416 Seiten für ein Kinderbuch ab 9 Jahren – Carina Lendls "Welche Farbe hat mein Tag" ist eine ganz schöne Vorgabe. Aber man sollte sich nicht abschrecken lassen von der verhältnismäßig hohen Seitenzahl. Denn wer sich auf die Geschichte einlässt, wird mit viel Inhalt belohnt. Allerdings braucht der Plot eine Weile, bis er an Fahrt aufgenommen hat, dann jedoch geht es Schlag auf Schlag.

Aber der Reihe nach: Im Zentrum steht Paula, deren Familie ganz auf Bio eingestellt ist - im Gegensatz zu ihrer Tante Viola, die ihre Beete mit so viel Pflanzengift verpestet, dass sie das von ihr verschenkte Gemüse lieber auf der Deponie entsorgen, als es zu essen. Das innerfamiliäre Verhältnis ist also angespannt, zumal die Tante ohnehin eine Gabe dafür hat, sich Feinde zu machen. Das hat schon in ihrer Schulzeit begonnen, wie ein Rückblick zwischendurch zeigt - und was damals passierte, wirkt bis heute nach, wie sich später erweisen wird. Und es prägt vor allem die kommenden Ereignisse, die zeitlich zusammenfallen: Einerseits erschlägt Viola beinahe einen Wellensittich, den Paula und ihr Papa in Nachbars Garten gerettet haben; andererseits zündet jemand die Abstellkammer der Tante an - und diese hetzt Paula die Polizei auf den Hals.

Ab hier wird es dann recht übertrieben. Denn auch wenn unfähige Polizisten ein gängiges Motiv in Krimis sind - die Art und Weise, wie der ermittelnde Beamte sich auf die in seinen Augen hauptverdächtige Minderjährige eingeschossen hat und wie er sich vor allem in weiterer Folge dabei benimmt, ist doch sehr abstrus. Andererseits, es ist halt doch ein Kinderbuch, und schon bei der Knickerbockerbande durfte man nicht unbedingt hinterfragen, wie realistisch deren Ermittlungsarbeit war. Am Ende jedenfalls - so viel darf verraten werden - wird es gut ausgehen und der wahre Täter überführt werden. Paula wird aber bis dahin tausend Ängste vor der Polizei ausstehen. Ob die Autorin mit diesem Teil der Geschichte ihren kleinen Lesern und deren Verhältnis zu den Sicherheitsbehörden etwas Gutes tut, ist fraglich.

In Bezug auf den Spannungsbogen freilich ist es ein hilfreicher Twist, denn man fiebert richtig mit Paula mit, die gemeinsam mit ihren Eltern selbst Nachforschungen anstellt, um den Verdacht hin zum wahren Täter zu lenken. Dazu kommt die Sorge um den Wellensittich nach dem Anschlag der Tante. Und der ewige Streit nicht nur mit ihr über Bio/Pestizide, sondern auch mit den unausstehlichen Nachbarn, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Paula und ihrer Familie das Leben im eigenen Garten zur Hölle zu machen.

Hier und überhaupt in allen Schilderungen packt die Autorin sehr viel Witz hinein. Und ihre junge Protagonistin darf auch so richtig herzhaft fluchen (auch wenn ihre Mama es eigentlich nicht gern sieht - bis auch sie irgendwann nicht anders kann vor lauter Ärger). Und es steckt auch sehr viel Poesie in diesem Roman, der neben dem Naturthema auch und vor allem beleuchtet, wie Eltern und ihre Kinder miteinander umgehen. Und die titelgebenden Farben? Ja, die kommen natürlich auch vor. Weil Paula am liebsten malt. Und weil sie Dingen und Ereignissen Farben zuordnet - womit wir wieder bei Carina Lendls Poesie wären. Ihr Kinderkrimi ist ganz großes Kino zwischen zwei Buchdeckeln.