Die zwanzigjährige Isolde ist davon überzeugt, dass die Banken schädlich sind, weshalb sie ihr Geld in einem Sparschwein aufbewahrt. Sie versucht, ihre Mitmenschen zu dieser Privat-Ökonomie zu bekehren, am Ende ihrer Rede bedankt sie sich mit der wohlfeilen Phrase: "Ihr wart ein Super-Publikum."

So ehrlich überzeugt die Sparschwein-Aktivistin auch sein mag, so spärlich sind doch ihre Kenntnisse des Bankgeschäfts. Mit diesem Widerspruch passt sie gut in den Prosaband "Fein vorbei an der Wahrheit" von Klemens Renoldner, in dem ihr satirisches Porträt enthalten ist. Denn hier umkreisen 18 "Erzählungen, Monologe, Reportagen" die altehrwürdige Frage "Was ist Wahrheit?"

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Renoldner steuert indes nicht frontal auf sein Thema zu, sondern schlendert auf immer neuen Umwegen fein daran vorbei. So berichtet er von einem alten Mann in Buenos Aires: "Die rechte Hand zum Hitlergruß erhoben, rief er, mit spanischem Akzent immer wieder: ‚Deutschland, Deutschland - ein Problem!‘ Mehr kam nicht über seine Lippen, immer wieder nur diese Worte, denen jeweils eine Lachsalve folgte." Der Reisende deutet diesen Auftritt als Reaktion auf den Einzug der AfD in den deutschen Bundestag, der an diesem Tag auch in Argentinien für Schlagzeilen gesorgt hatte. Aber was bedeutet die Lachsalve? Wer es wissen will, lese selbst.

Der erste Teil des Bandes enthält fünf längere "Erzählungen", in denen der 1953 in Schärding geborene Autor seine Jugendzeit untersucht. Diese oberösterreichische Recherche beginnt mit der Geschichte "Ein Denkmal für den Urgroßvater". Der Titel irritiert, denn die Hauptperson ist hier eindeutig der Großvater des Autors, Alois Renoldner. Aber allmählich versteht man, warum er nicht als Titelheld gewählt wurde, und man erkennt zugleich, dass der Autor hier wieder einen seiner schönen Umwege eingeschlagen hat.

Dieser Großvater war Polizeibeamter in Linz und wurde 1938 von seinem Vorgesetzten denunziert und im KZ Dachau inhaftiert. Nach 1945 wurde er rehabilitiert, aber der Polizeioffizier, der ihn und andere ins KZ gebracht hat, wurde ebenfalls freigesprochen. War das gerecht? Darüber scheint der alte Herr Renoldner nicht weiter nachgedacht zu haben. Seine Lebensmaxime hieß: "Auf der Welt, sagte mein Großvater, gibt es zwei Sorten von Menschen: die anständigen und die Halunken." Der Enkel schließt aus diesen Worten, dass er in einer Zeit aufgewachsen ist, in der zwar viel von "Anstand" die Rede war, unliebsame Wahrheiten aber verschleiert wurden.

So kurz gefasst, ist das nur eine plausible These, die aber in den Erzählungen anschaulich ausgemalt wird. Der Autor ist eben in allen seinen Texten ein geduldiger Beobachter kurioser Einzelheiten, die sich unter seinem kritischen, politisch wachen Blick als zeithistorisch aufschlussreich erweisen.