In der Einleitung von 1955 erklärt Carl Laszlo den Lesern seinen Titel: Die in die Konzentrationslager Verschleppten mussten ihren Angehörigen in Ungarn Postkarten schicken mit vorgedrucktem Text ("Am Waldsee") und eigenhändiger Unterschrift. Mit dem Titel ist auch der Grundton dieses Buches angestimmt: das Groteske. Es handelt sich um keinen Report, keine Bilanz des Schreckens, sondern um einen literarischen Text. Kein Chronist, sondern ein Schriftsteller hat hier ein Werk geschaffen, das sich kaum einordnen lässt in die Fülle der europäischen Literatur über das Lagersystem.

Allerdings hat "Ferien am Waldsee" doch eines gemeinsam mit den frühen Dokumenten über die Lagerwelt. Zehn Jahre nach der Befreiung geschrieben, hat Laszlo sein Buch im Selbstverlag herausgeben müssen. Auch Primo Levi hat das Manuskript von "Ist das ein Mensch?" (1947) ohne Erfolg den großen Verlagen angeboten. Levi spricht vom "Tantalustraum": dass der Träumer vom Lager erzählt, seine Hörer aber nicht folgen können oder wollen und sich gleichgültig entfernen.

Diese Angst hat die Autorinnen und Autoren der Lagerwelt von Anfang an begleitet. Sie gaben Antworten auf nicht gestellte Fragen. Für Laszlo ist damit auch die Angst verbunden, dass im Verdrängen des Geschehenen sich die Drohung der Wiederkehr verbirgt, "dass alle diese Dinge heute in ähnlicher Form sich in anderen Ländern wieder abspielen und sie morgen wieder vor unseren eigenen Augen erscheinen könnten". Ob man als Überlebender noch "einen Platz in dieser Welt findet", das scheint dem Erzähler immer wieder fraglich.

- © Das vergessene Buch
© Das vergessene Buch

An grotesken Szenen gibt es keinen Mangel: Ein Astrologe etwa erstellt im KZ einem SS-Offizier ein Horoskop und versetzt ihn damit in Angst und Schrecken. Seine tägliche Genugtuung ist es, den angsterfüllten SS-Mann zu beobachten. Die Topographie der Lagerwelt interessiert den Erzähler dagegen nur am Rande. Wenn seine Danteske Wanderung ihn nach Auschwitz in andere Lager führt, dann verschweigt er uns vieles, sogar deren Namen.

Uns Leser verblüfft am stärksten, dass Laszlos Buch keine große Anklage ist, sondern ein quälender Akt der Selbstbesinnung. Das Interesse des Erzählers gilt nicht der Funktionselite des Lagers, sondern deren Opfern. Mit grellen Bildern wird das Lagersystem von unten geschildert, wie die Zwangsgemeinschaft der Häftlinge funktionierte, wie man überlebte oder unterging. Diese erstaunliche Ausblendung der Täter hat etwas von Verachtung: Sie werden mit Gleichgültigkeit bestraft. Einzig der Lagerarzt Josef Mengele wird in den Blick genommen: Der Erzähler schildert ihn als einen blonden Engel des Todes, der durch das Lager wandert, ohne Angst davor, dass seine Opfer ihn attackieren.

Was den Erzähler mehr interessiert, ist das System der Häftlinge, sind die Brutalismen der Lager- und Blockältesten und der "Kapos", der Funktionshäftlinge (er nennt sie höhnisch "Kameradschaftspolizei"). Dieser Blick auf die Opfer ist so gnadenlos wie in kaum einem anderen Rapport aus den frühen Jahren. Unter den Häftlingen ist der Mensch des anderen Menschen Wolf geworden; sie halten, wie die SS das intendiert hat, das System des Lagers aufrecht. Kein schärferer Kontrast zu Laszlos Erzählung ist denkbar als die vielen Heldengeschichten über das Lager, die uns etwa aus der DDR-Belletristik vertraut sind. Laszlo nimmt keine Rücksichten, weder politische noch religiöse.

Alexander von Schönburg, der Laszlo in den späten Achtzigerjahren in Basel kennengelernt hat, liefert als Nachwort ein Porträt Laszlos, das das Unheimliche und Überwältigende dieser Gestalt in Anekdoten zu bannen versucht. Bald nach seiner Befreiung wurde Laszlo zum erfolgreichen Kunsthändler in Basel. 1962 gründete er dort eine Kunstgalerie, in der Andy Warhol, William S. Burroughs und Christo verkehrten.

Laszlo kam zu Reichtum und konnte seinen Hedonismus leben: mit Koks, LSD, Champagner, Amour und Avantgarde. Seine Biographie passt so gar nicht in unser Bild eines Überlebenden des Höllensystems, so wenig, wie sein kleines Buch über die Welt von Auschwitz sich in die Literatur der Lagerwelt einordnen lässt.