Man kann das Mädchen aus der Diktatur holen, aber die Diktatur nicht aus dem Mädchen", sagt Rickie, die schillernde Fotografin, von der man als Leserin lange nicht weiß, ob es eine hilfreiche Spur ist, die sie für die gerade frisch in Berlin angekommene Adina auslegt - oder eine äußerst zerstörerische. Als Adina, 21-jährig, am 18. September 2006 aus dem tschechischen Liberec aufbrach in die deutsche Hauptstadt, in der "zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der Regierung" stand, hatte sie eigentlich vor, in anderthalb Monaten wieder zurück bei ihrer Mutter zu sein.

Stattdessen liegt eine lange und etappenreiche Reise in den Westen vor ihr, den Adina, als sie von Rickie zum Praktikum ins Oderland vermittelt wird, bald als im Zeichen aggressiver Ost-Erschließung stehenden Wilden Westen zu erkennen beginnt. Da ist Razvan Stein, der drei Jahre bei der Volksarmee gewesen war und nun ins Oderland zurückgekehrt ist, dort Land und ein altes Anwesen gekauft hat, um "das Gestalten nicht den anderen (zu) überlassen, nicht den Stuttgartern oder Hamburgern oder Münchnern, denen das Land über Nacht zugefallen war".

Razvan Stein fasst die himmelschreiende Ungerechtigkeit prä-gnant zusammen: Wie den Leuten aus dem Osten, die mit Elan ihre kleinen Betriebe privatisierten, Schulden angehängt worden waren, so dass sie keine echte Chance hatten. Wohingegen "Westler" kommen und für eine Mark einen Betrieb kaufen und die Investition als Steuererleichterung verbuchen konnten.

- © S. Fischer
© S. Fischer

Himmelschreiendes Unrecht ist aber auch - und vor allem - auf einer noch ganz anderen Ebene das innerste Thema des Romans. Razvan Stein, der die Dinge doch scheinbar durchschaut, hat dennoch kein Problem damit, sich gegenüber einem einflussreichen Mann aus Berlin zu verbiegen - und Adina auf eine Weise zu verraten, die ihr Leben umkrempelt und sie weit weg, bis nach Finnland fliehen lässt.

Antje Rávik Strubel erzählt die Geschichte auf mindestens drei miteinander verschränkten Ebenen: Da ist Adinas persönlicher Weg, der sie in Helsinki in eine liebevolle Beziehung zu einem Professor, EU-Abgeordneten und engagierten Menschenrechtler führen wird; da ist die große und allgegenwärtige Frage nach politischer Gerechtigkeit; und da ist das rätselhaft-intime Gespräch mit einer "Blauen Frau" - eine poetische Ebene, die sich am wenigsten erschließt. Auch Adina selbst tastet sich durch verschiedene Schichten ihrer selbst, um fähig zu werden, ihre Menschenwürde zu behaupten gegen alle, die sie verbrecherisch missachtet hatten.

"Sie braucht einen Menschen, der wach ist und es aushält, da zu sein, und nicht von einer bequemen Resignation zermahlen wird (...) Sie braucht einen Menschen, der auf die Barrikaden geht." Entscheidend ist, nicht allein zu sein in der Einschätzung und im Empfinden der Dinge, von richtig und falsch. Nur so kann Adina ihr innerstes Kraftzentrum, den "kleinen Mohikaner" in sich, wie sie ihn nennt, aktivieren, Dinge wieder in ihre Ordnung zu bringen.

Rávik Strubel hat ein komplexes und kluges Buch geschrieben, das auf vielfältige Weise die Frage nach der Möglichkeit von Gerechtigkeit auf allen Ebenen stellt.