Wie in vielen anderen Kleinstaaten wird auch in Österreich Außenpolitik von der Öffentlichkeit nicht oder nur via Innenpolitik wahrgenommen. Seit dem EU-Beitritt hat das heutige "Bundesministerium für Europäische und Internationale Angelegenheiten" wenig Profilierungsmöglichkeit, ja mit der Abtretung der EU-Koordination an das Bundeskanzleramt an Bedeutung verloren; das Personal hat sich um ein Viertel verringert, seine Adresse ist nun Minoritenplatz 8, auch räumlich vom BKA am Ballhausplatz getrennt.

Der Staatsvertrag 1955 und die Erklärung immerwährender Neutralität, die Streitbeilegung der Südtirolfrage, der Zerfall des Ostblocks und Jugoslawiens, 1995 die Mitgliedschaft in der Europäischen Union mit der Teilaufgabe der Souveränität waren für Österreichs Zeitgeschichte so bestimmende Ereignisse, dass ihnen seit der Jahrtausendwende nichts entspricht - auch Flüchtlings- und Asylkrise werden von der Innenpolitik dominiert. Botschafter(innen) bleiben formell die Vertretung des Bundespräsidenten in anderen Staaten. Doch meist wirken sie im Hintergrund, arbeiten dem Minister zu und haben dessen Weisungen zu folgen. Das Diplomaten-Klischee des Grafen Danilo aus der "Lustigen Witwe" (das übrigens 1905 der Donaumonarchie diplomatische Verwicklungen eintrug) hat schon lange einem harten Berufsalltag Platz gemacht, der sich auch auf das Privatleben kritisch auswirken kann.

Warum wird man Diplomat?

Franz Cede und Christian Prosl, Jahrzehnte in maßgeblichen Funktionen in unserem diplomatischen Dienst aktiv, machen in ihrem jüngsten Buch Wesen und Akteure unsere Diplomatie einer breiten Öffentlichkeit pragmatisch zugänglich. Mit strukturierten Interviews fragten sie 21, auch nach Altersumständen ausgewählte Emeriti über ihre Entscheidung für den Diplomatenberuf, über Karriere und wesentliche Eindrücke in den verschiedenen Verwendungen mit Höhe- und Tiefpunkten, nach Empfehlungen für die Zukunft unserer Außenpolitik und nach welchen Kriterien junge Studienabsolventen diesen Beruf wählen oder lassen sollten.

Bei den Lebensdaten fällt auf, dass wenige in Wien geboren wurden, viele in anderen Bundesländern, einige im Ausland - doch die Abstammung von Diplomaten ist sehr selten geworden.

Beim "Warum" Diplomat standen im Vordergrund Vielseitigkeit und stete Neugier, beeinflusst durch das frühe Kennenlernen von "Ausland", etwa bei Studien dort, und profunde Allgemeinbildung. Gemeinsam ist Extrovertiertheit, akademische Ausbildung mit Gewichtung bei Jus, Geschichte und Fremdsprachen, vertieft meist in der Diplomatischen Akademie, einen wesentlichen Atout Österreichs. Die Antworten - zeitweilige Regierungsmitglieder wurden bewusst ausgenommen - quergelesen spiegeln eine Epoche unserer politischen Zeitgeschichte. Schwierige Phasen werden nicht verschwiegen oder kleingeredet - etwa 1986 die Krise nach der Wahl Waldheims zum Bundespräsidenten (vorher war er als UNO-Generalsekretär zehn Jahre unumstritten!) bis zum Restitutionsabkommen mit den USA 2000, der Zerfall Jugoslawiens ab 1991, die Südtirol-Frage bis 1992, das Aushandeln der zahllosen Details des EU-Beitrittsvertrages, das Ausloten eines Nato-Beitritts 1998, 2000 die Ächtung der Bundesregierung in der EU, 2013 der Abzug unserer Blauhelme vom Golan. Die Verteidigung unserer Positionen oblag täglich den Botschaften draußen. Rasche Entscheidungen waren oft notwendig, auch wenn Weisungen aus Wien nicht kamen. Es war auch eine Zeit des generellen Wandels von Außenpolitik und Völkerrecht.

Was vor fünfzig Jahren über immerwährende Neutralität oder Staatensouveränität gelehrt wurde, ist heute, jedenfalls in der EU, zu vergessen. Diplomatie wird oft durch Ministertreffen ersetzt, die langwierigen Berichte an die Zentrale durch Medien. Jedes Ministerium hat direkt mit dem Ausland verkehrende Abteilung(en), für vieles seinerzeit in bilateralen Verträgen Geregeltes ist nun "Brüssel" zuständig oder es ist liberalisiert (etwa Luftverkehr); die von diplomatischer Courtoisie freie Präsenz von NGOs in internationalen Organisationen und vielen Anderen.

Der jeweils letzte Teil der Kapitel - mit oft zitatreifen Formulierungen - ist den Konstanten unserer Außenpolitik gewidmet: die geopolitische Position zwischen Westeuropa und dem noch immer unruhigen Balkan (können wir noch "Brücke" sein ?!), die Position in der EU (wo eine langfristige Strategie und das Bilden von "Koalitionen" vermisst werden), die Präsenz in den Vereinten Nationen, immer mit dem Prätext der Menschenrechte, und die Wahrung des Völkerrechts. Die Außen-Kulturpolitik und die konsularische Betreuung der rund 300.000 Auslandsösterreicher sollen weiter Schwerpunkte bleiben. Diese Seiten seien besonders jenen empfohlen, die überlegen, die Arbeit der Emeritierten fortzuführen: Das Buch ist (auch) Berufsratgeber. Aber eigentlich wäre es Pflichtlektüre für jeden an der Zukunft des international vernetzten Österreichs politisch Interessierten.

Als Schlussbemerkung sei angefügt, dass eine Zeittafel der erwähnten außenpolitischen Ereignisse als fehlend empfunden wird - viele können wir nicht mehr in ihrer Abfolge einordnen. Anregung sei ein Folgeband über Österreicher(innen), die in internationalen Organisationen arbeiten/gearbeitet haben, wenngleich unabhängig von Österreich.