Dieses Kunststück muss jemand fertigbringen: einen Roman über eine Kindheit in der Volksrepublik Rumänien der 1960er Jahre, der auf hinreißende Weise nett ist, ich wiederhole: nett. Dieses Wort kommt sonst, wenn man über Bücher spricht, einer Hinrichtung gleich, hier aber scheint es mir genau das richtige zu sein, um den ein wenig altmodischen Charme zu charakterisieren, den das Buch ausstrahlt.

Wir befinden uns in Kronstadt, einst am Südosteck Österreich-Ungarns gelegen. Nun herrschen die Kommunisten, und eben haben sie noch jeden weggesperrt oder gleich umgebracht, dem das nicht passte. Jetzt ist erst einmal und für die nächsten dreißig Jahre Ruhe im Teich. Zwar sind aus der traditionell dreisprachigen Stadt viele der Deutschen verschwunden, alle Straßen heißen anders als zuvor, und der offiziellen Rhetorik zum Trotz bedrücken Verfall, Stagnation und der allgemeine Zwang, den Mund zu halten.

- © Zsolnay
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Doch die Leute versuchen sich mit dem Unvermeidlichen zu arrangieren, so gut es eben geht, und organisieren den Alltag, indem sie meistens so tun, als sei das alles völlig normal. Für die Kinder, da sie nichts anderes kennen, ist es das sowieso und gleichzeitig wundersam.

Die Bewohner des kleinen alten Hauses, von dem erzählt wird, sind alle miteinander verwandt. Früher war die Familie gutbürgerlich, der Großvater Arzt, und das Haus war ihr Eigentum. Jetzt hat man ihnen alles genommen. Immerhin dürfen sie hier wohnen, und die baufällige Bude beherbergt für die vier Hauptfiguren - vier Kinder - etwas, was es nur in der Kindheit, genauer: in der Erinnerung an die Kindheit gibt: ein Paradies.

Das Kunststück, das Ioana Parvulescu gelang, als sie aus ihrer höchstpersönlichen Kindheit in Ceausescus Rumänien diesen Roman baute, besteht darin, all ihr später dazugekommenes Wissen, ihre Erwachsenenansicht über den Gang der Dinge wegzulassen und uns Lesern, vor dem Hintergrund des politischen Irrsinns, ihre private Welt in die allgemeine einordnen zu helfen.