Starke Frauen hat es schon mehrere gegeben bei Asterix: Man denke nur an Maestria - im selben Band schickten auch die Römer Legionärinnen ins gallische Dorf. Auch an schönen Frauen - allen voran Falbala - mangelte es bisher nicht. Aber mit den Sarmatinnen, denen Texter Jean-Yves Ferri und Zeichner Didier Conrad das 39. Abenteuer "Asterix und der Greif" - dem ersten Band seit derm Tod Albert Uderzos im Vorjahr - widmen, treiben sie es auf die Spitze: Hier trifft das Klischee der sexy Ost-Braut auf jenes der wilden Amazone. Dazu passt auch ein Gastauftritt von Eva Longoria am Ende als sarmatische Kriegerin. "Asterix bei den Feministinnen" hat wohl der Arbeitstitel gelautet.

Aber beginnen wir am Anfang. Cäsar erfährt von einem sagenhaften Tier, das er unbedingt im Circus Maximus haben will: Der Historiker Rigoros von Migraene hat von einem Greif - halb Löwe, halb Adler - berichtet, den er im unerforschten Gebiet östlich des Römischen Reiches entdeckt habe, im Lebensraum der Sarmaten, von denen eine den Römern an der Grenze in die Hände fällt.

- Asterix®-Obelix®-Idefix® / © 2021 Les Éditions Albert René / Goscinny - Uderzo
Asterix®-Obelix®-Idefix® / © 2021 Les Éditions Albert René / Goscinny - Uderzo

(Kurzer Exkurs: Die Sarmaten gab es wirklich. Das Nomadenvolk lebte vom 7. Jh. v. Chr. bis zum 6. Jh. n. Chr. nördlich des Schwarzen Meeres, verdrängte die Skythen in der Ukraine, besiedelte die ungarische Tiefebene und beherrschte sämtliche Steppen zwischen Ural und Donau. Somit kann man die Sarmaten als Vorfahren der Slawen ansehen.)

Cäsar jedenfalls tut, was Cäsar tun muss: Er entsendet einen Expeditionstrupp in den Wilden Osten, auf dass der mit dem sagenhaften Greif zurückkomme. Ein Unterfangen, das natürlich insofern von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, weil die Gefangennahme der Schamanennichte Kalaschnikowa (sie trägt die Züge der 1987 verstorbenen Sängerin Dalida) Asterix, Obelix und Miraculix auf den Plan ruft. Und wenn die drei Gallier den Römern in die Quere kommen, ist klar, wer am Ende baden geht (und zwar im wahrsten Sinn des Wortes).

Diese Expedition ins heutige Russland kann nur ein Reinfall für die Römer werden. - Asterix®-Obelix®-Idefix® / © 2021 Les Éditions Albert René / Goscinny - Uderzo
Diese Expedition ins heutige Russland kann nur ein Reinfall für die Römer werden. - Asterix®-Obelix®-Idefix® / © 2021 Les Éditions Albert René / Goscinny - Uderzo

Männer gehören an den Herd

Wie der feministische Hase läuft im Wilden Osten, erläutert der Schamane Terrine gleich bei der Ankunft der Gallier: "Bei uns leben die Frauen als Kriegerinnen, während wir Männer an den Herd gehören." Seine Frau, die Kriegerin Matrjoschkowa, hat die Befehlsgewalt über das Frauenheer, während er sich spirituell der Befragung seiner Trommel hingibt, was sie ihm ständig vorhält.

Der Greif (hier ein Relief am Rathaus in Karlsruhe) ist eine alte Legende. - © CC BY 3.0 de / Ikar.us
Der Greif (hier ein Relief am Rathaus in Karlsruhe) ist eine alte Legende. - © CC BY 3.0 de / Ikar.us

Auch auf römischer Seite gibt es einen Dauerstreit, der sich als roter Faden durch das 48-seitige Heft zieht: Der grantige Geograf Globulus (eine Hommage an Michel Houellebecq) regt sich laufend über die zoologischen und geografischen Unkenntnisse des präpotenten Großwildjägers Ausdimaus auf. Den etwas heruntergekommenen Zenturio Brudercus (ein Tribut an den im Vorjahr verstorbenen US-Schauspieler Brian Dennehy) interessiert das nicht. Hauptsache, er holt den Greif.

Der wird übrigens tatsächlich gefunden - allerdings ist am Ende alles ganz anders. Überhaupt hat der Greif, das Totemtier des Schamanen, eine ganz eigene Funktion für die Erzählung, wie Texter Ferri erklärt: "Hier zeigt sich ein bisschen die Ignoranz der Römer und die weltfremde Vorstellung, die sie sich von der Tierwelt in der noch unerforschten Gegend machen."

Ferri und Conrad ging es also auch darum, eine Region ins Zentrum zu stellen, die Westeuropa eigentlich näher ist, als sie in den Köpfen wahrgenommen wird. Den Ukraine-Konflikt sucht man allerdings vergeblich. Der Band strotzt aber von anderen Anspielungen. Die Corona-Pandemie kommt (in Wortspielen) ebenso vor wie Verschwörungstheoretiker: So meldet sich ein Legionär Fakenius mehrmals zu Wort. Nicht nur seinen Namen muss man mehrmals lesen, um ihn zu kapieren. Dieser fünfte Band der würdigen Asterix-Erben Ferri und Conrad bestätigt einmal mehr: In Wahrheit waren es nie Comics für Kinder. Spätestens "Asterix und der Greif" macht deutlich, wie erwachsen die Hefte (im Gegensatz zu den Verfilmungen) waren und sind.