Mit dem historischen Roman "Debütantenball" vor dem Hintergrund des Wiener Kongress 1814 liefert Michaela Baumgartner mit der Familie des Grafen Friedrich von Wohlleben einen recht ungeschminkten Einblick in das damalige gesellschaftliche Leben.

Andere mögen Regionalkrimis wie vom Fließband produzieren, die gebürtige Oberösterreicherin Michaela Baumgartner, die Geschichte und Germanstik studiert hat, verlegt sich lieber auf ein Genre, das in früheren Monarchien auch immer auf Interesse stößt: Bücher, die die Leserinnen und Leser in die Welt der Herrscher und Adeligen entführen. Ein bisschen erinnert es an Schlüsselloch-Perspektive. Aber auch der Medienrummel und das englische Königshaus und Lady Di oder auch die Faszination für die Habsburger sind Beweis dafür, dass sich Menschen dafür interessieren.

Mit ihrem Erstling "Debütantenball" lässt die sprachlich versierte Autorin diese Welt mit den Wendungen der adeligen Familie Wohlleben, in der Nesthäkchen Fanny vor dem Ball und damit der offiziellen Einführung in das herrschaftliche, gesellschaftliche in der damaligen Reichshauptstadt steht, auferstehen. Auch wenn der Roman vor gut 200 Jahren spielt, so wirken die Unwägbarkeiten für die Eltern wie aus der Gegenwart: die Sorgen der Mutter, das Entdecken der Sexualität durch eine Teenagerin, das Aufrechterhalten einer heilen Familienwelt. Allerdings haben es erwachsen werdende Mädchen ungleich einfacher als im beginnenden Biedermeier, in der Frauenrechte und Feminismus noch ein Fremdwort waren.

Fanny, die jüngste Tochter der Familie von Wohlleben wird zum erotischen Spielball eines jungen Adeligen, der sie ausnützt. Ihre ältere Schwester kämpft mit den seelischen Auf und Abs einer Liebe und damit, dass eine wissbegierige und vife Frau, die eine Forscherkarriere einschlagen will, einen schweren Stand hatte. Deren Bruder Georg ist in der Aufpasserrolle für die beiden Schwestern. Dazu kommt der konkrete historische Bezug des fiktiven Werks mit der russischen Fürstin Katharina Pawlowa Bagration, die ihr Erotik für politische Intrigen einsetzt.

"Debütantenball" ist kein historischer Kitsch. Die gesundheitlichen Folgen für Frauen, die als leichte Mädchen herhalten müssen, werden nicht ausgespart. Die harten persönlichen Folgen eines lockeren Lebens junger Mädchen vom Land in Wien ebenso. Auf 340 Seiten entrollt Baumgartner das Familien- und Sittenbild der Zeit mit dem Verhalten der teils görenhaften Fanny und ihrer frivolen Eskapaden, mit der besonnenen Schwester Sophie, den Gepflogenheiten und aristokratischen Hochnäsigkeit und hält etwa für Sophie und die Leser auch noch die eine oder andere Überraschung bereit.

Andere mögen Preise für ihre Werke gewinnen, Baumgartner unterhält mit ihrer sprachlichen Begabung die Leserschaft, ohne gekünstelt historisch zu wirken. Mit "Debütantenball" schafft Baumgartner ein Debüt, das bei etwas einschlägig interessiertem Publikum auf furchtbaren Boden fallen sollte. Den x-ten Krimi aus Hinter-Ober-Untern-Dorf lässt sie locker hinter sich.