Politisches Tagesgeschäft und Literatur - das ist in Österreich eine schwierige Beziehung. Obwohl oder vielleicht gerade weil sie doch einige wesentliche Komponenten - Phantasie/Fiktion, Inszenierung, Zuspitzung - gemein haben, scheinen sich die beiden einander zu verweigern.

Oft lesen sich Romane mit politischem Fokus wie Flugblatt-Agitation und bestätigen solchermaßen die Binsenweisheit, dass gut gemeint gerne einmal das Gegenteil von gut gemacht ist. So zeichnen etliche Werke aus den 1990er Jahren, die eine Machtergreifung der FPÖ antizipieren, etwa Milo Dors "Wien, Juli 1999", holzschnittartige Schreckensvisionen eines totalitären, von Militärgewalt geprägten Staates.

Nur wenige legen ein etwas subtileres Bild an, wie etwa Walter Wippersberg: In seinem Krimi "Ein nützlicher Idiot", Anfang 1999 - ein knappes Jahr, bevor die FPÖ tatsächlich an die Macht kam - erschienen, beschreibt er, wie sich eine rechtspopulistische Bewegung clever von ihren braunen Rändern säubert, um mit zeitgemäßer Terminologie und scheinbar moderatem Verhaltensduktus erfolgreich Richtung Mitte zu streben.

Die radikale Mitte

- © Zsolnay
© Zsolnay

Davon ist Elias Hirschl mit seinem Roman "Salonfähig" - der Titel indiziert das ja sehr deutlich - tendenziell nicht weit entfernt. Auch hier geht es um Schein, Täuschung und Blendung. Nur haben sich die historischen Rahmenbedingungen in mehr als zwei Jahrzehnten drastisch geändert, ebenso das Personal und letztlich auch die erzählerischen Stilmittel: Die Rechten firmieren nun ideologisch bereits als "Neue Mitte"; Hirschls Führerfigur ist deutlich mehr an Sebastian Kurz als irgendeinen FPÖ-Granden angelehnt (obwohl er seinen Protagonisten, wie Hirschl in einem Interview bekannte, eigentlich lieber Norbert Hofer nachempfunden hätte), und sein Werk ist eine bewusst überzeichnete Satire.

Erzählt wird sie aus der Perspektive eines namen- und bedeutungslosen, 29 Jahre alten Mitarbeiters der neokonservativen "Mitte Österreichs" (MÖ), der im wahrsten Wortsinn ein Mann ohne Eigenschaften ist und völlig in der Verehrung des Parteiführers Julius Varga aufgeht. Wie dieser ist er perfekt gekleidet und frisiert, adaptiert sogar dessen Hinken, das von einem Unfall in Jugendtagen herrührt, und schätzt sich glücklich, Handlangerdienste für den Parteichef, der alsbald als jüngster Bundeskanzler in die Geschichte des Landes eingeht, zu verrichten.

Zweimal in der Woche begibt er sich in Psychotherapie, jeden Sonntag lernt er bei einer Rhetoriktrainerin "authentisches" Sprechen und Verhalten. Er übt "natürliches" Lachen, achtet auf gerade Haltung und vermeidet sorgsam, die Hände zu verschränken.

Mit seinem Porsche braust er von Party zu Party, um mit seinen widerlich anmaßenden Parteikolleginnen und -kollegen laufend Marschierpulver zu schnupfen, Champagner und Schnäpse hinunterzuschütten und irgendwann wieder auszukotzen. Mit seinem engsten Kompagnon führt er Gespräche über die Ästhetik von Terrorakten, seiner Freundin hält er Vorträge über Thomas Glavinic, die Pixies, den Film "(500) Days of Summer". Mit einer Suada, die sich über fast zwei Buchseiten zieht, bequatscht er bei einem Repräsentationsbesuch seiner Clique im KZ Mauthausen einen Holocaust-Überlebenden.

Zwischen bekoksten und alkoholisierten Sprechdurchfällen erklärt der "Erzähler" dem Leser seine Überzeugung, die zugleich das "Programm" seiner Partei ist: "Jeder kann werden, was er will. Egal, wie erfolglos und arm man am Anfang sein mag. Jeder hat das Zeug dazu, alles zu tun. Man muss es nur lange genug einüben. Das hat meine Mutter schon gesagt. Das hat Aristoteles schon gesagt. Das sagt Julius."

Streng darauf bedacht, die äußere Fassade intakt zu halten, verliert der Protagonist zusehends die Kontrolle über sein Innenleben. Es entgleist vollends, als sein Idol Julius Varga, immer aufdringlicher und hochfrequenter mit Ergebenheitsbekundungen bombardiert, ihn schließlich kalt zurückweist. Es ist klar, dass an diesem Punkt etwas Dramatisches passieren muss. Es passiert auch etwas Dramatisches, aber was genau, ist nicht sicher.

Außen und innen

Denn unser "Erzähler" vermischt ständig die Realität mit Halluzinationen und Wunschvorstellungen. Das heißt, seinen Worten - auf denen die "Handlung" des Buchs basiert - ist nie vorbehaltlos zu trauen. Es könnten Phantasmagorien sein oder Projektionen. Während der Protagonist seine Makellosigkeit beteuert, ist in seinen Interaktionen mit Kolleginnen und Kollegen an deren befremdeten bis entsetzten Reaktionen abzulesen, dass mit ihm etwas krass nicht stimmt. Diese Dichotomie generiert Autor Hirschl, indem er seiner Hauptfigur zum einen eine gewissermaßen offizielle Stimme gibt und zum anderen eine nicht steuerbare innere Kamera, die auffängt, was der bewusst gelenkte Blick nicht sehen kann oder sehen will.

Dieser Roman will also gar nicht als Narrativ wahrgenommen werden, sondern als Zustand. Viel ist hier Wahn, wenig bis nichts greifbare Substanz. Dass allerdings just das besondere Assoziationen zur hiesigen Politik wachruft, ist, sagen wir, eigenartig.