Ist die Katastrophe bereits eingetreten oder steuert die jeweilige Geschichte darauf zu? So genau ist das aus Emma Clines Erzählungen nicht immer herauszulesen, denn die 1989 geborene kalifornische Autorin konzentriert sich auf jene Lebensphasen und Situationen im Leben ihrer Protagonistinnen und Protagonisten, da die Entscheidung, wohin der Weg führt, noch in Schwebe ist.

Den geografischen und sozialen Rahmen der zehn Kurzgeschichten, die seit 2013 entstanden sind und zuerst in namhaften Zeitschriften veröffentlicht wurden, bildet das moderne Amerika, angesiedelt zwischen Country Life und Hollywood.

Die Versuchungen, sich anzubiedern und zu verkaufen, sind vor allem in der Medienwelt groß. Wer sich nicht an die Spielregeln hält oder gegen den Willen vermeintlicher Gönner zu viel vom Kuchen möchte, gerät unter die Räder. Wie zum Beispiel Ben in der geschlechterverdrehten MeToo-Geschichte "Menlo Park", der - nachdem er in ein berufliches und privates Desaster getrudelt ist - die Aussicht auf den rettenden Job verliert, weil er die Avancen einer Frau nicht erwidert.

Zudem widmet sich Cline wie in ihrem viel beachteten Erstlingsroman "The Girls" (2016) auch in diesem Buch wieder jungen Mädchen auf der Suche nach ihrer Identität. Beim Austesten ihrer Grenzen gehen sie oft einige Schritte zu weit, bringen sich selbst in Gefahr und merken erst hinterher, welch hohen Preis sie dafür bezahlen müssen. In der Geschichte "Das Kindermädchen" lässt sich eine junge Frau auf eine Affäre mit ihrem Arbeitgeber ein, einem bekannten Schauspieler, und bezahlt dafür mit gesellschaftlicher Ächtung.

- © Hanser
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Oft wird schon am Beginn einer Erzählung ("Marion") die schicksalshafte Zuspitzung deutlich: "In Zufahrten ohne Wendemöglichkeit brieten melonen- und mandarinenfarbene Autos vor sich hin. Im Schatten lagen keuchend Hunde mit dem Bauch nach oben. In den Hügeln, wo Marions Familie wohnte, war es kühler. Jeder, der sich auf der Ranch aufhielt, sei mit ihr verwandt, sagte Marion, leiblich oder sonst wie, und sie nannte alle Bruder oder Schwester."

Daddys wiederum spielen eine titelgebende Rolle in allen Schattierungen von bemüht bis gescheitert. So resümiert ein zu Aggressivität neigender Vater in der Geschichte "Was macht man mit einem General" über die Therapie seiner Tochter: "Wie es aussah, hatte das Ganze ihr lediglich neue Worte geliefert, mit denen sie beschreiben konnte, wie schrecklich ihre Eltern waren." Die Väter ringen um Fassung und Haltung, damit das Chaos ihrer Seelenwelt und das Ausmaß ihrer Demütigungen nicht offensichtlich werden: "Der Zorn in Richard wuchs und brodelte, fiel ihm so leicht wie das Atemholen, so leicht wie Nichtantworten. Er stopfte sich ein Stück Brot in den Mund, trocken und salzlos, und kaute entschlossen." ("Northeast Regional")

Das Perfide der jeweiligen Situation kommt in Clines Beschreibungen vor allem durch geschicktes Understatement zum Ausdruck. Literarisch analytisch beobachtet sie Menschen, die dabei sind, den Boden unter den Füßen zu verlieren, aber so tun, als sei noch alles in Ordnung. Um ihre Selbstachtung aufrechtzuerhalten, brauchen sie Aufputschmittel, Medikamente gegen Angststörungen und Depressionen sowie ein großes Maß an Selbstverleugnung.

Sie betrachten sich am liebsten im euphemistischen Zerrspiegel, der suggeriert: So schlimm ist es eigentlich gar nicht. Aber die zum Teil selbst verschuldeten Niederlagen, Bloßstellungen und Herabwürdigungen sind doch schlimm, und so vibrieren unter der funkelnden Oberfläche Beziehungs- und Arbeitsstress, Verzweiflung und Einsamkeit.

Diese souverän erzählte Diskrepanz zwischen Sein und Schein entfaltet selbst in vorgeblich banalen Situationen eine literarische Überzeugungskraft, die in der deutschen Übersetzung von Nikolaus Stingl in jedem Absatz erhalten bleibt.