Es gibt wenige Autoren, die Lebensläufe so herrlich entgleiten lassen wie der Amerikaner Jonathan Franzen. Diesmal, in seinem sechsten Roman, spürt er den Hildebrandts nach, einer amerikanischen Familie aus Vater, Mutter und vier Kindern, die so unterschiedlich sind, wie es Romanen gut ansteht. Vater Russ ist ein sexuell unterforderter Pfarrer, Mutter Marion eine instabile Hausfrau, und ihre Tochter und die drei Söhne plagen sich mit den Unsicherheiten ihres jeweiligen Alters. Ein christlicher Haushalt, weswegen die zwei großen Kapitel, in die sich die mehr als 800 Seiten des Romans teilen, mit den wichtigsten christlichen Festzyklen überschrieben sind: Advent und Ostern.

Wir schreiben das Jahr 1971. Alle Familienmitglieder bekommen die Möglichkeit, ihre Sicht auf ihre Eltern und ihre Familie loszuwerden. Kapitelweise ändert sich die Perspektive, aus der Franzen erzählt, auch wenn er es durchwegs in der dritten Person Singular tut. In seinen "Zehn Regeln für den Romanautor" im Essayband "Das Ende vom Ende der Welt" rät Franzen unter Punkt 4: "Schreibe in der dritten Person, wenn sich eine wirklich markante Ich-Erzählerstimme nicht unwiderstehlich anbietet."

Moral und Begierde

Bis auf das Küken der Familie, Judson, wie der 1959 geborene Jonathan Franzen der Jüngste der Familie, kommen alle Figuren zu ihrem Recht, ganz ähnlich wie in seinem ersten großen Erfolgsroman "Die Korrekturen" aus dem Jahr 2001. Auch die Konflikte, Sorgen und Nöte der Familie im neuen Buch sind einem aus Leben und Literatur bekannt: Männer, die ihren älter gewordenen Frauen die kalte Schulter zeigen; frustrierte Gattinnen, die ihr Geld auf der Couch ihrer Therapeutin verschleudern; Studenten mit moralischen Allmachtsphantasien; Teenager im Drogenrausch.

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Die Hildebrandts sind eine Familie, die weder aus dem Bilderbuch stammt noch dem Durchschnitt entspricht. Sie alle üben sich prächtig in Selbstverachtung: verachten sich dafür, wer sie sind, wie sie leben, wie sie ticken. Ihre Begierden und Sehnsüchte sind nämlich so gar nicht kompatibel mit ihrem irrsinnigen Streben danach, ein guter Mensch zu sein, respektive zu werden. Dieser brennende Wunsch vereint sie. Leider verträgt er sich suboptimal mit den sogenannten Todsünden, die diese christliche Familie aus dem Effeff beherrscht: Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit.

Dem großen Menschenkenner Franzen ist nichts fremd. Sein neuer Roman bildet den Auftakt zu einer Trilogie mit dem größenwahnsinnigen Titel "Ein Schlüssel zu allen Mythologien". Im ersten Band spielt Religion eine große Rolle, wobei Gott dieselbe Leerstelle füllt wie Sex, Drogen, Rock ’n’ Roll. In den Momenten des Außersichseins ist Franzen seinen Figuren immer am nächsten. Es sind auch jene Szenen, die in Erinnerung bleiben: das Ausrasten der Mutter, die sexuellen Umtriebe des Vaters, die Drogenexzesse des Sohnes Perry.

Alle Mitglieder der Familie Hildebrandt hecheln ihrer Einzigartigkeit hinterher. Die depressive Frage aller Fragen - "Wozu?" - beschleicht sie alle dann und wann. Franzen lässt seine Figuren zwar gnadenlos zappeln, bedenkt sie aber dennoch mit gütig ironischen Blicken. Es ist diese unschockierbare Haltung verqueren Familienverhältnissen gegenüber, die auch seinen neuen Roman auszeichnet. Er liebe Menschen, die in Schwierigkeiten steckten, hat er einmal gesagt. Welche Leser liebten die nicht? So hat man nach 800 Seiten alle Hildebrandts ins Herz geschlossen und möchte dringend wissen, wie es mit ihnen weitergeht.

Franzen erzählt anschaulich, abgründig, effektsicher und zeitversetzt. Die eigentliche Handlung umspannt die Jahre 1971 und 1972. Irgendwo weit weg tobt der Krieg in Vietnam, der uns heute an andere unrühmliche Auslandseinsätze der Vereinigten Staaten erinnert, wie auch die damaligen Debatten um Chancengleichheit, Frauenrechte und Rassismus sowie jugendlicher Absolutismus ihren Widerhall in der Gegenwart finden. Was heute unter dem Schlagwort Wokeness subsumiert wird, war schon damals studentischer Alltag. Und von Perrys Drogenmissbrauch zieht sich eine gerade Linie zur derzeitigen Opiatkrise in den USA.

Franzen blickt zurück und vermisst auch das Amerika von heute. Natürlich wird auch das Thema Umweltschutz gestreift, ein Thema, das Franzen besonders am Herzen liegt. Ins Deutsche übertragen hat den Roman die erfahrene Franzen-Übersetzerin Bettina Abarbanell, die an einer Stelle das Wort "fucking" mit "vögeln" wiedergibt und dabei den Vogelliebhaber Franzen auf ihrer Seite wissen darf.

Komik und Gnade

Franzen wäre natürlich nicht Franzen, wenn er die menschlichen und gesellschaftlichen Abgründe nicht mitunter saukomisch konterkarierte. Besonders Vater Russ eignet sich als Witzfigur, aber auch Marion bietet in ihren neu entdeckten Attitüden und ihrem hemdsärmeligen Feminismus immer wieder Anlass zu großer Heiterkeit. Die Tektonik dieser Familie bildet das Zentrum des Romans. In ihren Problemen sind die fünf absolut anschlussfähig; es sind niedrigschwellige Konflikte, die der Roman auffährt.

Die große Katastrophe ereignet sich erst im letzten Drittel der Geschichte, und am Ende strahlt das Licht dann einigermaßen warm und familienselig. Tochter Becky empfängt eine Tochter, die sie nicht zufällig Grace nennt, was Anmut, aber auch Gnade heißt. Eine christliche Tugend und die Möglichkeit für einen Neuanfang.

Franzens Figuren überzeugen auch diesmal mit hoher Plastizität. Die Parallelen zu seiner eigenen Biografie sind unübersehbar: die Herkunft, die vielköpfige Familie, der Vorort im Mittleren Westen. "Crossroads" ist ein weiterer Familienroman aus dem Hause Franzen, der die Familie nicht feiert, sondern ihre strukturellen Probleme offenlegt. Wenn am Ende ein Arbeiter sagt: "Nichts ist wichtiger als Familie", kann man dennoch nicht sicher sein, ob das bloß seiner beschränkten Lebenswelt zuzuschreiben ist - oder doch die Botschaft des kinderlosen Autors.