Dieses Buch heißt "Lieben". Es könnte aber genauso gut auch Sterben heißen. Oder Leben. Oder am besten Lieben, Sterben, Leben. Denn genau darum geht es, diese drei Begriffe bilden das existen-zielle Dreieck, innerhalb dessen Tomas Espedal sein autofiktionales Projekt entfaltet.

Wie schon im Vorgängerband, der den Titel "Das Jahr" trug, ist es auch jetzt wieder ein einziges Jahr, das den zeitlichen Rahmen bildet. Diesmal allerdings soll es das letzte sein im Leben des Ichs - eines Ichs, das hier in eigenwilliger Er-Form erscheint, sodass die beiden - Ich und Er - auf ganz spezielle Weise ineinander verschwimmen.

"Ich wollte den guten Tod sterben. Nicht denjenigen, der jählings kommt oder als Unfall, oder als Krankheit, nicht denjenigen, den man verdrängt und verleugnet, sondern den Tod, dem man entgegengeht, den man wählt. Ich wollte sterben, während er noch voller Lebenskraft und geistiger Frische war, er wollte gern an einem Tag sterben, an dem er zufrieden war und es ihm gut ging. Vor einem Jahr hatte Ich seinen großen Entschluss getroffen, und er wusste, dass dieses Jahr anders werden würde als alle anderen Jahre zuvor. Er hatte keine Pläne und wollte das Jahr entgegennehmen, wie es auf ihn zukam, als Geschenk. Über das kommende Jahr wusste er nichts, als dass es sein letztes sein würde. Der letzte Juli, der letzte August und Herbst, Winter und Frühling, die letzte Woche und die letzten Tage, wie ein Countdown und eine Intensivierung des gegenwärtigen Tages."

Letzte Liebe

Schon kurz, nachdem das Ich seinen Entschluss gefasst hat, tritt noch einmal die Liebe in sein Leben, und zwar in Gestalt der mehr als zwanzig Jahre jüngeren Aka. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Beziehung, Aka wird schwanger, doch das Ich behält für sich, dass dieses Kind - sein Kind - ohne Vater aufwachsen wird.

- © Matthes & Seitz
© Matthes & Seitz

Trotzdem erlebt der Erzähler noch einmal ein Glück, das ihm im Leben zuvor versagt blieb. Die eine große Liebe starb, die andere verließ ihn, und erst jetzt, im Angesicht des eigenen Todes, schenkt das titelgebende Lieben endlich Erfüllung. "Ich war verliebt, und er wollte die Verliebtheit mit in den Tod nehmen. Er hielt das für einen schönen Gedanken: Vom Besten im Leben fortsterben. Wollte er nicht mit Aka leben? Er wollte mit Aka leben, aber sein Beschluss war gefasst; er lebt jetzt nach diesem Beschluss, dank seiner lebte er stärker, er hatte das Leben zurückerhalten durch den Tod."

Ja, auch in diesem Buch von Tomas Espedal wird wieder reichlich getrunken und über all die nicht gelebten Möglichkeiten des eigenen Lebens, vor allem die gescheiterten Lieben sinniert. Das Umschlagbild mit einem düster dräuenden Himmel lässt Finsteres ahnen. Doch oh Wunder: "Lieben", dieses Buch über das Sterben, ist zu einer Ode an das Leben geworden. Anders als in den früheren Texten dieses autofiktionalen Projekts fehlen die todtraurigen, quälenden, todessehnsüchtigen Gedanken des Ichs dieses Mal fast völlig. "Lieben" ist ein beinahe heiteres, zumindest aber sehr waches, scharfsichtiges Buch geworden, ein Buch voller Leben. "Er ist vom Leben berauscht. Weil er sterben wird."

Eine Befreiung

So seltsam es klingt: Der Entschluss, nun endlich den selbstgewählten Tod zu sterben, wirkt wie eine Befreiung. Und die Tatsache, dass Ich und Er sich vermischen, zugleich aber auch auseinanderdriften, scheint das Sterben zu erleichtern. Am Ende jedenfalls, als der Tag gekommen ist, geht das Ich noch mit bis zur Mitte der Brücke, von der Er dann - so müssen wir zumindest vermuten - springen wird. Der autofiktionale Pakt, am Schluss wird er aufgekündigt, das Ich des Schreibenden bleibt zurück, während das Er den letzten Schritt tut.

Tomas Espedals aus zehn Bänden bestehende Selbsterkundung findet mit "Lieben" ein fulminantes Ende. Er hat in deren Verlauf die unterschiedlichsten literarischen Formen ausprobiert und eindrucksvoll gezeigt, dass nur die Poesie, das dichterische Sprechen jenseits aller Gattungskategorien, die Vergänglichkeit auf Abstand hält. Selbst jetzt, da es tatsächlich ans Sterben geht, rettet sich die Erzählstimme, indem sie das Er dem Tod überantwortet. Und so dürfen wir auf weitere große Texte dieses großen Autors hoffen.