Der Oberösterreicher Florian Neuner ist seit Jahren in Berlin als Schriftsteller, Herausgeber (etwa der Zeitschrift "Idiome. Hefte für neue Prosa" mit Ralph Klever in Wien) und Rundfunkautor (für "Deutschlandfunk.Kultur") tätig, seit 1. September fungiert er als Stadtschreiber von Graz. Eines seiner Themen ist die genaue Beschreibung von urbanen und industrialisierten Großräumen.

2010 veröffentlichte er ein frühes Hauptwerk, "Ruhrtext. Eine Revierlektüre". Das Buch umfasst 500 dichte Seiten über das westdeutsche Ruhrgebiet, eine der weltweit größten Regionen der Industriellen Revolution seit dem 19. Jahrhundert. Zitate des "Situationisten" Guy Debord und der Dichterin Waltraud Seidlhofer leiten das Buch ein: "die aus schrift gebildeten staedte", schrieb Seidlhofer, die als experimentelle Autorin eine Vorbildwirkung für die Entwicklung von Neuners eigenem sprachkritischen und -experimentellen Prosa-Ansatz hatte. Und eben auch, was die ausufernde Erwanderung und Betrachtung von "Stadtlandschaften" betrifft.

Im "Rust Belt"

Heuer erschien nun eine Weiterführung der Stadtbeschreibungen Florian Neuners mit dem markanten Titel: "Rost. Eine psychogeographische Expedition". Titel und Untertitel verweisen provokant auf eine zumindest bedenkliche Thematik - die des Zerfalls von Eisen -, die auf der Umschlagseite genauer erläutert wird: Der Autor versucht, auf mehreren Reisen in den mittleren Nordosten der USA, im sogenannten Rust Belt, dem vormaligen Stahl-, Kohle-, Erdöl- und Automobil-Großraum der Weltmacht USA, den Nieder- und Untergang von Industriestädten zu erleben, zu erwandern und zu beschreiben.

Die letzte Reise dazu, auf der der Großteil des Buchs auch basiert, fand im Jänner und Februar des Jahres 2020 statt. Demnach kurz vor dem ersten weltweiten Lockdown aufgrund der Pandemie.

- © Ritter Verlag
© Ritter Verlag

Für die Struktur von "Rost" hat sich der Autor auf ein ambitioniertes Programm eingelassen, was den Aufbau in unterschiedlichen Prosa-Formen und damit verbundenen Betrachtungen seiner "psychogeographischen Expedition" angeht. Damit wird auch der Leser herausgefordert, sich auf mehrere Blickwinkel einzulassen (zum Teil sind sie durch verschiedene Schrifttypen hervorgehoben) oder manche Passagen des Buchs mehrfach zu lesen.

Neuners Werk enthält vier größere Themenbereiche: Die Reiserouten sind als "Itinerar" (I-XVII) bezeichnet und enthalten Beschreibungen der Städte Washington/DC, Boston, Pittsburgh, Cincinnati, Indianapolis, Detroit und Cleveland.

Der zweite Bereich umfasst kürzere Exkurse über Entwicklung und politische Geschichte dieser Städte, wobei Neuner mit scharfem Blick die Kämpfe und Aufstände für Arbeitsrechte seit dem Beginn der Industrialisierung benennt.

Ein dritter Teil enthält "Reisebilder im Winter" von Pittsburgh, Cincinnati, Cleveland und Detroit. Und zusätzlich, den jeweiligen Stadt-Darstellungen nachfolgend, sind drei kürzere "Geschichten aus dem postindustriellen Zeitalter" eingefügt, die der Autor den Städten Pittsburgh (I), Detroit (II) und Cleveland (III) widmet.

Diese vier Themen sind in ihrer äußeren Form analog zu einem musikalischen Aufbau als "Themen mit Variationen" miteinander verschränkt, wobei die Reiseroute im großen geografischen Raum die Struktur vorgibt.

In allen Beschreibungen bleibt der Autor nahezu unpersönlich. Neuner verwendet kein Erzähler-Ich, sondern erwähnt an mehreren Stellen den "Reisenden" oder den "Stadtwanderer". Den durchaus subjektiven Passagen des "Itinerars", die distanziert-ironisch bis melancholisch gefärbt sind, gelingt dadurch ein anonymer Tonfall, von "irgendjemandem" von "irgendwoher".

Schriften der Stadt

Neuner folgt formal einer Neo-Avantgarde und verwendet weitere Stilmittel der literarischen Moderne: Montage von Textzitaten aller Art, Beschriftungen kommerzieller, öffentlicher, schulischer, religiöser Einrichtungen und Gebäude, Werbetafeln, touristische Prospekte oder Straßennamen der endlosen Avenues, die oft enorme Ausdehnungen besitzen und in Stadtviertel oder Suburbs führen, die seit Jahrzehnten verödet sind. Der anonyme Stadtwanderer begeht diese langen Strecken im Winter, notiert und fotografiert penibel die "Texte der Stadt" und transkribiert sie später bei der Niederschrift des Buchs zur Beschreibung eines Raums aus "Wörtern".

Verlassene Produktionsstätte der Fisher Body Co. in Detroit, wo einst Karosserien für General Motors produziert wurden. 
- © CC BY 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0 / Patrickklida / via Wikimedia Commons (Ausschnitt)

Verlassene Produktionsstätte der Fisher Body Co. in Detroit, wo einst Karosserien für General Motors produziert wurden.

- © CC BY 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0 / Patrickklida / via Wikimedia Commons (Ausschnitt)

Auffallend ist, dass Neuner in der Mehrzahl der von ihm besuchten Städte einen bereits seit langer Zeit anhaltenden Verfall der ursprünglichen Urbanität - jener der Gründerzeit dieser Städte etwa am Beginn des 20. Jahrhunderts - feststellt. Der Niedergang von vormaligen Großstädten wie Detroit, Michigan ("Was Gewaltverbrechen betrifft, nimmt Detroit noch immer einen Spitzenplatz in den USA ein") und Cleveland, Ohio, am Südufer des Lake Erie, begann schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg, meist aber in den 1960er Jahren, als der Boom der Fünfziger zum enormen Ausbau von Autobahnen, zum Anschwellen des PKW-Verkehrs und zur Ausdehnung nach "Suburbia" führte. Öffentliche Verkehrsmittel wurden ausgedünnt oder abgeschafft, die ökonomische Verarmung der Stadtzentren folgte später.

Neuner beschreibt mit frischem Blick, der durch seine Betonung der Gestalt der Stadt aus Wörtern auch in der Pedanterie der Zitate oft real-satirisch wirkt, eine urbanistische Katastrophe, die mindestens 60 Jahre alt ist. Bis jetzt finden sich keine Rezepte für grundlegende Verbesserungen.

Brennender Fluss

Die abschließenden Seiten des Buchs sind der Stadt Cleveland, Ohio, gewidmet -dazu ein Zitat aus dem "postindustriellen Zeitalter":

"Nach dem Zweiten Weltkrieg noch die ‚sechste Stadt‘, verlor dann aber immer mehr an Boden. (...) 1969 brannte auch noch der Cuyahoga River, d.h.: Eine Ölschicht auf dem schmutzigen Gewässer entzündete sich. Nicht nur Cleveland litt an der Krise der Städte, war trist geworden & grau. Eine der dunkelsten Städte, die sie jemals gesehen hätten. Stellten Stadtplaner 1970 fest."