Dass es die Zwerge schwer haben, wussten wir schon immer - erst recht in den Legenden über die großen Helden. Und so müssen sie in Felicitas Hoppes satirischem Roman "Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm" am Ende servieren und vielleicht auch noch den Abwasch machen.

Der dürfte indes übel werden. Denn wie schon in der titelgebenden Ur-Sage bleibt nach der Fehde ein gigantisches Blutbad zurück. Was dem vorausgeht, erzählt die Büchner-Preisträgerin (2012) nicht nur mit Sinn für absurde Komik und in spielerischen Brechungen gegenüber der Vorlage, sondern wählt als spezielle Form die Theaterinszenierung, genauer: die alljährlich stattfindenden Festspiele vor dem Wormser Dom.

Ironie und Gemetzel

Klar, es gibt auch bei der geschilderten Bühnenshow die Stationen des Klassikers: Siegfrieds Tötung des Drachen, dann die Entjungferung Brunhilds für Gunther mittels Tarnkappe, inklusive der Hochzeitsnacht mit Kriemhild. Es folgt plangemäß die Ermordung des Heroen durch den intriganten Hagen. Damit die Chose zuletzt ihr bekannt tragisches Ende findet, sinnt die Hinterbliebene selbstredend auf Rache und wird später mit Hilfe ihres neuen Ehemanns Etzel die rheinländische Hofgesellschaft bitter zur Rechenschaft ziehen. So weit die Kurzfassung des deutschesten Mythos der Deutschen (dessen Kenntnis die Hoppe-Lektüre übrigens weitgehend voraussetzt).

Nachdem dieser, allen voran befeuert durch die nationalsozialistische Vereinnahmung, nur so vor Pathos trieft, macht Hoppe daraus eine ironische Posse. In den Pausenzeiten werden die Schauspielerinnen und Schauspieler mit viel privatem Gerede zu ihren Rollen interviewt. Zur schlussendlichen Kampf-Orgie tischt man auf den letzten Seiten erst einmal eine Torte (mit Gift?) auf. Zudem gibt es allerlei absurde Figuren, mitunter einen personifizierten Schatz, der - stark malträtiert - durch das Stück humpelt.

- © S. Fischer
© S. Fischer

Spätestens bei redendem Gold deutet sich die Gegenwärtigkeit des Stoffes an. Entwickelt es ein Eigenleben, hat man die Kapitalismuskritik, mithin den ungebändigten Finanzstrom, im Schlepptau. Ganz im frühsozialistischen Sinne, wie ihn by the way schon Richard Wagner in seiner musikalischen Interpretation durchschimmern ließ, findet auch der Klassenkampf seinen Raum im Werk der 1960 in Hameln geborenen Schriftstellerin - sind es doch die bereits erwähnten Zwerge, die in "Die Nibelungen" gar die Häutung fürchten müssen. Wohl auch aufgrund des gewaltsamen Konflikts zwischen "denen da oben" und "uns hier unten" dürfte auch Quentin Tarantino in den abschließenden Credits als verantwortlich für die Dramaturgie ausgewiesen sein.

Neben dem ökonomischen Aktualisierungspotential hebt die Erzählerfigur darüber hinaus jenes in Sachen Gender hervor. Denn "in den Nibelungen wimmelt es doch nur so von Frauen, die davon träumen, endlich in Männer verwandelt zu werden".

Bereits Elfriede Jelinek hatte in ihrem Lesedrama "Rein Gold" (2013) jene teils schon dem Stoff innewohnenden gesellschaftspolitischen Schichten offengelegt. Neu fällt Hoppes Zugang somit nicht aus. Weder verhilft ihre zwischen Nacherzählung und Kommentar schwankende Komposition zu neuen inhaltlichen Einsichten, noch überzeugt die Art ihrer Darbietung. Ein Kalauer à la "Wer schlägt die Bresche und legt seinen Kopf in die Wäsche?" jagt den nächsten. Überdies sind die Seiten beladen mit endlosem Geschwätz - beispielsweise über die Frage, warum der Hunnenkönig eine Null ist und Siegfried nicht zu den Grünen passt.

Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Wunschvorstellungen der Zuschauerinnen und Zuschauer, die mit Fug und Recht auch für einen echten Drachen bezahlen. "Nichts gegen höfisches Personal und gute Manieren, aber der Drache ist nicht verhandelbar (...). Als unverzichtbarer Teil der ganzen Geschichte muss er grundsätzlich vor der Pause erschlagen werden." Nun denn, solcherlei ironische Finten sorgen hier und da für manchen Lacher. Über die Zähflüssigkeit und allgemeine Schwäche des Werks täuschen sie aber nicht hinweg.

Alles nur Kulisse

Sein einziger Reiz äußert sich in der Finesse des unzuverlässigen Erzählers, des Kronzeugens des Geschehens. Wie schon in ihrem autofiktionalen Roman "Hoppe" zeigt sich die Autorin erneut als Talent, wenn es um die literarische Erosion von Wirklichkeit und Wahrheit geht. Angesichts der unterschiedlichen Handschriftfassungen des Nibelungenliedes erweist sich dieser Einfall als kluges Strukturelement, das den mittelalterlichen Stoff letztlich in ein postmodernes Setting überführt.

Nichts darf man darin noch ernst nehmen, die Story um Liebe, Macht, Verrat und Rache - sie entpuppt sich in Hoppes Deutung als reine Kulisse und Projektionsfläche. Diese Sichtweise mag vielleicht noch charmant anmuten. Über ihre Dringlichkeit kann man aber beherzt streiten.