Der Fußball nimmt gerne für sich in Anspruch, im Sinne der Völkerverständigung zu wirken. Frei nach dem Motto: Wer sich auf dem Platz beharkt, muss keine Kriege führen. Dass allzu oft das genaue Gegenteil der Fall ist und Fußball-Länderspiele Wogen des Nationalismus entfachen, wissen wir nicht erst seit dem sogenannten Fußballkrieg, der 1969 zwischen Honduras und El Salvador ausbrach.

Wie aus einem Fußballmatch echte Gewalt entstehen kann, schildert auch Miljenko Jergović in seinem neuen Roman, "Der rote Jaguar". Er spielt irgendwann in einer nicht näher bezeichneten Zukunft, aber diese könnte auch schon morgen sein. Jedenfalls tragen Serbien und Kroatien, die einstigen Widersacher im Jugoslawienkonflikt, ein WM-Qualifikationsspiel gegeneinander aus, und schon vor dem Anpfiff brodelt es in beiden Ländern.

Tragischer Unfall

Eigentlich geht es um nichts mehr. "Trotzdem wurde das Match von beiden Seiten mit einer solchen Spannung erwartet, als würde es über Würde und Ehre, wenn nicht gar über das Schicksal beider Länder und ihrer Bewohner entscheiden. So ist das im Sport, besonders im Fußball, wenn Spieler aus diesen beiden Ländern aufeinandertreffen. Jeder Wettkampf ist für sie in ihrer unstillbaren, allgegenwärtigen Sehnsucht nach Krieg - ein Kampf."

- © Schöffling & Co.
© Schöffling & Co.

Während das Spiel läuft, treffen auf tragische Weise zwei weitere Lebenslinien aufeinander. Da ist zum einen das serbische Ehepaar Zoran und Borka, das schon lange in Wien lebt und alles tut, um die eigene jugoslawische Vergangenheit zu vergessen. Trotzdem will Zoran noch einmal zurück in seine Heimatstadt Sarajewo, wenn auch nur, um sicherzugehen, dass ihn nichts mehr mit ihr und seiner Herkunft verbindet. Seine Frau kommt mit, und so sind sie gemeinsam im titelgebenden roten Jaguar unterwegs, als es zu einem verhängnisvollen Unfall kommt. Herkul, der behinderte Sohn des kroatischen Nationalisten Ante Gavran, läuft ihnen vors Auto, ist tot oder zumindest schwer verletzt (Genaues erfahren wir erst ganz am Ende).

Was folgt, ist eine Explosion der Gewalt und des Hasses, die offenbar nur einen Anlass brauchten, um sich Bahn zu brechen. Der Krieg im früheren Jugoslawien mag zu Ende sein, in den Herzen der Menschen schwelt er immer noch weiter. "Nichts konnte den unerbittlichen Gang der Ereignisse aufhalten. Schon war geschehen, was noch nicht einmal begonnen hatte. Vor uns öffnet sich die Hölle."

Miljenko Jergović erzählt die düstere Handlung in drei Teilen. Die beiden ersten vermitteln uns die Lebensgeschichten der Protagonisten, deren Schicksale sich im bosnischen Dorf Briznik kreuzen. Und sie machen auf eindringliche Weise deutlich, dass der ethnische Konflikt, der den Vielvölkerstaat Jugoslawien zerstörte, jedes dieser Leben unweigerlich bestimmt.

Selbst Zoran und seine Frau, die ihren Kindern bewusst österreichische Namen geben und niemals auch nur ein Wort Serbokroatisch mit ihnen gesprochen haben, werden immer wieder auf ihr Serbentum reduziert. Das für sie richtige Leben in Wien wird ständig überschattet vom falschen Leben der ethnischen Zuschreibung. Und auch der Kroate Ante Gavran führt lange ein unscheinbares Dasein als Heizer, bis er sein Herz für die kroatische Sache entdeckt.

"Der Krieg hat alles verändert. Ich begann darüber nachzudenken, wer und was ich bin und wieso alles so gekommen ist. So begriff ich, dass ich an den Boden gefesselt bin, eben weil ich Kroate bin. Und das ist letztlich das, was ich mit meinem Volk teile. (...) Es ist einfacher, wenn man an die Existenz einer gewissen Ordnung glaubt und einen Sinn in allem sieht."

Alte Konfliktlinien

Im dritten Teil inszeniert Jergović die Eskalation der Ereignisse als einen rasenden Taumel, der durch die sozialen Medien und Unmengen an Fake News befeuert wird. Aus einem Autounfall entsteht ein schreckliches Pogrom, dem dutzende Menschen zum Opfer fallen - bloß, weil sie der "falschen" ethnischen Gruppe angehören. Das ist mitunter etwas dick aufgetragen, Platz für Nuancierungen bleibt hier keiner, aber so ist das vermutlich, wenn der Mob regiert.

"Der rote Jaguar" ist ein bitterböses Buch geworden, eine gnadenlose Abrechnung mit dem kroatischen Nationalismus und der unseligen Rolle, die der Katholizismus dabei spielt. Dass der Zorn des Autors vor allem im letzten Teil deutlich zu spüren ist, nimmt diesem Roman leider ein wenig von seiner literarischen Kraft. Aber im Angesicht des nationalistischen Furors muss es wohl auch der Kunst die Sprache verschlagen.