Am Cover des Buches ist eine attraktive (falls man das noch sagen darf) junge Frau zu sehen, die Nena Schink heißt, und der Titel "Ich bin nicht grün - Ein Plädoyer für die Freiheit". Rechts unten ist schon kurz nach dem Verkaufsstart der grellorange Aufkleber "Spiegel-Bestsellerautorin" zu finden.

Grundsätzlich lautet die Gleichung Jung = Grün. Bisweilen schleichen sich aber Rechenfehler ein. - © apa / Hans Punz
Grundsätzlich lautet die Gleichung Jung = Grün. Bisweilen schleichen sich aber Rechenfehler ein. - © apa / Hans Punz

Tatsächlich haben wir es hier mit einem der erfolgreichsten politischen Sachbücher des zurückliegenden Sommers in Deutschland zu tun. Das bemerkenswerte daran: Wenn eine junge Frau, Wirtschaftjournalistin von Beruf, öffentlich einbekennt, nicht grün zu sein, zu denken oder gar zu wählen, dann fällt ungefähr das so stark auf wie vor einigen Jahrzehnten das Eingeständnis "Ich habe abgetrieben". Denn grün zu sein gehört im urbanen, intellektuellen weiblichen Milieu heute gleichsam zur Grundausstattung (wie auch alle einschlägigen Untersuchungen bestätigen), nicht grün zu sein und das auch noch laut hinauszuposaunen erzeugt damit, quasi als Tabubruch, entsprechende Aufmerksamkeit. Mit Erfolg, wie die Verkaufszahlen zeigen.

Nicht für alle jungen Menschen sind die grünen Ideale erstrebenswert. - © apa / Hans Punz
Nicht für alle jungen Menschen sind die grünen Ideale erstrebenswert. - © apa / Hans Punz

Holzhammer gegen Grün

Die Autorin, die hauptberuflich für das "Handelsblatt" und "Bild" arbeitet, beschreibt ihr Buch so: Es handelt "von Moral-Populismus, grüner Planwirtschaft und der hochgelobten sozial-ökologischen Welt, die die Grüne Partei für uns entworfen hat, die jedoch nicht viel mehr als eine Scheinwelt sein kann, gefüllt mit Verboten und ideologischen Seifenblasen ... Grün scheint für viele die sympathischste Wahl zu sein. Ich lade Dich ein, mich bei meiner Besichtigung des grünen Luftschlosses zu begleiten."

Dass die Autorin den Leser und die Leserin gleich duzt, so wie das vor allem im grünen Milieu üblich sein mag, entbehrt nicht einer gewissen Pointe; aber bitte.

Formal gliedert Frau Schink ihre Schrift in rund ein Dutzend inhaltliche Abschnitte. "Weniger ist weniger - Degrowth ist nicht sozial, sondern asozial", "Grün muß man sich leisten können", "Grüne Planwirtschaft - der Fahrradweg in die Armut", "Arme Umwelt - alle böse, außer die Grünen" heißt es da in programmatischen Kapitelüberschriften, oder auch "Moralpopulismus" und, horribile dictu, "Warum wir die soziale Schere brauchen".

Das Ganze gleicht einem Kompendium von Leitartikeln im XXL-Format, geschrieben in einer Tonalität, die mehr Wert auf Authentizität denn auf Elegance legt ("Bevormundung macht denjenigen Spaß, die sich die Verbote ausdenken"); aber das ist Geschmackssache. Wirklich störend hingegen ist die Angewohnheit der Autorin, ihr besonders wichtig erscheinende Worte in Blockbuchstaben zu schreiben, was wirkt, als würde man als Leser dauernd angeschrien.

Wer sich damit abfindet, bekommt zur Belohnung eine Reihe von gut argumentierten und begründeten Thesen, warum grüne Politik in vielen Fällen ökonomisch schädlich, nur scheinbar moralisch überlegen und gelegentlich doppelbödig ist.

So führt sie etwa an, dass der grüne Vorschlag, die Einkommensteuer für Besserverdienende um drei Prozent anzuheben, zwar angesichts des niedrigen Prozentsatzes harmlos erscheine, rechnet dann aber vor, welche Folgen das haben kann: "Wenn man Mitte 30 ist und bis zur Rente jedes Jahr drei Prozent weniger Netto übrig hat, muss man am Ende mindestens ein Jahr (wenn man einigermaßen gescheit sein Geld anlegt, sogar zwei Jahre) länger arbeiten, um auf dieselben Rücklagen zu kommen, wie ohne die grüne Steuererhöhung." Ihr Schluss, vorgetragen im für sie charakteristischen Sound: "Die Behauptung, dass drei Prozent nicht so viel sei, finde ich ziemlich anmaßend!" Klar, ohne Rufzeichen hätten wir das ja wirklich nicht verstanden. "Und dass es unter einer grün-rot-roten Regierung zu vermutlich noch höheren Belastungen kommen würde, sollte uns allen bewusst sein."

Wie meist bei derartigen Büchern werden sich all jene bestätigt fühlen, denen Grün schon immer ein rotes Tuch war, wohingegen im grünen Milieu kaum jemand für Fragen wie diese großes Verständnis haben wird: "Ist das fair, dass jemand, der viel arbeitet und damit viel erschafft, immer weiter abkassiert wird? Womit wiegen wir dann auf, dass Person X während ihrer Jugend länger im Büro saß, härter gearbeitet hat, weniger Zeit mit ihrer Familie verbringen konnte und für ihr berufliches Weiterkommen vielleicht gar von Stadt zu Stadt zog, während manche Altersgenossen täglich um 17 Uhr ihre Freizeit genießen konnten?"

Ja, eh - aber von einem alten weißen Mann hingeschrieben, wäre das vielleicht nicht unbedingt der Sommerhit 2021 unter den Sachbüchern geworden, was auch irgendwie Auskunft über unsere Gesellschaft gibt.