"Meiner Seel", flüstert Busch, "und setzt sich auf der Stelle hin, weil er sich so schwach und mutlos fühlt. Meiner Seel." Das hatte auch seine Großmutter gesagt, vor zehn Jahren, als er ihr erzählt hatte, dass er Susanne heiraten würde. Damals hatte er sich stark gefühlt "und voller Mut". Und nun?

"Meiner Seel", das hatte gerade Susanne zu ihm gesagt, nachdem er sie gefragt hatte, ob sie wegen Günter nicht mehr mit ihm schlafe. Und dann hatte sie die Schlafzimmertür leise hinter sich geschlossen. "Meiner Seel": Mit diesen Worten, sparsam eingesetzt, bringt Christina Walker die Verzweiflung ihres Protagonisten auf den Punkt.

Busch ist am Boden. Seinen Job als Verlagsvertreter hat er vor ein paar Wochen gekündigt. Und um sich neu zu erfinden, ist er zum Nachdenken vorübergehend von der Wohnung hinunter ins Auto umgezogen. Dort sitzt er nun tagsüber, grübelnd, und schläft nachts, frierend. Nur noch zum täglichen Duschen und manchmal zum Kochen geht er hinauf in die Wohnung im Mehrparteienhaus, die er mit Susanne und Matti, seinem zehnjährigen Sohn, teilt.

Der "fand es cool", als Busch ins Auto zog. Zumindest "für ein paar Tage". Und Susanne? Die hat Busch keine Vorwürfe gemacht, zumindest keine übertriebenen. "Zum Beispiel hat sie nicht gesagt, dass sie verhungern müssen, weil er gerade nicht arbeitet." Einmal, ein Lichtblick, hatte sie nach seinem Umzug sogar noch mit ihm geschlafen. Nachts, auf der dafür viel zu engen Rücksitzbank des alten Mercedes.

Andererseits hat sie "überhaupt nicht viel gesagt in letzter Zeit". Jedenfalls nicht zu ihm. Nur von Matti hatte er erfahren, dass sie sich wegen ihm von ihren Nachbarn wie eine "Aussätzige" behandelt fühlt. Und spätestens seit Susanne mit Günter für ein paar Tage in die Berge gefahren - und verspätet heimgekommen - ist, ist auch Busch klar, dass das alles keine gute Zeichen sind. Matti hatten die beiden übrigens mitgenommen, und der war begeistert von dem Wochenende gewesen.

"Wer nicht kommuniziert, ist tot, merk dir das", hatte sein Kollege und Mentor Bentheimer gesagt. Und: "Wer sich nicht bewegt, ist tot." Mit solchen Sprüchen war Bentheimer Busch früher auf die Nerven gegangen. Jetzt bemerkt Busch, dass Wahrheit in diesen Binsenweisheiten steckt. Und wie sympathisch ihm Bentheimer am Schluss war. Ein Handy kommt, weil es vom Nachdenken zu sehr ablenken würde, für ihn trotzdem nicht in Frage. Und mit Matti spielt er nur "Fingerfußball" im Auto, statt echten im Hof.

Nicht weil Busch zu faul dazu wäre, notabene, sondern weil Ballspielen im Hof verboten ist. Und mit der strengen Hauseigentümerin will Busch sich nicht anlegen. Mit all den anderen, deren Wege an seiner bescheidenen Behausung vorbeiführen, übrigens auch nicht. Überhaupt ist Busch einer, der keine Konflikte sucht. Als Ehemann ist er treu, als Vater fürsorglich, als Nachbar höflich, als Bürger gesetzeskonform, als Mensch hilfreich und liebenswürdig - und all das auch dann, wenn er wegen seiner Unfähigkeit, mit dem allerorts herrschenden Tempo Schritt zu halten, zur Zielscheibe von grober Beleidigung, gemeiner Intrige oder subtilem Spott wird.

Es kann, das führt die 1971 in Bregenz geborene Christina Walker in ihrem mit dem Vorarlberger Literaturpreis ausgezeichneten Debütroman variantenreich vor, leider auch der Fromme nie ganz in Frieden leben. Zum einen, weil Schicksalsschläge jeden jederzeit und überall treffen können. Es ist ja leider wahr, was Iwan Gontscharow bereits im Russland der Zarenzeit trefflich formuliert hat: Es tönt der ferne Donnerschlag auch "in einem Mauseloch wider". Zum anderen, weil an Dummheit und Boshaftigkeit auch im 21. Jahrhundert kein Mangel herrscht - wovon die in Augsburg lebende Autorin, nach Tätigkeiten für Theater, Film und Museen in Berlin und Wien, gewitzt zu berichten weiß.

Komik & Tragik

Am gutmütigen Charakter von Busch, der jenem von Gontscharows "Oblomow" gleicht, ändern aber auch die schlimmsten Demütigungen nichts. Und darum würde man diesem Helden nur allzu gerne auf die Sprünge helfen, ihn anschieben, ihm den Weg zu seinen sympathischen Zielen ebnen. Denn während die Erzählung auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik balanciert, und ab und zu auch große Sprünge macht, kommt es zuweilen vor, dass man sich darin, mit all seinen Ängsten und Zweifeln, erschrocken selbst erkennt. Gar nicht wenige Leserinnen und Leser dürften dann wie Busch seufzen: Meiner Seel!