Am Anfang ist schon, verdammt einmal, geschimpft worden. Nur der Dezenz des Alten-Testament-Schreibers ist es anzulasten, dass wir die ersten Schimpfwörter nicht kennen. Damals, als Adam die Eva ein "Schlangenflittchen" nannte und die Eva den Adam einen "nackten Apfelfresser". So nämlich ist das in Wahrheit abgelaufen mit dem Verlust des Paradieses.

Nachher ist alles teils ein bisschen heftiger geworden, teils hat man einander die Unfreundlichkeiten mit feinerer Klinge beigebracht.

Die Sache mit Caesar zum Beispiel: "Auch du, mein Sohn", soll er zum Brutus gesagt haben, als der ihn mit einem Dolch traktierte. Im Ernst: Ist das glaubhaft? Cassius Dio, der das so überliefert, war ja ein ziemlicher Münchhausen. Jede Wette, dass Caesar etwas anderes gesagt hat. "Heast, Brutus, Du Nudlaug!", zum Beispiel, also nicht wörtlich, naturgemäß, eher hat er gesagt: "Brute, mentula es!" Was aber auf "Heast, Brutus, Du Nudlaug!" hinausläuft, wienerisch gesprochen, halt.

Apokryph? - Apokryph, um nicht zu sagen: eben erfunden. Zugegeben.

Stirbt die Garde wirklich?

Aber die andere Schimpfgeschichte, die ist schon wahrscheinlicher, die nämlich mit der Garde. Es war in der Schlacht von Waterloo. Die Engländer forderten Napoleons Elitesoldaten zur Kapitulation auf, worauf deren Befehlshaber, ein gewisser General Pierre Cambronne, den historischen Ausspruch tat: "Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht." Auf Französisch: "La garde meurt, mais se ne rends pas." Aber hat Cambronne tatsächlich das gesagt?

Kurz einmal in die Lage des Generals versetzt: Kapitulationsaufforderung seitens der Fish-’n’-Chips-Fresser - und jetzt? "La garde meurt und so weiter und so fort" oder "merde!" im Sinne von, wienerisch gesprochen, Pardon: "Geht’s scheißen!" Bitte, selbst entscheiden.

Apropos Französisch: Wie kann eine Sprache, die gefühlte hunderttausendunddrei Ausdrücke für die verschiedenen Abstufungen des Geschlechtsverkehrs hat, nur dermaßen arm an Schimpfwörtern sein? Vor lauter courtoisie haben die wirklich kaum etwas außer "merde". "Fils de pute" ist "Hurensohn" und "pouffiasse" heißt "Schlampe". Mon dieu, da wird man ja rot. Wenn man ausreichend Rouge aufträgt.

Es liegt nicht an der der romanischen Sprachfamilie. Die Italiener ziehen weit fantasievoller vom Leder. Darf man die Ausdrücke übersetzen oder legt das Layout im Auftrag der Chefredaktion schamhafte schwarze Balken darüber? Wissen Sie was? - Probieren geht über studieren!

"Faccia di culo" schleudert der Italiener einem entgegen, den er für ein "Arschgesicht" erachtet, und fragt dann solch einen "Pezzo di merda" ("Stück Scheiße"): "Hai ficcato con il tuo cane?" ("hast du mit deinem Hund geschlafen?"), befiehlt diesem "Culone" ("Fettarsch"): "Succhiami la minchia" ("lutsch’ mir den Schwanz"), kommt dann zum Ergebnis: "Sei una minghia secca" ("Du bist ein ausgetrockneter Penis") und beschließt die Konversation mit der Feststellung: "Tu puzzi come la fogna" ("Du stinkst wie die Kanalisation"). Das nenne ich jemanden beleidigen! Weil: Schon einmal an einem heißen Julitag in Neapel gewesen? Den Hafen aufgesucht, um das Eierkastell zu betrachten? (Es geht ausnahmsweise wirklich um das Ei eines Huhns, nicht, dass aus dem Zusammenhang da jetzt etwas anderes abgeleitet wird.) Venedig ist harmlos dagegen!

Menschenskind, man darf doch auch beim Schimpfen etwas sprachgestalterische Kraft erwarten!

Unter der Gürtellinie

Wobei sich ein spezielles, nämlich das Glied als Schimpfwort durch zahlreiche Sprachen zieht. Kaum eine Sprache, in der man das verachtete männliche Gegenüber nicht einen "Schwanz" nennt. Im Russischen ist er als "chuj" eine der vier Säulen des Mat, der Vulgärsprache. Die drei anderen sind "pisda" ("Fotze"), "bljad’" ("Hure") und "jebat’" ("ficken"). Aus diesen Grundwörtern entwickelt das Russische sein Kernrepertoire an Despektierlichkeiten. Hinzu kommen die auch in anderen Sprachen üblichen Tiervergleiche. Aber der "Hundeschwanz" ist kein Monopol des Russischen. Im Luxemburgischen gibt’s den "Hondsbeidel" und im Niederländischen den "Hondelul".

Im Wienerischen spielt der "Schwanz" gleichfalls eine bedeutende Rolle, nur versteckt er sich hinter den Dialektausdrücken "Nudel" und "Wurst". Der Hanswurst hatte mit der Eitrigen rein gar nichts zu tun - und nicht nur, weil die Käsekrainer eine spätere Erfindung ist.

Das "Nudlaug" ist durch die Fernsehserie "Ein echter Wiener geht nicht unter" bekannt geworden. Aber da gäbe es noch den "Nudlfriedhof" für eine Frau, der man einen reichlichen Partnerwechsel nachsagt, und ein "Nudeldrucker" ist ein Geizkragen, einer, der herumdrückt, und zwar nicht allein auf dem Geldbeutel.

Wobei es eigentlich seltsam ist, dass ausgerechnet das männliche Geschlechtsorgan stets, und gerade männlicherseits, solche Abwertung erfährt. Wäre es nicht schimpflicher, als etwas ganz und gar Unnötiges, Verwendungsunfähiges oder Bizarres bezeichnet zu werden? Immerhin wohnt dem Penis doch, bei mehr oder minder naturgemäßer Verwendung, einiges an Genussgewinn inne. Was aber, wenn man das Gegenüber solchermaßen herabzusetzen gedenkt: "Du ogsoffanes Donau-U-Boot!" Oder: "Wos wüüst, du grissane Foaradlkettn?" Oder gar: "Heast, du Puszta-
Beagsteiga!"

Waren die Römer, um auf sie zurückzukommen, einfallsreicher als unsereiner, der seinen Unmut vorzugsweise mit ungesäuberten Körperöffnungen artikuliert? Mitunter durchaus. War man Angehöriger gehobener Schichten, bezeichnete man einander im Bedarfsfall mit Handwerkerberufen oder goss die ausführlichen Schmähungen gar in Versmaße. Man spielte auf das Aussehen an oder auf Halbbildung, und selbstverständlich auf - drei Mal raten. Das "Nudlaug" - die Römer könnten es gewesen sein, die es seinerzeit in Vindobona eingeführt haben.