Was haben der Sonnenkollektor, die geothermische Turbine, Cocktail-Tomaten, der USB-Stick, robotergestützte Wirbelsäulenchirurgie, das erste Freisprech-Smartphone und die künstliche Nase zur Krebserkennung gemeinsam? Antwort: Sie wurden im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in Israel erfunden, wie hunderte weitere Innovationen.

Es ist ein merkwürdiges, nicht leicht ohne Stereotype zu erklärendes Phänomen, dass Israel eine so außerordentlich innovative Nation ist. Der Staat mit seinen knapp zehn Millionen Einwohnern, die auf einem Gebiet von der Größe Niederösterreichs umgeben von eher unfreundlichen Nachbarn leben, hat bisher 65 Start-ups hervorgebracht, deren Wert mehr als eine Milliarde Dollar beträgt, "Einhörner" genannt. Zum Vergleich: Österreich - neun Millionen Einwohner - hat bisher zwei dieser Unternehmen, ganz Europa etwa 250 vorzuweisen.

Die Gründe für diese enorme Leistungskraft israelischer Forscher, Erfinder und Entwickler hat der israelische Autor Avi Jorisch in seinem Besteller "Du sollst erfinden", der jüngst auf Deutsch erschienen ist, herausgearbeitet. Er traf zwei Dutzend der interessantesten israelischen Erfinder-Unternehmer zu Gesprächen und fand naturgemäß viele Unterschiede in den jeweiligen Lebensläufen, aber auch Gemeinsamkeiten.

"Es gibt mehrere Gründe für den Erfolg Israels als Land der Neuentwicklungen. Dazu gehört die Schaffung einer Kultur, welche die Bürger dazu ermutigt, Autorität infrage zu stellen, stets noch eine weitere Frage zu stellen und das scheinbar Naheliegende nicht einfach hinzunehmen," diagnostiziert der Autor. "Chuzpe, der obligatorische Militärdienst, renommierte Universitäten, wohlüberlegte Interventionen der Regierung, Rohstoffknappheit und die ethnische und kulturelle Vielfalt im Land tragen dazu bei, dass sich das kleine Israel zu einer Hochburg technologischer Innovationen gemausert hat."

"Lebensretter-Flashmob"

Tatsächlich sind es nicht nur Juden, die in Israel erfinden und erforschen, sondern auch muslimische oder drusische Israelis, die oft erfolgreich zusammenarbeiten. Jorisch beschreibt dieses Phänomen anhand des Rettungsdienstes United Hatzalah, der Ersthelfer auf Motorrädern zu Unfällen, Infarkt- oder auch Terroropfern schickt, die meist vor der Rettung ankommen und damit jedes Jahr tausende Menschenleben retten.

Die wohl einmalige israelische Innovation setzt eine hochentwickelte Logistik voraus, die dafür sorgt, dass Ersthelfer in Tel Aviv oder Jerusalem meist binnen 90 Sekunden am Einsatzort sind - ein "Lebensretter-Flashmob", so Jorisch: Zehntausende Ehrenamtliche aller Religionen machen mit, was auch hilft, Brücken zu bauen. Die Organisation bringt Menschen zusammen, die einander sonst nicht begegnet wären - ultraorthodoxe und säkulare Juden, Christen, Muslime, Beduine und Drusen. Das mache auch Schwierigkeiten: "Einige Geldgeber zogen ihre Zusagen zurück, als sie erfuhren, dass United Hatzalah auch arabische Freiwillige in die Arbeit einbezieht." Was andere Israelis wiederum so ärgerte, dass sie noch mehr spendeten.

Es sind zwei Dutzend spannende Erfinderporträts, die Jorisch zu einem Panorama israelischer Innovationsfreude zusammenfügt. Dabei verweist er auch auf den Zusammenhang zwischen Religion und Innovation, was theologische Laien überraschen mag. "Spätestens seit dem Mittelalter beten Juden dreimal täglich das ,Alei-nu‘. Unter anderem hält das Gebet uns dazu an, die Welt zu heilen (...) Die Mischna, die im zweiten Jahrhundert kodifizierte mündliche Überlieferung als Ergänzung der Torah, erwähnt zehnmal das Konzept von ‚Tikkun Olam‘, also die Vorstellung von der Heilung der Welt, und schreibt vor, dass den potenziell Benachteiligten im Interesse der Heilung der Welt besonderer Schutz gebührt", so Joresch.

Religion als Innovationstreiber - ein eher unorthodox anmutender Gedanke, den er klug und überzeugend argumentiert. Dass er kein Hehl daraus macht, Partei zu sein, mindert das Lesevergnügen nicht im Geringsten.