Er gilt als einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Drehbuchautoren. Der gebürtige Westfale und Wahltiroler Uli Brée schuf Kultserien wie "Vorstadtweiber", "Vier Frauen und ein Todesfall" und schrieb Österreich-Folgen für den "Tatort". Mit Rupert Henning und André Heller realisierte er den Kinofilm "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein". Jetzt hat der bekennende Motorradfan seinen ersten Roman geschrieben, eine radikale Liebesgeschichte mit dem Titel: "Du wirst mich töten" (Amalthea).

Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem 57-jährigen Autor über das Böse in der Welt und das faszinierende Leben im Hotel.

"Wiener Zeitung": Ist Ihr neues Buch, das schnörkellos und sehr bildhaft von inneren Dämonen erzählt, für Sie Krimi oder Roman?

Uli Brée: Krimi ist es für mich keiner. Vor allem, weil es, wie ich hoffe, doch sehr literarisch geschrieben ist. Von daher ist es mehr ein Roman. Aber vom Spannungsbogen her, wiederum ein Thriller. Wer das Ganze mit "True Detective" vergleicht, der Serie, die sich durch komplexe Charaktere und mehrschichtige Erzählebenen auszeichnet und sich streckenweise wie ein Fiebertraum am Rande der amerikanischen Gesellschaft anfühlt, liegt meiner Meinung nach, nicht ganz falsch. Für mich hat die Geschichte auch etwas von Fargo, dem Kultfilm der Coen-Brüder.

Ruth Brauer Kvam, die Tochter von Arik Brauer, spielt in "Vorstadtweiber" die Polizistin Tabata Goldstaub. Auch die Hauptfigur Ihres neuen Romans ist Polizistin und trägt den gleichen Namen. Was ist der Grund?

Das ist kein Zufall, sondern hat damit zu tun, dass ich diese Figur bei den "Vorstadtweibern" schon entwickelt hatte, die in ihrer Direktheit etwas emphathielos und grenzüberschreitend ist. Ich konnte ihr aber in diesem Format nicht die entsprechende Tiefe geben. Da ich sie jedoch so mochte, bin ich wieder zu den Ursprüngen zurück und habe dann diesen Roman, diesen Thriller dazu entworfen. Wenn man das verfilmen würde, dann wäre das eine sechsteilige, düstere Netflix-Serie.

Welche Rolle spielt eigentlich der jüdische Hintergrund Ihrer Hauptfigur für Sie?

Uli Brée lässt seine Frauenfiguren gern in Kult-Autos durch die Geschichte kurven. 
- © Jan Frankl

Uli Brée lässt seine Frauenfiguren gern in Kult-Autos durch die Geschichte kurven.

- © Jan Frankl

Der Bezug kommt natürlich daher, dass ich 20 Jahre in Wien gelebt habe und es nur wenige europäische Metropolen gibt, deren Stadtgeschichte so eng mit der jüdischen Geschichte verbunden ist wie Wien. Und gleichzeitig entstand dieser Zusammenhang vor allem durch Ruth, die Tochter von Arik Brauer. Sie ist eine ganz klare Vorgabe für meine Figur. Sie erscheint auch auf dem Buch-Cover.

Obwohl Sie eigentlich Motorradfan sind, tauchen in Ihren Geschichten immer wieder ungewöhnliche Autos auf. So fährt Tabata die Autoikone Ford Capri, das Kultcoupé aus Köln, und Bibi Fellner alias Adele Neuhauser im "Tatort" den schwarzen Pontiac Firebird mit Flammen-Sonderlackierung ihres Rotlicht-Freundes "Inkasso-Heinzi". Was steckt dahinter?

Das mache ich bei den "Vorstadtweibern" auch. Ich glaube, in unserer Generation, definiert man sein Lebensgefühl noch über Autos. Der Capri etwa passte perfekt in die Aufbruchsstimmung der tempogeladenen Spät-Sechziger. Bei der nächsten Generation ändert sich das schon. Da ist wahrscheinlich das iPad ein Statussymbol. Wir dagegen verbinden mit Autos automatisch Erinnerungen. Ich erzähle deshalb über spezielle Autos, um damit einen Charakter zu versinnbildlichen.

Der Roman spielt zum Teil im Wiener Hotel Beethoven. Und Tabata spricht von ihrem "Sternstundenhotel", in das sie regelmäßig zurückzieht. Dort lesen Sie demnächst. Was hat Sie daran fasziniert?

Natürlich ist es dieses wechselhafte Leben im Hotel. In jedem Raum, hinter jeder Tür verbirgt sich eine Lebensgeschichte. Ganz am Anfang hatte ich mal die Idee, dass ich ein Buch "Sternstundenhotel" nenne und von all diesen Hotelgästen erzähle und deren Leben miteinander verwebe. Aber das war mir dann doch zu riskant, denn da hätte jeder an den Klassiker "Menschen im Hotel" von Vicki Baum gedacht. Und jetzt ist im kreativen Prozess dieses Motiv davon übriggeblieben.

Würden Sie Schreiben als Therapie bezeichnen?

Sagen wir so, Schreiben macht mich glücklich. Was ich oft nicht verstehe, wenn ich von Autoren lese, die sagen, dass sie sich schon quasi 25 Jahre quälen und heftige Prozesse durchleiden. Da frag ich mich dann schon und denk mir, he Alter, warum machst du’s dann. Mir geht es da ganz anders. Ich bin jetzt gerade im Tonstudio und habe eine Serie abgedreht und erstmals auch Regie geführt. Aber mir fehlt das Schreiben. Ich sehne mich wieder danach. Was für andere Leute fürchterlich ist, das weiße Blatt Papier vor ihnen, vor dem sie verzweifeln, weil sie nicht wissen, was sie drauf schreiben sollen, das ist für mich das Universum. Ich kann alles zum Leben erwecken, was ich will.

Sie haben immer wieder von der offenen Wunde aller Drehbuchautoren gesprochen, weil sie nicht so wahrgenommen werden. Heilt sie beim Schreiben von Büchern?

Gute Frage. Obwohl mich schon auch das Drehbuchschreiben mit Glück und Freude erfüllt. Aber das ist halt in einem kommerziellen Geschäft, obwohl der Literaturbetrieb ja ebenfalls den Marktgesetzen unterliegt. Doch ich habe gelernt, mir treu zu bleiben in meiner Arbeit. Und wenn mir jemand blöd kommt, dann muss ich das nicht unbedingt machen. Als Kreativer hast du eine dünne Haut. Ich bin sehr empfindlich, wenn man mit mir nicht respektvoll umgeht.

Was unterscheidet für Sie ein Drehbuch von einem Roman? Ist Bücher zu schreiben die Kür und Drehbücher die Pflicht?

Ich habe gemerkt, im Roman muss ich noch mehr die Bilder entstehen lassen, die sonst beim Drehbuch der Kameramann einfängt. Wenn man beides mit Schuhen vergleicht, sind das eine Gummistiefel und das andere Stilettos. In beiden kann man gehen, dennoch sind sie sehr unterschiedlich. Bücher zu schreiben ist für mich pures Glück. Der Prozess des Drehbuchschreibens macht mich nicht weniger glücklich, aber mein Drehbuch muss ich aus der Hand geben. Es kommt oft anders an, als ich es losgelassen habe.

Sie sind in Deutschland im Ruhrgebiet geboren. Was hat Sie nach Österreich verschlagen?

Ich glaube, letztlich war es der besondere Humor. Davor habe ich ein Jahr in Amsterdam gelebt, ehe ich nach Wien kam und hängenblieb. Ich bin mit 17 Jahren an einem Sonntag aufgewacht und habe mir gedacht, wenn ich jetzt nicht gehe, gehe ich nie. Dann habe ich gewartet, bis meine Eltern aus der Kirche kamen, habe mich auf die Straße gestellt und bin losgetrampt. Ich wusste, wenn ich zu Hause bleibe, versauere ich.

Warum ausgerechnet Amsterdam?

In den 1980ern gab es dort eine rege Actiontheaterszene und Clownsschule. Der bekannteste war damals der US-amerikanische Comedian und Anarchoclown Jango Edwards. Edwards gründete zudem das weltbekannte Amsterdamer "Festival of Fools", welches von 1975 bis 1984 als eines der wichtigsten Festivals für Clowns weltweit galt. In Wien bin ich dann auf die Schauspielschule Krauss. Ich habe dann als Schauspieler alle möglichen Jobs gemacht, unter anderem kellnern, und mit einem Freund zusammen, um kreativ zu sein, "Männer-Schmerzen" geschrieben. Das war sieben Jahre lang ausverkauft, also konnte ich bald aufhören und habe für andere und für mich Comedy geschrieben.

Die sechste Staffel der Vorstadtweiber wird voraussichtlich 2022 zu sehen sein Haben Sie das Gefühl, dass die Geschichte der "Vorstadtweiber" nun fertig erzählt ist?

Ja, und ich denke, man sollte sich würdig verabschieden von Figuren, die man so lieb gewonnen hat, obwohl sie so durchtrieben sind. Und bevor wir in Gefahr geraten, uns zu wiederholen und eine Geschichte zu Tode zu erzählen, lassen wir sie lieber in den Erinnerungen weiterleben. Natürlich wird die sechste und letzte Staffel Überraschungen bieten. Es gibt eine Rückkehr von einigen Lieblingsfiguren, wie die Gerti Drassl und anderen, die wir gerne noch mal sehen wollen. Die sechste Staffel hat ein bisschen die Atmosphäre wie die erste.