Es ist früh am Morgen. Ein ligurischer Morgen wie jeder andere. Müde blinzelt die Morgensonne hinter den weißen Wolken hervor, verschwindet wieder und taucht erneut auf, als spiele sie Verstecken. Rhythmisch schwappt das Meer auf die Felsbrocken unterhalb der mit Blumenbeeten und Sitzbänken gesäumten Promenade. Das sachte Rauschen der Palmenblätter wirkt wie Musik, die hier und da vom Bellen eines Hundes begleitet wird. In der Ferne die Silhouette eines Segelbootes, das sich wie eine Federstrichzeichnung vom Meer abhebt.

In den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts war es vor allem unter Künstlern und Literaten von Weltruf Mode, die Wintermonate im milden Süden Liguriens zu verbringen. "Wo fände ich einen besseren Platz als hier, um den Winter zu verbringen", fragte sich vor mehr als 90 Jahren der irische Dichter und Nobelpreisträger, William Butler Yeats. Er war nicht der einzige Riviera-di-Levante-Fan.

Die Zeiten, als prominente Dichter in Rapallo abstiegen, sind vorbei. - © Sigrid Mölck-Del Giudice
Die Zeiten, als prominente Dichter in Rapallo abstiegen, sind vorbei. - © Sigrid Mölck-Del Giudice

In Rapallo sind die Hauswände wie nirgendwo sonst mit Gedenktafeln bespickt. Wie Yeats verbrachten Oskar Kokoschka, Jean Sibelius, T. S. Eliot oder Ernest Hemingway Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem die ungemütliche Jahreszeit wegen des milden Klimas gern an der ligurischen Küste. Ezra Pound lebte dagegen ununterbrochen von 1924 bis 1945 in einer Mansarde in der Via Marsala 20, wo er mit einer renommierten einheimischen Wochenzeitschrift zusammenarbeitete und Konzerte organisierte.

Auf den Spuren des Frühlings

Gerhart Hauptmann, immer dem Frühling auf den Spuren, zog die elegante Atmosphäre des Excelsior Palace Hotels vor. Von der Dachterrasse konnte er das das Meer und die 1550 erbaute trutzige Festung, das Symbol Rapallos, sehen: Ein wuchtiger Klotz auf einem Felsen, der einst zur Verteidigung diente und heute als Ausstellungsort genützt wird. Sein Zimmer wählte Hauptmann so, dass er entlang der Riviera blicken konnte. Ihn faszinierte in Italien "die ganze ungeheure Kultur" und die Atmosphäre, die ihn immer wieder inspirierten. Elf Jahre, so kalkulieren Hauptmanns Biografen, soll er insgesamt - wenngleich nicht kontinuierlich - in Italien verbracht haben.

Auch Friedrich Nietzsche zog es in den Wintermonaten ans Mittelmeer. Seit der Fertigstellung des St.-Gotthard-Eisenbahntunnels im Jahr 1881 war die Reise zwischen der Schweiz und der Riviera mühelos zu bewältigen. Nietzsche fand in der italienischen Natur die Inspiration, die er brauchte. Mit dem mediterranen Klima verband sich auch die Hoffnung auf eine Besserung seines immer schlechter werdenden gesundheitlichen Zustands. Er litt unter so schlimmen Schmerzanfällen, dass er Narkotika einnehmen musste und sich selber, als Dr. Nietzsche, Rezepte für Medikamente ausgestellt haben soll.

Mit dem Wetter hatte der Philosoph, als er sich im Dezember 1882 für ein paar Wochen in einer bescheidenen Pension in Rapallo einmietete, jedoch wenig Glück. Es war ein ungewöhnlich frischer, feuchter Winter. "Dessen ungeachtet und fast wie zur Bestätigung meines Prinzips, dass alles Entscheidende ,nichtsdestotrotz‘ entsteht, entstand mein ,Zarathustra‘ gerade in jenem Winter und unter jenen ungünstigen Umständen", notierte er befriedigt.

Trotz des schlechten Wetters machte sich der "professore tedesco" unter den verständnislosen Blicken der Rapallesen, wie in einem Schaffensrausch, jeden Morgen forschen Schrittes durch den Pinienwald in Richtung Zoagli auf den Weg. Nachmittags spazierte er, wenn es ihm sein Gesundheitszustand erlaubte, die Bucht von Santa Margherita entlang, oft bis nach Portofino. "Auf diesen beiden Wegen", schrieb er, "kam mir mein ganzer ,Zarathustra‘ und vor allem der Typus des Zarathustra entgegen: genauer gesagt, er überfiel mich. . .".

Zoagli, in uralte Pinienhaine und schroffe Felsformationen eingebettet, war im 18. und 19. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der Samt- und Seidenweberei. 1.200 Webstühle soll es in der Gegend gegeben haben, von denen die meisten in Privathäusern standen. Heute existieren nur noch zwei Familienbetriebe, wenngleich von Ruf.

"In den 60er Jahren," erklärt Magda Cordani, Mitinhaberin des gleichnamigen Unternehmens, stolz, "haben wir Samt für die Innenausstattung des Weißen Hauses in Washington hergestellt und Jacqueline Kennedy mit Seide für ihre Garderobe versorgt." Heute arbeitet das Unternehmen mit namhaften Geschäften in aller Welt zusammen und stellt Kleider nach Maß aus kostbaren Stoffen her.

In der Weberei Gaggioli klappern die Webstühle dagegen nur, wenn Aufträge vorhanden sind. "Mehr als 30 Zentimeter ziselierten Seidensamt mit 12.240 Fäden und 30 Motiven in einem einzigen Zentimeter schaffen wir nicht am Tag. Und die können wir natürlich nicht einfach auf den Markt schleudern", erklärt Signor Giuseppe. Selbst Papst Paul Johannes II. soll zu seinen Kunden gehört haben.

Anfang des vergangenen Jahrhunderts, als das Reisen noch eine standesgemäße Angelegenheit war, konkurrierten die mondänen Orte am Golfo del Tigullio um die Gunst der betuchten Riviera-Bummler. Sogar Kaiser Wilhelm II. verbrachte 1914 ein paar Urlaubstage in Portofino. Er war Gast des Champagnerbarons Alfons von Mumm, der dort ein imposantes Kastell besaß, das heutige Castello di San Giorgio. In den 1950er Jahren sorgten Winston Churchill und Aristoteles Onassis für Notizen. Gleichzeitig entdeckte Hollywood den attraktiven Ferienort.

In den folgenden Jahrzehnten bestimmten die hochseetauglichen Segel- und Motoryachten des europäischen Geldadels das Bild der Bucht von Santa Margherita. Die Luxushotels waren im Sommer ausverkauft. Dann kamen die Ölscheichs und russischen Oligarchen. Gleichzeitig begannen die ersten Tagesausflügler und Urlauber die Riviera di Levante zu entdecken.

Möwen und Touristen

Doch die Zeiten, als die Küstenorte Dichter und Denker zu ihren Werken inspirierten, sind vorbei. Die schmale Küstenstraße nach Portofino, auf der Nietzsche einst die "Möwen über den heimkehrenden Fischerkuttern" beobachtete, ist heute in der Hauptsaison von Wagenkolonnen mit Ausflüglern verstopft. Auf der "Piazzetta", Dreh- und Angelpunkt Portofinos, auf der sich einst am Spätnachmittag die Geldaristokratie zum Aperitif traf, spazieren jetzt Touristen und vertreiben sich mit Selfies die Zeit, bis in einem der bekannten Cafés ein Tisch frei wird und sie den teuersten Eisbecher ihres Lebens genießen können.

Doch jenseits der mondänen Enklaven hat die Riviera di Levante eine angenehme Mischung aus Ursprünglichkeit und Tourismus bewahrt. In Camogli, einem ehemaligen Fischerstädtchen, geht es fast das ganze Jahr über mit dörflicher Ruhe zu. Nur wenn alljährlich das ligurische Fischfest zu Ehren des Heiligen Fortunato gefeiert und in einer 28 Doppelzentner schweren Pfanne mit einem Durchmesser von 6 Metern in 3.000 Litern Öl fangfrischer Fisch gebraten und gratis verteilt wird, wird es an der Uferpromenade eng. Die bis zu acht Stockwerke hohen "Wolkenkratzer" aus dem 18. und 19. Jahrhundert sollen so bunt gestrichen worden sein, damit die Fischer ihre Häuser schon von Weitem erkennen konnten. Heute sind sie ein beliebtes Fotomotiv für Werbeplakate.

Rapallo hat sich inzwischen vom Seebad der Belle Epoque zur geschäftigen Kleinstadt entwickelt. In den späten Nachkriegsjahren wurde das heute knapp 30.000 Einwohner zählende Küstenstädtchen maßlos mit Appartement- und Ferienhäusern bebaut - einschließlich einer stattlichen Hafenanlage mit bis zu 400 Liegeplätzen für Segelboote und gut organisierter Strände und Badeterrassen. Man setzt nicht auf Wintergäste, sondern vor allem auf Sommerurlauber.

Die kleine Pension, in der Nietzsche schlaflose Nächte verbrachte, ist heute ein privates Mehrfamilienhaus. Nur die Gedenktafeln an den Hauswänden zeugen noch von der Bedeutung des einst elitären Ferienortes. Doch wenn die Haupturlaubszeit vorbei ist, tritt wieder eine gewisse Ruhe an der Küste ein. Dann kann man auf den einsamen Serpentinen in Zoagli manchmal das rhythmische Klappern der Webstühle hören.