Seine letzten beiden, jeweils Pulitzerpreis-gekrönten Romane "Underground Railroad" und "Die Nickel Boys" gingen hart an die Grenzen des Erträglichen, behandelten sie doch prägende Phasen in der leidvollen Geschichte der schwarzen US-Amerikaner: die Sklaverei in "Underground Railroad", den barbarischen Rassismus der 1950er Jahre in "Die Nickel Boys".

Verglichen damit nimmt sich Colson Whiteheads neuer Roman, obwohl auch nicht arm an Brutalität und Gnadenlosigkeit, fast gut aufgelegt aus. "Harlem Shuffle" spielt in den späten 50ern und frühen 60ern in jenem Teil von Upper Manhattan, der dem ersten Teil des - wiederum von einem Rhythm-&-Blues-Standard abgeleiteten - Titels seinen Namen gibt und wie kaum eine andere städtische Enklave außer der Bronx die schwarze Lebenskultur New Yorks repräsentiert.

Mittlerweile auch längst gentrifiziert, war Harlem zu dieser Zeit ein explosiver sozialer Brennpunkt. In der 125th Street hat Ray Carney sein Geschäft, in dem er Einrichtungsgegenstände verkauft, zwei Blocks weiter wohnt er mit seiner Frau Elisabeth, einer Reisebüroangestellten, und der Tochter May, die bald einen Bruder bekommt, in einer kleinen, dunklen, vom Rattern der nahen Hochbahn beschallten Wohnung.

Halb im Illegalen

Ray Carney ist ein Mann mit vielen, teilweise einander widersprechenden Eigenschaffen: Intelligent, pflichtbewusst, strebsam, rechtschaffen, ein wenig selbstgerecht, ist er auch Schlitzohr; lässt, wenn es die Lage erfordert, gerne einmal fünf gerade sein. Wer ihn hintergeht, macht Bekanntschaft mit seiner Rachsucht, aber grundsätzlich kann er mit allen Charakteren, Professionen und Milieus. Und er ist krummen Geschäften nicht abgeneigt.

Das wurde ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt, denn sein Vater war ein in einschlägigen Kreisen wohlrespektierter Ganove. Zum anderen ist es pure Überlebensnotwendigkeit, denn ohne den einen oder anderen aus illegalen Quellen gespeisten Zusatzverdienst könnte er seine junge Familie nicht durchbringen. Ohnedies sticheln ihn ständig seine Schwiegereltern, die zu den "besseren" Schwarzen in Harlem gehören, wegen seines niedrigen Lebensstandards und niedrigen sozialen Prestiges.

- © Carl Hanser Verlag
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Dabei hat Carney einen Studienabschluss in Betriebswirtschaft. Sparsamkeit, Fleiß und eine Hinterlassenschaft seines Vaters haben ihm die Eröffnung eines eigenen Geschäfts ermöglicht. Außer Sofas, Betten und Schränken verkauft und versetzt er aber auch Ware, die sein Cousin Freddy "vorbeibringt", ohne dass Carney sich nach deren Herkunft genau erkundigt. Als allerdings Freddy, mit dem Carney den Großteil seiner Kindheit verbracht hat, tiefer ins Kriminal einsteigt, zieht er seinen Cousin mit hinein. Für Carney beginnt ein schwieriges und gefährliches Doppelleben zwischen einer vorgeblich immer solider werdenden bürgerlichen Existenz und kriminellen Umtrieben.

Es ist eine untergegangene Welt, die Whitehead wiederauferstehen lässt. Eine Welt voll Korruption, Gewalt, Armut, Suchtgier; bebaut mit desolaten Straßen, kaputten Substandard-Behausungen, geplünderten Geschäften, heruntergekommenen Spelunken; bevölkert von Prostituierten, Dealern, von Dieben, Räubern, Mördern - dem "Gewalt- und Körperverletzungsgewerbe", wie es an einer Stelle heißt - und Polizisten, die sich mit den Verbrechern arrangieren.

Und es ist eine Liebeserklärung. Von Erklärung zu Verklärung ist es nicht nur sprachlich ein kurzer Weg, und die beiden gegenseitig auf Distanz zu halten, gelingt denn auch Whitehead in seiner Gangster-Rhapsodie nicht immer souverän. Was die kleine Fragwürdigkeit indes mehr als wettmacht, ist die Art, wie Whitehead diese Welt in Szene setzt: In seinen vitalen Beschreibungen bekommt der Moloch Großstadt Arme, Beine, innere Organe und - dieses Wort hat hier eine gewisse Doppeldeutigkeit - einen Blutkreislauf.

Alltagsrassismus

Eine - auch im historischen Gedenken - beklemmende Stelle beschreibt, wie ein ganzes Viertel dem Erdboden gleichgemacht wurde, um dem World Trade Center Platz zu machen: "Das waren die Überreste einer ruinösen Schlacht. Block auf wimmelnden Block der Radio Row, die Textil-Lagerhäuser, Hutgeschäfte und Schuhputzerstände, die billigen Esslokale, sogar die Abdrücke im Bürgersteig, wo die Streben der Hochbahn am Beton festgenietet gewesen waren - Schutt. Die Gebäude der alten Stadt türmten sich über der kaputten Stelle, dieser Wunde schlechthin."

Rassendiskriminierung wird in "Harlem Shuffle" vordergründig weniger prominent fokussiert als in den zwei Vorgänger-Romanen. Gerade aber weil sie sich nicht mehr wie in "Underground Railroad" als monströse, in den Untiefen der Geschichte versickerte Perversion darstellt, sondern als Alltagsphänomen, ist sie nun fassbarer (beziehungsweise erst recht unfassbar).

Dass Schwarze in etlichen Geschäften nicht oder erst nach allen weißen Kunden bedient werden oder gar nicht erst zu versuchen brauchen, einen Cop zu rufen, wenn sie von Weißen bedrängt werden, ist noch nicht lange aus der kollektiven Erinnerung verschwunden. Und dass ein weißer Polizist ohne Zögern einen unbewaffneten 15-jährigen Schwarzen erschießt - was die (in das Buch verwobenen) "Harlem Riots" ausgelöst hat -, das ist noch nicht einmal Vergangenheit.