Man stelle sich vor: ein Land, in dem Jung und Alt, alle Generationen einer Familie oder ein Kreis von Freunden, es lieben, in der Freizeit beisammen zu sitzen und einander unsterbliche Dichterverse vorzutragen. Ein Land, in dem Angehörige der gebildeten Schicht, vielleicht öfter noch als Koran oder Nahj al-Balagha (die Textsammlung des von frommen Schiiten höchst verehrten Imam Ali), das Hauptwerk ihres liebsten Poeten auf dem Nachttisch liegen haben - Hafis’ "Diwan".

Man stelle sich ein Land vor, dessen Menschen für jede Lebenssituation ein Gedicht oder zumindest einen Vers auswendig zu rezitieren vermögen und den Grabstätten ihrer großen Poeten regelmäßig Besuche abstatten, als wären sie enge Familienmitglieder. Der Iran wärmt ohne Zweifel das Herz jedes Literaturfreundes. Seine Dichtkunst zählt zu den kostbarsten Geschenken, die er der Menschheit vermacht hat.

Die Nachrichten in unseren Medien aus diesem so faszinierenden wie komplizierten Land sind überwiegend düster. Und düster sind auch die Lebensumstände der allermeisten Iraner. Umso angebrachter scheint es, zwei ihrer wirklichen Geisteshelden und deren zeitloses Vermächtnis vor den Vorhang zu holen.

Rudaki, Attar, Nizami und Omar Chajjam, Djami, Saadi und Rumi - das Pantheon persischer Literatur ist dicht bevölkert. Einen besonderen Ehrenplatz nimmt darin ein Mann ein, dessen profanen Namen Abul Kasim Mansur kaum jemand kennt. Sein Pseudonym hingegen ruft bei seinen Landsleuten bis heute tiefste Bewunderung und Dankbarkeit hervor.

Gewaltige Dichtung

Firdausi, "der Paradiesische", geboren um 940 bei Tus in der Provinz Khorasan und verstorben ebendort vor ziemlich genau tausend Jahren, hat mit dem "Buch der Könige", dem Schahnameh, das wohl gewaltigste Epos, das je ein einzelner Mensch verfasst hat, geschaffen. Nahezu 1.000, in 62 Erzählstränge gegliederte Kapitel umfasst dieses Opus magnum, in Summe an die 60.000 gereimte Verspaare. Mehr als doppelt so lang wie Homers "Ilias" und "Odyssee" zusammen und zwölfmal länger als das Nibelungenlied, ist es zugleich ein Denkmal höchster Dichtkunst und auch profunder Historiographie, das den Werdegang des Iran in einer Mischung aus Legenden und geschichtlichen Ereignissen erzählt.

An die 35 Jahre lang schrieb Firdausi daran - anfangs noch in Buchara, seinerzeit das Zentrum der sogenannten "persischen Renaissance", später dann am Hof des Sultan Mahmud von Ghazni. Dass beide Städte nicht im heutigen Iran liegen, sondern in Usbekistan beziehungsweise im südöstlichen Afghanistan, erinnert daran, wie weit sich der iranische Kulturraum einst erstreckte.

Firdausis Königsbuch, dessen Bedeutung der Sultan, als sein Schöpfer es ihm nach der Fertigstellung im Jahre 1010 präsentierte, sträflich geringschätzte und unbelohnt ließ (worauf der alternde Dichter völlig verarmte), ist in mehrerlei Hinsicht epochal. Vordergründig durch seinen Inhalt: Es beschreibt die Entstehung der Welt und der iranischen Zivilisa-tion, die Sagen rund um jenen legendären König Gayomarth, der einst den Menschen erstmals Kleidung und Nahrung brachte, sowie um Helden wie Rostam, Dschamschid, Kaveh oder Fereydun und ihren längst mythisch verklärten Kampf gegen alle nicht-iranischen, vor allem turkstämmigen Feinde. Aber es schildert auch die konkreten Taten historischer Herrscher, von Manu-tschehr, dem ersten heroischen König, bis Yazdegerd III., dem letzten Sassaniden-Schah.

Denkmal für Firdausi neben seinem Grab. 
- © Walter M. Weiss

Denkmal für Firdausi neben seinem Grab.

- © Walter M. Weiss

So lieferte der gläubige Muslim Firdausi den Iranern gute Gründe, wieder stolz auf ihre Vergangenheit und damit auch auf eine durch Zarathustra geprägte Weltordnung zu sein. Und er tat dies keineswegs, um islamische Denkmuster als minderwertig abzutun; vielmehr wollte er die vor-arabischen Traditionen als achtenswerte Vorstufen der Gegenwart begreifbar machen. Der zoroastrische Gott Ahura Mazda und sein Widersacher Ahriman sind bei ihm keine Götzen eines verpönten Aberglaubens, sondern Symbolträger eines ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse, wie ihn auch der Islam kennt. Es ist bezeichnend, dass weder seine Zeitgenossen noch spätere Generationen Firdausi jemals der Ketzerei beschuldigten.

Als bedeutsam erwies sich auch, dass Firdausi in die historischen Beschreibungen vielerlei Ratschläge an seine Mitmenschen einfließen ließ. Dadurch vermittelte er Wertvorstellungen und Verhaltensweisen, die nach seiner Überzeugung das iranische Wesen definierten: Gottes- und Gesetzestreue zum Beispiel, Streben nach Weisheit und Gerechtigkeit, Solidarität mit Bedürftigen, Ritterlichkeit, Selbstkontrolle oder auch Höflichkeit. Dank der weiten Verbreitung und langfristigen Wirkung hat sein Werk so auch die Lebensart und Gesittung aller Völker des iranischen Raums stark beeinflusst und maßgeblich geholfen, sie zu einer Kulturgemeinschaft zu formen.

Weitreichende Folgen hatte das Königsbuch auch auf sprachhistorischem Gebiet: Firdausi schenkte den Iranern wieder eine eigene Hoch- und Literatursprache, nachdem das Mittelpersische (Pahlewi) nach dem Einzug des Arabischen verdrängt worden und zum ungeschliffenen Alltagsidiom von Bauern und Händlern herabgesunken war. Firdausis sogenanntes Neupersische erscheint frei von arabischen Lehnwörtern, dafür aber reich an poetischen Metaphern. Es war eine Pionierleistung, die in gewisser Weise mit der Dantes für die italienische Sprache oder auch der Luthers für das Neuhochdeutsche vergleichbar ist und langfristig Maßstäbe setzte: Noch heute kann jeder Iraner die vor mehr als dreißig Generationen formulierten Verse mühelos verstehen.

Wohl auch, um sich als geistige Nachfolger der Sassaniden zu legitimieren, beschäftigten sich die Il-Khane und Timuriden, beide mongolischstämmige Usurpatoren, intensiv mit dem Buch und hinterließen in Herat eine wegweisende Neuedition. Der indische Großmogul Akbar ließ im 16. Jahrhundert die Sanskrit-Epen Mahabharata und Ramayana im Stil des "Schahnameh" ins Persische übersetzen. Bis ungefähr in dieselbe Zeit hinein pflegten auch die Osmanen-Sultane ihre Schreiber jedes Jahr mit der Abfassung eines "Königsbuches" zu beauftragen, das auf Persisch (darin unterhielt man sich am Hof in Konstantinopel) und ganz im Stil des großen Vorbilds chronologisch ihre Taten rühmte. Und Philologen haben festgestellt, dass J.R.R. Tolkien für seinen Roman "Der Herr der Ringe" zahlreiche Grundelemente aus dem iranischen Nationalepos aufgegriffen hat.

Alchemist der Worte

Ein Jubiläum, nämlich seinen 700. Geburtstag, gilt es in diesem Jahr - so haben es zumindest Literaturhistoriker mehrheitlich konstatiert - auch mit Blick auf den im Iran populärsten und meistgelesenen Lyriker zu begehen: auf Schams ad-Din Mohammad, besser bekannt unter dem Künstlernamen Hafis (einem Ehrentitel für Männer, die den kompletten Koran auswendig kennen).

Aus einer Ausgabe des "Diwan" von 1584. 
- © Public domain / via Wikimedia Commons

Aus einer Ausgabe des "Diwan" von 1584.

- © Public domain / via Wikimedia Commons

Hafis verbrachte sein ganzes Leben (etwa 1320-1390) als Gelehrter in seiner Geburtsstadt Schiras. Er verfasste mehr als fünfhundert Gedichte und gilt als Großmeister des Ghasel, jener Form gereimter Doppelverse, die in der lyrischen Tradition der Perser dazu dient, Gefühle der Liebe auszudrücken. Wie kaum ein Zweiter lotete er die sublimsten Ebenen der menschlichen Seele aus, behandelte in einer hochmusikalischen, eleganten und dabei jedermann verständlichen Sprache ewige Grundthemen unseres Daseins wie Vereinigung, Trennung, Unruhe, Freude, Gleich- und Schwermut, Alleinsein, Heimweh und Vergänglichkeit.

Ob tiefgläubiger Muslim, humanistischer Freidenker oder Sozialrevolutionär: Weil er in seinen Gedichten jede Form von Autorität ablehnte und für eine gerechte Gesellschaft eintrat, weil er seine Aussagen aber auch oft auf Koran und Hadith bezog, lässt sich Hafis verschieden und widersprüchlich deuten. Sein Werk hält für jede Lebenssituation die passenden Verse parat. Auch deshalb wird er von allen geliebt und gelesen.

Viele Iraner haben ein Exemplar des "Diwan", seinem Hauptwerk, im Haus und zumindest ein paar persönliche Lieblingszeilen des Meisters im Kopf. Und viele verwenden ihn für Weissagungen, waschen sich, wie zum Gebet, die Hände, bevor sie das verehrte Buch zum Mund führen, es ehrerbietig küssen und dann erst aufschlagen.

Hafis’ Gedichte huldigen in Form immer neuer, vielschichtiger Gleichnisse und Metaphern der Musik und dem Wein, der irdischen Sinnlichkeit, der berauschenden Schönheit des Lebens und der Welt. Zugleich weisen sie weit über das Wahrnehmbare hinaus. Denn zugrunde liegt ihnen das mystische Ideal der Sufis und Derwische: die Aufhebung der Trennung von Subjekt und Objekt, von Geist und Materie, Mensch und Natur, von Gott und Welt, um das Gefühl der "All-Einheit" entstehen zu lassen. In Vernunft, Wissenschaft, Philosophie und vor allem auch in der Theologie sah Hafis unzulängliche Ins-trumente, um die Universalität spiritueller Wahrheit zu erfassen.

Botschafter der Liebe

"Komm, weil der Hoffnung Schlösser so leicht und luftig sind, bring Wein! Denn das Gebäude des Lebens ruht auf Wind." Wegen solcher Zeilen, weil er freizügig den Genuss von Alkohol und Liebe pries, war Hafis in den ersten Jahren nach der Revolution von 1979 bei vielen Ajatollahs verpönt. Dabei schrieb er zu seinen Lebzeiten, als aus Glaubensgründen wieder einmal besonders viel Blut vergossen wurde, Verse von ungleich größerer geistiger Sprengkraft.

Am Grab des Dichters Hafis in Schiras. - © Walter M. Weiss
Am Grab des Dichters Hafis in Schiras. - © Walter M. Weiss

Zum Beispiel: "Das Gerangel der Glaubensrichtungen musst du jeder einzelnen verzeihen: Da sie die Wahrheit nicht kannten, schlugen sie den Weg der Wundererzählung ein." Mit Worten wie diesen verwarf er in letzter Konsequenz jeden intoleranten Absolutheitsanspruch einer Offenbarungsreligion. Nicht auf Gehorsam und Unterwerfung, so seine Botschaft, solle die Beziehung des Menschen zu Gott beruhen, sondern auf gegenseitiger, allumfassender Liebe jenseits aller Dogmen - aus der Sicht orthodoxer Muslime eine Gefahr für den rechten Glauben und somit eine ungeheure Provokation.

Als Hafis starb, verhinderten Mullahs, dass der "Abtrünnige" und "Ketzer" auf dem muslimischen Friedhof begraben wurde. Heute ist sein Grab in Schiras eine nationale Wallfahrtsstätte. Scharenweise pilgern Jung und Alt, unter ihnen auffällig viele Paare, zu seinem Sarkophag, um sich in dem lauschigen Garten, der ihn umgibt, dem oft harschen Lebensalltag für ein paar herzerwärmende Stunden zu entziehen. Von der weihevollen Atmosphäre beseelt, fragen nicht wenige den verehrten Poeten nach der Zukunft ihrer Liebe und hoffen auf gültigere Antworten, als sie sie von der Gesellschaft und den Regierenden bekommen.