Von Knödel bis Kaiserschmarrn, vom Bodensee bis Stinatz: Bei den österreichischen Regionalkrimis werden alle Bundesländer und Vorlieben abgedeckt. Der Boom hält bereits seit vielen Jahren an, in den Buchhandlungen sind ganze Abteilungen dem heimischen Verbrechen gewidmet. Mindestens genauso lange wie besagte Literatur selbst gibt es aber auch Kritik an ihr.

Dominic Hettgen ist Verlagssprecher beim Kölner Verlag Emons. Dieser wurde 1984 gegründet und verlegt pro Jahr mehr als hundert Autorinnen und Autoren von Regionalkrimis. "Natürlich gab es auch damals schon Kriminalromane, die in Deutschland oder Österreich gespielt haben, aber das Buch ‚Tödlicher Klüngel‘ war das erste, bei dem man den regionalen Bezug auf den Titel geschrieben hat", erzählt er.

Auch idyllische Dörfer eignen sich als Schauplatz für Regionalkrimis. - © Stephan Seeber
Auch idyllische Dörfer eignen sich als Schauplatz für Regionalkrimis. - © Stephan Seeber

Was man unter dem Wort "Regionalkrimi" versteht, ist Auslegungssache. Dahinter verbergen sich eine Vielzahl von Inhalten und Autoren sowie unterschiedlichste Literatur, die mit einem Begriff gar nicht zusammengefasst werden können. Aber natürlich sind es Kriminalromane mit einem besonderen Augenmerk auf dem Schauplatz. Regionalkrimis gibt es also schon seit über 35 Jahren. "Davor gab es viel mehr angelsächsische Literatur, das war dann fast ein Befreiungsschlag, dass die Geschichten dann auch hier spielen durften. Spannende Geschichten können auch im eigenen Umfeld spielen, und das nehmen die Leute dann auch an. Was nahe liegt, geht den Leuten halt auch sehr nahe", sagt Hettgen. Abzugrenzen davon sind sogenannte Urlaubs- oder Destinationskrimis. Das sind meist Fälle, die französische und italienische Tatorte auf dem Cover ankündigen. Auf diese haben sich andere deutsche Verlage wie Goldmann, Dumont oder Kiepenheuer & Witsch spezialisiert. Ihnen ist dabei wichtig, dass in den Fällen auch politisch oder gesellschaftlich relevante Themen behandelt werden.

Servus Kleinstadt

Nach dem Großstadt-Boom bei den Schauplätzen gerieten seit den 90er-Jahren kleinere Orte und ländliche Regionen in den Fokus: Statt in New York spielen die Kriminalromane österreichischer Regio-Autorinnen und -Autoren im Zillertal oder im Salzkammergut.

Oder auf dem Semmering, wie im ersten Roman von Beate Maly. Die Wienerin bedient mit ihrem Ermittlerduo Ernestine und Anton eine besondere Nische, nämlichen den historischen Regionalkrimi. Das ungleiche Protagonistenpaar lebt - wie Maly selbst - in Wien, ermittelt aber reisebedingt auch auswärts, wie eben am Semmering oder im Strandbad Kritzendorf. Im sechsten Band der Reihe, der Mitte Oktober erscheint, verschlägt es die beiden zum Rundtanzen auf den Eislaufplatz am Wiener Heumarkt. Eine Leiche darf natürlich auch nicht fehlen. Die Geschichte spielt im Jahr 1924, unter dem Pseudonym Laura Baldini schreibt Maly auch historische Romane ohne Verbrechen. "In der Vergangenheit angesiedelt sind all meine Geschichten deswegen, weil ich es einfach spannend finde. Und an einem Buch sitzt man ja doch sehr lange, dann kann ich mich auch mit etwas beschäftigen, was mich wirklich interessiert. Für die Zwischenkriegszeit habe ich mich deswegen entschieden, weil ich glaube, dass diese Zeit uns in Wien nach wie vor sehr prägt. Dass all diese Ereignisse, die dann 1934 zum Bürgerkrieg geführt haben, uns immer noch politisch nachhängen", sagt Maly. Für Wien und Orte, die mit Wien verbunden sind, hat sich die Autorin deswegen entschieden, weil es ihrer Meinung nach eine der schönsten Städte ist. Bei der Recherche zur historischen Verortung der Geschichten geht Maly gründlich vor. Sie besucht die Schauplätze, spricht mit dort ansässigen Personen, sichtet Film- und Bildmaterial und studiert Wälzer mit Hintergrundwissen. "Ich versuche herauszufinden, was die Leute anhatten, wo sie hingegangen sind, was sie gegessen und getrunken haben." Diese Details sind es vielleicht, die ihrem Publikum besonders gut gefallen und es in die Geschichte(n) eintauchen lassen.

Nicht nur die Leserschaft der Regionalkrimis, auch das Genre selbst muss sich einige Klischees gefallen lassen: "eine Flut an Werken", "schlechte Qualität", "immer das Gleiche", "humoristisch angehaucht", "unrealistisch" und "zu wenig spannend" sind nur einige Eigenschaften, die den Provinzgeschichten nachgesagt werden. Vor allem eine Riege von Kritikerinnen und Kritikern der Kriminalliteratur scheint sich gegen das Regio-Genre verbrüdert zu haben. Doch Kritik von Leuten, die die Bücher gar nicht lesen, könne man nicht ganz ernst nehmen, sagt Dominic Hettgen. "Dass diese Art von Krimis einen humoristischen Touch haben oder weniger blutig sind, ist ein Vorurteil. Das gibt es natürlich, aber genauso haben wir welche im Programm, auf die das überhaupt nicht zutrifft und die beispielsweise sehr psychothrillerlastig sind."

Keinerlei Übersättigung

Es stimmt, dass beim Verlag sehr viele Manuskripte mit regionalem Bezug einlangen. 2021 hatte allein der Verlag Emons 110 Regionalkrimi-Neuerscheinungen, davon immerhin 13 von österreichischen Autorinnen und Autoren. "Aber nur, weil viele dieser Bücher erscheinen, muss die Qualität nicht schlecht sein. Niemand hat sie je darüber beschwert, dass zu viele Romane oder Rocksongs rauskommen." Natürlich kann nicht jedes Buch gleich erfolgreich sein, aber von einer Übersättigung der Leserschaft sei der Markt weit entfernt. Ein Blick auf die Bestsellerlisten bestätigt die andauerende Begeisterung der Leserschaft: Unter den Top 20 befinden sich vier Krimis mit Österreichbezug. Auch in Deutschland reißt die Begeisterung der Leser nicht ab, der deutsche Autor Klaus-Peter Wolf etwa landete mit 12 seiner 15 Bücher direkt auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Die Reihe spielt, immer schon am Titel erkennbar, in Ostfriesland.

Beate Maly geht mit den Vorurteilen recht entspannt um: "Ich will mit meinen Büchern unterhalten und solange mir das gelingt, werde ich weitermachen. Ich habe kein Problem damit, wenn man meine Bücher als ‚cosy crimes‘ (Anm. d. Red.: Kuschelkrimis, also harmloser Lesestoff) bezeichnet, weil genau das sind sie." Dass Werke mit Regionalbezug so beliebt sind, erklärt sie sich so: "Wenn man gerne in einer Gegend lebt, dann möchte man auch mehr darüber erfahren, und dann liest man auch einfach gerne darüber. Man bewegt sich durch das Buch an Schauplätze, die man kennt, erfährt Neues über sie. Und wenn man noch Protagonisten begleiten darf, die man sympathisch findet, dann liest man gerne weiter." Klingt eigentlich relativ logisch.

Ob die eigene Heimatgegend, ein anstehendes Urlaubsziel oder eine Destination, für die man ein Faible hat: Regionalkrimis sind - wie jedes andere Buch - sehr unterschiedlich und sollten nicht anhand ihres Einbandes beurteilt werden. Vielleicht wartet in der Provinz eine Überraschung.