Nicht weiterlesen!

Das bevorstehende Grauen ist unerträglich. Es ist eine Blasphemie fern aller Pläne eines gütigen Gottes.

Ein abscheuliches Monstrum aus den namenlosen Tiefen eines wahnsinnigen Weltalls.

Nicht weiterlesen, bitte! Ja nicht weiterlesen!

Die horrible Kreatur hockt auf ihren grauenerregenden Hinterpfoten, aufrecht, das unheilige Fell rötlich, die hervortretenden Augen brennen mit glimmernder Bösartigkeit, ein sinistrer Schwanz ringelt sich in sonderbarer S-Förmigkeit hoch. In seinen unchristlichen Pfoten hält das widerwärtige Wesen eine zyklopische Nuss, an der es mit geiferndem Maul gierig schmatzt.

Nur jetzt nicht weiterlesen, es ist sonst unerträglich.

Die gotteslästerliche Abnormität ist ein entsetzliches Eichhörnchen.

Lächerlich? - Sagen Sie das einem Sciuropobiker . . .

Womit wir bei H. P. Lovecraft sind.

Zeig’ her Deinen "Bären"!

Die Ikone der neuen Horror-Literatur, geboren am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, dort am 15. März 1937 gestorben, hatte zwar keine Angst vor Eichhörnchen, aber Lovecraft ekelte sich vor Meerestieren. Die Ängste des Autors nämlich und die Ängste des Lesers oder Zuschauers sind nicht zwangsläufig deckungsgleich. Und jetzt hat die ganze nach-lovecraft’sche Horrorliteratur ein Problem: Man muss den "Bären" zeigen, meint Stephen King in einem Essay. Der selbsternannte Horror-Big-Mac irrt hier freilich so grundlegend wie in seinen Geschichten. Denn, um auf Lovecraft zurückzukommen, nicht jeder gruselt sich vor einem Kraken, selbst dann nicht, wenn dieser Krake eine ziemliche Größe hat und ein uralter verfluchter Gott namens Cthulhu ist.

Lovecraft aber ist nach wie vor der bestimmende Horror-Autor, und die Fangemeinde wächst. Das kann man an den Ausgaben ablesen. Seinerzeit, in den 1970er Jahren, gab es auf Deutsch gerade einmal ein paar mehr oder minder gut übersetzte Geschichten in Gruselgeschichten-Sammelbänden.

Ins Bewusstsein des deutschsprachigen Lesers ist Lovecraft erst durch den nur ihm gewidmeten Sammelband "Cthulhu" des Insel-Verlags, übersetzt von H. C. Artmann, dessen Wortballett den Tonfall der Lovecraft-Übersetzungen ins Deutsche auf Jahrzehnte festlegte. Es folgten weitere Ausgaben im Insel-, dann als violette Taschenbücher im sonst hochliterarischen Suhrkamp-Verlag.

Sollte der unbeholfen schreibende Lovecraft gar zum veritablen Klassiker werden?

Er hat es geschafft: Sämtliche Erzählungen gibt es im Festa-Verlag; die Suhrkamp-Lovecraft-Sammlungen sind als Taschenbücher erhältlich. Eine einbändige Auswahl ist bei Heyne erschienen. Der Nikol-Verlag hat die zwei dicke Bände umfassende Sammlung der Erzählungen neu aufgelegt.

Die zwei großformatigen und dickleibigen Bände bei Fischer Tor enthalten umfangreiches Material an Kommentaren und Bildern, sie sind typisches Fan-Ausgaben - was sich auch im aberwitzigen Preis niederschlägt, sind aber, entgegen der Beschreibungen im Buchhandel, keine Gesamtausgabe. Als solche war (auf Deutsch, versteht sich) lediglich die hochpreisige Ausgabe der Edition Phantasia angelegt. Nur sie enthält auch die Theaterstücke und Gedichte. Allerdings harren die Bände mit den Essays schon seit Jahren ihres Erscheinens.

Diese Präsenz Lovecrafts ist umso erstaunlicher, als seine Geschichten grandiose Fehlleistungen sind. Zwar fasziniert sein Konzept eines Dämonengötteruniversums, dem sich manche Menschen unterwerfen - mit verheerenden Folgen für ihren Verstand oder ihre menschliche Gestalt. Die Fehlleistung aber besteht darin, dass sich Lovecraft in den Kopf setzte, das Unbeschreibbare zu beschreiben - im konkreten Fall das Aussehen der Dämonengötter.

Unbeschreibbares Unbekannte

Nun kann man nur beschreiben, wofür es Erfahrungswerte gibt. Fehlt der Erfahrungswert, ist ein Wort nur ein Wort, vermittelt aber kein Bild. Will man sich ein konkretes Bild von etwas Unbeschreibbarem machen, muss man auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Gott etwa wird dann zum rauschebärtigen Großvater.

Ebenso sind alle Monsterdarstellungen und -beschreibungen entweder ins Riesenhafte gesteigerte Angst-Tiere wie Haie, Pottwale oder Schlangen, oder es sind Chimären, also Mischwesen: Menschen mit Tierattributen, Tierkörper mit Menschenköpfen, Verschmelzungen von Mensch und Tier oder mehrerer Tiere: Nixen, Kentaure, der Minotaurus, die Medusa, George Langelaans Fliegenmensch, den David Cronenberg so unvergleichlich in Szene setzte.

Bei all diesen Monstren sind die Einzelteile, aus denen sie sich zusammensetzen, bekannt. Man könnte ein ganz persönliches Monster konstruieren: Wie wäre es mit einer drei Meter großen Katze mit einem Elchgeweih und einem Regenwurm als Schwanz? Nicht gruselig genug? Meinetwegen: Die Regenwurmschwanzelchgeweihkatze hat statt eines Mauls einen Stechrüssel, mit dem sie Gehirne aussaugt.

Solche Höllenzootiere zu erfinden, ist keine Hexerei, und wenn man sich dazu ein paar Dämonenzoowärter ausdenken will, ist auch das nur eine Frage, was man womit verschmilzt.

Das Unbekannte aber bleibt unbeschreibbar. Darin besteht Lovecrafts Achillesferse. Was aus den Nebelschwaden skurriler Adjektive und Adverbien von blasphemisch über zyklopisch bis zu nebelzerkaut auftaucht, ist doch nur ein Tintenfisch. Lovecraft hatte nun einmal eine Abneigung gegen Meerestiere allgemein und ganz speziell gegen Meeresweichtiere. Hätte er Angst vor Eichhörnchen gehabt, wäre es Puschel auf blasphemisch geworden.

Monstren aus eigenen Ängsten

Solange der "Bär" nur aus Andeutungen besteht, konstruiert sich jeder in seiner eigenen Fantasie sein eigenes Monstrum zurecht, das auf den individuellen Ängsten beruht. Das ist Horror-Literatur, die tatsächlich beunruhigen kann. Der Belgier Jean Ray und der Engländer M. R. James haben das glänzend beherrscht. Sobald jedoch der "Bär" gezeigt wird, macht er nur noch denen Angst, die vor solch einem "Bären" von vorneherein Angst haben.

Welch ein Jammer, dass Lovecraft seine Geschichten nicht dort beendet, wo die nebelhafte Atmosphäre am dichtesten ist, gerade in dem Moment, bevor sich der Schleier hebt und den Blick auf den Tintenfisch gewährt.

Aber als Vorlesegeschichten zu Halloween oder sonst einem spukigen gibt’s kaum etwas Besseres als Lovecraft.

Obwohl: Das gotteslästerliche Eichörnchen . . . - Aber die Warnung war klar und deutlich: Nicht weiterlesen . . . !