"Bitte sehr, der Fahrstuhl. Eines Tages wollten Sie Geld dafür." - So fängt einer zu erzählen an, der glaubt, keine Geschichte zu haben. Nun aber, da das Haus, in dem er und seine Frau Erna seit Jahrzehnten leben, generalüberholt wurde, sollen die Bewohner für den Aufzug künftig bezahlen.

Seit drei Wochen war das ältere Ehepaar nicht mehr draußen, stattdessen lüftet Erna nun jeden Tag ausgiebig, Eiseskälte hin oder her. Der Mann beginnt, "Briefe gegen die Unmenschlichkeit" zu verfassen, was ihm die Tochter auszureden versucht, er sei "zu alt, um zu kämpfen"; und beide starren zu Boden, auf den Teppich, der so alt ist, "dass die Paläontologen ihre Freude daran hätten".

So lässt sich "Der Besuch des Handlangers" in Bernhard Strobels jüngstem Band, "Nach den Gespenstern", an. Es ist nach seinem ersten Roman, "Im Vorgarten der Palme" (2018), nunmehr sein vierter Band mit Erzählungen.

- © Droschl
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Strobel, Jahrgang 1982, auch als Übersetzer aus dem Norwegischen tätig (unter anderem von Jan Kjærstad und Tor Ulven), gehört fraglos zu den interessantesten Stimmen der jungen Genera-tion. Wie nur wenige ist er in der Lage, sich in die Köpfe seiner Figuren zu versetzen, die ihrerseits zu ergründen trachten, was im Kopf des Anderen vorgeht: "Was glaubst du, dass sie glaubt, worüber wir reden?" - So lautet die Frage in "Totentrunk". Es ist die Frage, die Strobels Hauptfiguren stets umtreibt.

Ernas Mann, der aufgrund der misslichen Lage, in der Wohnung eingesperrt zu sein, ein Heft nach dem anderen füllt und derweil bemerkt, dass über das Wetter zu schreiben eine der Höchstschwierigkeiten ist, kommt eines Tages nicht mehr umhin, Dinge zu erfinden. Er denkt an Vögel, an eine Katze, an ein Eichhörnchen. Was hat er eben noch durchs Fenster beobachtet? Und er merkt, dass er von seiner Position aus keines dieser Tiere hätte sehen können, dass er womöglich nur auf der Suche ist nach einem anderen Gedanken, denn eben hat er sich in die Hose gemacht: "Wie es aussieht, werde ich poetisch."

Geschichten erzählen: Dahinter steckt nicht selten eine existen-zielle Not, und das Erzählen bedingt, einen Anfang zu setzen, ein Ende zu (er)finden. Die Wendigkeit und Virtuosität, die Bernhard Strobel bei diesem Unterfangen beweist, erstaunt bei jeder Erzählung von Neuem. So kann auch das Ende, der Tod eines geliebten Menschen, zum Anfang werden, wie in der Erzählung "Café Post mortem", und zu regelmäßigen Besuchen auf dem Friedhof führen, wo aber zuweilen schon ein Anderer auf dem Stein sitzt, den man selbst gern in Anspruch nähme, weil dieser doch der Ort des eigenen Rituals geworden ist.

Was aber ist Vorstellung? Was ist Wirklichkeit? Strobel lässt seine Leserschaft im Unklaren, ob es sich um ein eingebildetes Gegenüber handelt, das im inneren Monolog als Spiegelbild dient, oder ob es diesen Menschen tatsächlich gibt. Gleichwohl gibt es eine Antwort: "Bei manchen hört es nie auf. Für Menschen wie uns gibt es nur eine Möglichkeit, das loszuwerden. Indem wir uns selbst loswerden." - Auf Leserinnen und Leser übertragen: Man findet leicht zu Bernhard Strobels "Gespenstern", doch man wird sie schwerlich wieder los.