Es beginnt mit einer Nachricht auf einem Facebook-Account und danach kommen noch viele weitere Nachrichten. Sie sind an Ruth Ziegler gerichtet, die Ich-Erzählerin aus Doris Knechts neuem Roman, und sie sind keineswegs erfreulichen Inhalts, sondern vermelden verletzend und obszön Details aus Ruths Privatleben - was sie umso heftiger trifft, weil ihr vor drei Jahren nach einem Unfall verstorbener Mann ebenfalls in den Botschaften vorkommt.

Das Schlimmste: Diese Nachrichten bekommen auch etliche von ihren Bekannten, Familienangehörigen und Freunden. Natürlich sind die Nachrichten anonym, mit wechselnden gefälschten Absendern. Und sie werden immer bedrohlicher.

Mit erzählerischer Eleganz führt Doris Knecht nach und nach verschiedene Personen in die Geschichte ein, die Ruth nahestehen: ihre beiden Söhne und die Pflegetochter Sophie, Nachbarn, Freundinnen, darunter die Therapeutin Johanna, Ruths neuer Geliebter Simon - ein smarter, aber bindungsscheuer Mann -, ihr unkonventioneller Herzensfreund Wolf, Barkeeper Billy, entfernte Bekannte und Kollegen, mit denen die Drehbuchautorin Ruth zusammenarbeitet.

- © Hanser Berlin
© Hanser Berlin

Man klopft sie alle nach einem etwaigen Motiv ab. Der Stalker oder die Stalkerin muss jemand aus Ruths unmittelbarem Umfeld sein, denn nur wer ihr einigermaßen nahesteht, kann all diese privaten Details wissen. Vielleicht weiß das alles aber auch Valerie, die ehemalige heimliche Geliebte von Ruths Mann. Aber steckt sie wirklich hinter der Sache? Wer schreibt all diese unverschämten und beschämenden Nachrichten?

Diese Frage hält nicht nur die Hauptadressatin, sondern auch die Leserschaft in Atem. Man möchte, dass Ruth rasch herausfindet, wer ihr so übel nachstellt. Oder doch wieder nicht so rasch, denn dann wäre der Roman ja vorschnell zu Ende und man wäre um viele interessante Beobachtungen der Autorin geprellt.

Denn mindestens ebenso spannend wie die kriminalistische Frage nach dem Whodonit ist die Frage, wie ihre Umgebung auf Ruths Drangsal reagiert und wie das wiederum auf Ruth zurückwirkt: Die selbstbewusste, erfolgreiche Frau wehrt sich dagegen, Opfer zu sein, aber sie wird zusehends verunsichert und schließlich gesellt sich zu Selbstzweifeln und Misstrauen auch noch die Angst, körperlich bedroht zu werden. Als Ruth einmal allein im Wald des Dorfes unterwegs ist, wo sie mit ihren Kindern lebt, glaubt sie, verfolgt zu werden, und gerät in Panik.

An realen Vorbildern für die Geschichte mangelt es nicht, und man könnte meinen, das Thema Cyberstalking und digitale Gewalt sei bereits in allen Facetten ausgeleuchtet. Aber es zeichnet Doris Knecht aus, dass sie in ihren Romanen viel diskutierte Probleme und Konflikte unserer Zeit realitätsnah beschreibt und dabei dennoch immer wieder überraschende Nuancen eröffnet.

Der leicht lesbare, kurzweilige Stil mindert die literarische Performance dabei keineswegs: Auch in diesem Buch gelingt der bekannten österreichischen Autorin und Kolumnistin Leichtigkeit mit Tiefgang, vor allem aber Spannung ohne Sensationslüsternheit.