Mag ein ewig junger Lyriker wie Jan Wagner auch frohgemut davon sprechen, Gedichte würden ewig jung halten, so stimmt das natürlich nicht. Und es wäre in gewisser Weise auch schade, denn dann entginge uns ein Lyrikgenre, das zu den produktivsten der Literaturgeschichte gehört: die Alterslyrik.

- © Wallstein
© Wallstein

Gottfried Benn hat einst in einer Rede mit dem Titel "Altern als Problem für Künstler" die verschiedenen Assoziationen aufgeführt, die sich mit Alterswerken verbinden: Sie zeugten von Milde, Heiterkeit, Nachsicht, sie seien schwebend, schwerelos, schonungslos. Ob das Alter stets "der Durchstoß zu einer neuen Ausdrucksebene ist", wie Hermann Broch das formulierte, sei dahingestellt. Aber wie vielfältig sich Lyrik dem Thema des Altwerdens widmet, lässt sich anhand einer interessanten Anthologie studieren: "Zurücktreten aus der Erscheinung. Gedichte über das Alter" (hg. von Helmut Bachmaier, Wallstein, 2021).

Sie versammelt Gedichte von Sappho bis Mayröcker, von Archilochos bis Durs Grünbein, dem Alterslob ist ebenso ein Kapitel gewidmet wie der Altersklage und dem Altersnarzissmus; wir erfahren, wie Männer altern und wie Frauen, und natürlich spielen auch die Vergänglichkeit und das Bilanzziehen eine gebührende Rolle.

Wie unterschiedlich das nahende Lebensende wahrgenommen werden kann, mögen zwei Beispiele verdeutlichen: "An’s Fenster klopft ein Bot’ mit frohen Mienen, / Du trittst erstaunt heraus - und kehrst nicht wieder, / Denn endlich kommt der Lenz, der nimmer endet", dichtete fast heiter der Romantiker Joseph von Eichendorff.

Ganz anders liest sich das bei dem Italiener Giuseppe Ungaretti, einem der Großen der klassischen Moderne: "Verzweiflung, die unaufhörlich steigt / Das Leben ist für mich / Nur mehr ein tief in der Kehle / Gefangener Fels von Schreien." (Die Übersetzung stammt von Ingeborg Bachmann, die viel zu früh gestorben ist, als dass man von ihr Altersgedichte hätte lesen können. Sie wären bestimmt großartig gewesen.)

- © Löcker
© Löcker

Erstaunlich viele Altersgedichte sind lyrische Protokolle, die die Erfahrung des Altwerdens und des Verfalls am eigenen Leib schildern. Peter Paul Wiplinger hat daraus gleich eine ganz eigene Gattung gemacht: das "Lapidargedicht". In "Ausklang" (Löcker, 2021) versammelt der 1939 geborene Autor Gedichte aus den Jahren 2010 bis 2020, also aus dem 71. bis 81. Lebensjahr. Viele davon sind im Krankenhaus entstanden, sie handeln vom Krebs, von der Chemotherapie und von Corona, und sie changieren meist irgendwo zwischen Resignation und Hoffnung. Es sind karge Gedichte, ohne große Metaphern oder sprachliche Aufschwünge, aber gerade diese Reduziertheit macht sie schneidend scharf in ihrer Wahrnehmung und für uns Leser zu einer durchaus ergreifenden Lektüre.

Vor allem wird das Schreiben zum Rettungsanker. Wer redet, ist nicht tot, und solange noch Verse aus der Feder fließen, ist der Schreibende am Leben. Wiplinger wird das Schreiben sogar ärztlich verordnet, um die Handmotorik wiederherzustellen: "also schreibe ich deshalb diese zeilen hier / auf eine strikte ärztliche Anordnung hin / ob das nun ein gedicht ist oder auch nicht / das ist überhaupt nicht wichtig nein wichtig / ist nur daß ich mich dazu zwinge zu schreiben / auch wenn mir dabei der ganze arm bis hinauf / zur schulter wehtut".

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

Auch der 1933 geborene Cees Nooteboom beglückt uns mit einem "Gedicht aus der Zeit des Virus", und auch bei ihm sagt der Titel eigentlich alles: "Abschied" (übers. von Ard Posthuma, Suhrkamp, 2021) heißt sein Langgedicht in 33 Strophen, und es präsentiert einen Dichter, der fortwährend zwischen dem Ich und dem Er hin und her wechselt und sich vor dem Verschwinden der eigenen Person auf das Elementare konzentriert. Er taucht ein in Bilder fern vom "Palaver der Welt" und auch von den Demütigungen des Alters. Nootebooms Altersgedicht hat etwas Erhabenes an sich, es ist, als schwebte der Dichter schon leicht über den Dingen, über der Welt, über der eigenen Person. Und es ist, was man Alterswerken besonders gerne nachsagt, nämlich ein weises Buch: "Wie viele Leben passen in ein Leben? / Wie oft ist derselbe Kopf jemand anderer?" Ganz am Ende ist der Dichter dann imaginär schon dort, wo Eichendorff den immerwährenden Frühling walten sah: "Hier muss es sein, / hier nehme ich Abschied von mir selbst / und werde dann langsam // niemand."