 320 Seiten starke Gedichtinterpretation, die Konrad Paul Liessmann in Buchform vorgelegt hat. Seine Gedanken kreisen um die elf Zeilen von Friedrich Nietzsches "Mitternachtslied", das dieser in den dritten Teil von "Also sprach Zarathustra" eingebettet hat. Und doch geht Liessmann in seinem bei Zsolnay erschienenen Band "Alle Lust will Ewigkeit" weit über eine bloße Lyrik-Interpretation hinaus.

Die knappen Verse mit ihren wenigen Begriffen und die darin angedeuteten existenziellen Konflikten nimmt Liessmann als Ausgangspunkt für eine gedankliche Reise, genauer gesagt für elf Ausflüge entlang der elf Verszeilen, die er "tastend zu umkreisen und suchend zu umspielen" sucht, so der selbst definierte Auftrag des Buches. Dass es sich bei Nietzsches Lied um Nachtgedanken handelt, machen die vielen bekannten Titel des Gedichtes klar, für Liessmann hält es jedoch nicht weniger als den Schlüssel zu Nietzsches Philosophie, ja gar "zu den Mysterien des menschlichen Lebens, zu den Rätseln der Existenz" bereit.

Jeder Zeile widmet Liessmann ein Kapitel, überlässt sich der "Sogkraft dieser Verse", übt sich quasi in geistiger Hingabe. Die Themen und Gedankenwelten, die Liessmann ausgehend von den in den Versen bemühten Topoi ansteuert, sind breit gefächert. Die Gedankenwelt Friedrich Nietzsches steht klar im Zentrum, dazu gesellen sich je nach Thema Günther Anders, Immanuel Kant, Theodor W. Adorno oder Arthur Schopenhauer. Abstecher macht der Autor aber auch zu Richard Wagner oder Karl May.

Träumerische Hellsichtigkeit

Da wird die trügerische Dimension der Weltlichkeit nach ihrer Wirklichkeit befragt, das Verhältnis von Lust und Schmerz ausgelotet, der Kosmos zwischen menschlicher Existenz und zeitloser Ewigkeit vermessen. Von träumerischer Hellsichtigkeit kommt Liessmann zur Philosophie des Schlafes, dieser "allnächtlichen Weltlosigkeit" hin zum Leben als klaffende Wunde, die niemals heilt, die nur die ewige Lust zu stillen vermag.

Es ist ein durchaus lustvolles Wandeln, zu dem Liessmann seine Leserinnen und Leser einlädt, stets in der intellektuellen Distanz wohlgemerkt. Mitunter erwächst daraus die eine oder andere überraschende wie pointierte Gegenwartsanalyse. Die assoziierende, ja mäandernde Gedankenverspieltheit überrascht in einer nüchternen Welt nackter Zahlen als eine Zufluchtsinsel der blumigen Assoziationsketten. Liessmann genießt das Denken wie ein gutes Glas Wein, verkostet Gedanken, die er zuvor genüsslich im bauchigen Schwenker des Intellekts gustiert und bestaunt hat.

Liessmann betreibt das Philosophieren hier analog zur L’art pour l’art, er denkt des Denkens wegen, als purer Lust am Gedankenspiel. Die Reflexion selbst scheint dabei einziger (Selbst-)Zweck. Ihm auf diesen mitunter verschlungenen, mitunter erhellenden Gedankenpfaden und -sprüngen durch die eigene Belesenheit und damit durch die Philosophie und Ideengeschichte zu folgen, ist in einer Mußestunde eine kontemplative wie eskapistische Exitstrategie aus dem schnöden Alltag, um auf andere Gedanken - als immerzu nur auf pandemische - zu kommen.