Wie man erfolgreich Verlage leitet und besserer Literatur die Bahn bereitet? Dieses Buch gibt als Antwort:

1. ungeteilte Entscheidungskompetenz der Programm-Chefin;

2. im Verlag selbst ein kleines Team, am besten weiblich;

3. dazu ein paar qualifizierte, engagierte und verlässliche Externe, am besten Frauen;

4. die gute alte Mischkalkulation, also in einem Kinderbuch-Verlag Astrid Lindgren und Enid Blyton.

Schon diese - zugegeben sehr verdichtete - Erkenntnis ist ein schöner Gewinn, den man Kjell Bohlunds Buch "Die unbekannte Astrid Lindgren. Ihre Zeit als Verlegerin" verdankt. So sehr auch die Zeiten von 1946 bis 1970 und heute sich unterscheiden, es würde sich für die meisten Verlage lohnen, ihre Organisation gleichsam mit den Augen Lindgrens kritisch zu prüfen.

- © Oetinger Verlag
© Oetinger Verlag

Um die schon früh berühmte, dann weltbekannte Autorin und ihre 24 Jahre als halbtags angestellte Lektorin, zunehmend aber als Programm-Chefin im Verlag Rabén & Sjögren geht es in diesem Buch. Sein Verfasser war viel später selbst dort Verleger und weiß sehr genau, wie Lindgrens Arbeit einzuschätzen ist. Er entgeht dem Genre der Hagiographie mit viel Geschick, obwohl er durchweg Erstaunliches, Lobenswertes, Bereicherndes zu berichten weiß. Das gelingt ihm durch das Einstreuen klug ausgewählter Zitate und durch die Einbindung von Forschungsergebnissen über Lindgrens Tätigkeit im Verlag.

Großartig, wie genau sie liest und kritisch Manuskripte durcharbeitet, wie sie junge Autoren ermutigt, etablierte fordert, viele hundert Werke statt mit Formbriefen mit persönlichen Worten und Argumenten ablehnt, ja wie sie eine Erneuerung des ganzen Kinderbuchmarktes in Schweden durchsetzt!

Lindgren hat Erfolg, wie Bohlund belegt, weil sie keine Eitelkeit kennt und literarisches Gespür mit geschäftlicher Pragmatik und menschlicher Sensibilität kombiniert. Sie erkennt den großen Wert der Werbung, der Präsenz in audiovisuellen Medien, auf Messen und in Buchhandlungen, sie verfolgt erstaunlich früh eine Art Markenstrategie. Sie kombiniert, obwohl ihr das die Literaturkritik um die Ohren haut, verkaufsstarke Titel geringeren Niveaus mit schwer zu verkaufenden, aber für wichtig erachteten. Und sie wird von Beginn an in ein Netzwerk kluger, engagierter Frauen wie Elsa Olenius, Greta Bolin und Eva von Zweigbergk eingebunden und knüpft bis zum Ende ihrer Verlagstätigkeit 1970 emsig weiter daran.

Die einzige Kritik an dieser Art von Basen-Wirtschaft betrifft die Einbindung ihrer Schwestern in die Verlagsarbeit als Übersetzerinnen. Hier wiegt die Verbundenheit schwerer als der sonst so wichtige Qualitätsanspruch.

Das gut lesbare, bis auf einige Wiederholungen hochspannende Buch ist weit über die biografische Bedeutung, eine viel zu wenig bekannte Seite der Autorin zu beleuchten, hinaus lesenswert, weil man am Beispiel Lindgren noch heute viel lernen kann: über effizientes Arbeiten, über die klare Trennung zwischen Anstellung und selbstständiger Autorentätigkeit und Familienleben, über die Möglichkeiten, sich als mittelalte Frau mutig und entschieden gleichzeitig als Autorin und als Verlegerin - die sich nie so nannte - zu etablieren. Und nicht zuletzt über die Art, wie man auf eine menschliche Weise Macht ausüben und für ein gutes Ziel einsetzen kann.