"Bedingungslose Liebe bleibt den Toten vorbehalten: Sie erzählen keine Geschichte mehr - sie sind Geschichte", heißt es in einer der "Grabreden", die Stefan Slupetzky in seinem Band "Nichts als Gutes" versammelt. Und weil Tote keine Geschichten mehr erzählen, muss man eben über sie und von ihnen erzählen. Genau das tut der Wiener Autor - und lässt in Form fiktionaler Grabreden ein keineswegs schwarzrandiges, sondern viel mehr farbenfrohes Potpourri diverser Lebenswelten entstehen, um nicht zu sagen: auferstehen. Denn: "Totenreden sind gleichsam des Lebens Klappentexte", wie Slupetzky in einer Art Vorrede verkündet.

Und so gibt es etwa - gleich eingangs - eine Grabrede auf einen Grabredner, denn auch das muss es geben. Und diese Rede zeigt, wie man es auch in diesem Beruf, der in diesem Fall mehr einer Berufung gleicht, zu großer Leiden- und Könnerschaft bringen kann bzw. konnte. Aber es gibt - dem bekannten Talent des "Lemming"-Krimiautors und Trio-Lepschi-Musikers zu Aberwitz und Groteske folgend - auch tragikomische Geschichten zum Schieflachen, etwa die Grabrede auf einen Brutalo-Kicker namens "Bernhard Burli Köhler, gehalten vom Obmann und Trainer des 1. FC Schwarzer Blitz, Georg Schurli Bem".

Ein junger Mann wiederum hält eine Trauerrede auf einen (Liebes-)Traum, den er - als er durch ein Busfenster eines jungen blonden Mädchens kurzzeitig ansichtig wird, das anschließend niedergefahren wird - vor seinem geistigen Auge ablaufen sieht. Und die Grabrede auf einen Schriftsteller, gehalten von einem anderen Schriftsteller, verweist auf dessen nachgelassenes Notizbuch, worin sich "die Bilanz seines gesamten Schaffens" darlegt, gipfelnd in den letzten Worten: "Käse. Wurst. Toilettenpapier".

Im abschließenden Kapitel "Aus aller Welt" fingiert Slupetzky kurze Nachrufe aus allen Zeiten und Ländern, wie etwa auf den "Rappen Kahr Ayanga (1204-1218) - "...Über die Steppe hast du mich getragen, durch den Schnee und durch den Fluss. Jetzt bist du tot, und ich werde dich essen." Einer Liste mit zahllosen - vermutlich nicht erfundenen - Namen (und Lebensdaten) folgt der gallenbittere und zynische Nachsatz: "Sehr bedauerlich, die wöchentlichen Opfer. Aber diese Leute aus dem Meer zu fischen, ist nicht unsere Aufgabe. (Gehalten vom Abgeordneten N. N.)"

Da halten wir uns schon lieber an eine andere wahrliche Schluss-Sentenz, die da lautet: "Es sind ja letztlich nur zwei Dinge, die wir auf der Erde hinterlassen (...): Geschichten und Gefühle. Vielleicht waren wir ja nie mehr als das. Vielleicht ist das unsere Seele."

Ja, vielleicht. Jedenfalls sind diese Geschichten die lesenswerte Essenz & Hinterlassenschaft eines quicklebendigen Autors, als welcher uns dieser noch möglichst lange erhalten bleiben möge.