Es herrscht viel Aufregung in der Wiener Straße in Berlin-Kreuzberg: Milchkaffee, wie die Einheimischen eine Melange nennen, ist der neue Hit - aber wie und womit zubereiten? Diese Frage beschäftigt Frank Lehmann, der im "Café Einfall" öfter einmal Chrissie, die kratzbürstige Nichte des Besitzers Erwin Kächele, vertritt.

Dieser wiederum sorgt mit einer neuen Maßnahme für Aufruhr und Chaos: Seine schwangere Frau Helga will im "Einfall" donnerstags einen jour fixe mit anderen schwangeren Frauen einrichten. Daher verhängt Erwin für diesen Tag im Lokal ein Rauchverbot, das naturgemäß - wir schreiben 1980 - die Stammklientel schwerstens irritiert.

Aufruhr herrscht auch bei den Leuten des Kollektivs ArschArt, die neuerdings ihre österreichische Herkunft betonen - und zwar, wie die eingesessenen Berliner finden, auf ziemlich penetrante Weise. Die Gruppe rebelliert gegen ihren herrischen Anführer P. Immel und träumt davon, den aufgelassenen Friseurladen namens Intimfrisur in ein Wiener Kaffeehaus umzuwandeln.

Gute Bekannte

Die Band Glitterschnitter dagegen, deren Instrumentarium aus Schlagzeug, Synthie und einem Bohrer besteht, träumt von einem Auftritt auf der Wall City Noise, einem quasi-avantgardistischen Musik- und Kunstfestival. Dort soll auch, nach viel gutem Zureden durch seinen Manager, der Konzeptkünstler H.R. Ledigt ausstellen. Ihrer aller Wege treffen sich in der Intimfrisur an einem Abend, bei dem alles aus dem Ruder läuft.

Das ist im Großen und Ganzen der Kern der Fabel. Sorgfältig gesponnene Handlungsfäden und schlüssige dramaturgische Verdichtungen oder Zuspitzungen waren - vielleicht mit bedingter Ausnahme von "Magical Mystery Tour" - nie das prominenteste Merkmal der Romane Sven Regeners. Es ist vielmehr die Zeichnung der Charaktere, ihrer Freuden, Leidenschaften, Sehnsüchte, Ideen, Sorgen, ihrer Sprache und ihrer Kommunikation untereinander, die diese Werke ausmacht und eine schon lange nicht mehr real existierende Welt wieder aufleben lässt.

- © Galiani Berlin
© Galiani Berlin

Es ist der insgesamt fünfte Roman, den Regener um die Figur des Frank Lehmann, der so wie sein Schöpfer von Bremen nach Berlin gezogen ist, zentriert hat, und - in direkter Nachfolge zu "Wiener Straße" - der zweite, der mit weitgehend den selben Protagonisten Anfang der 80er Jahre spielt. Und es ist schon verblüffend, dass sich dieses Konzept nicht nur nicht abnützt, sondern, wie’s scheint, von Werk zu Werk eher noch verdichtet.

Das mag in einer besonderen Affinität des 60-jährigen Autors zur beschriebenen Zeit liegen: "Ich war jung damals", erklärte dazu Regener, Sänger, Trompeter und Texter der Berliner Band Element Of Crime, der "Wiener Zeitung" so lakonisch wie kategorisch.

Es ist aber auch einem enormen Finetuning im Erfassen und Wiedergeben vom Verbindenden wie auch Trennenden unterschiedlicher sozialer Milieus geschuldet. Lokalkolorit spielt in diesem Buch eine so prominente Rolle wie in keinem Lehmann-Roman zuvor. Und Regener lehnt sich dabei auch so weit wie nie zuvor aus dem Fenster. Wie er neuerlich der Wiener ArschArt-Community viel Handlungsrelevanz einräumt, gibt er diesmal auch deren Sprachduktus im O-Ton oder dem, was er sich darunter vorstellt, wieder.

Grosso modo meistert er diese Herausforderung bravourös: "Gschissen" hat Chancen auf das meistverwendete Adjektiv in diesem Buch; Termini wie "I pack’s net!", "leiwand", "Bettbrunzer", "Oaschloch" und das Wissen um die Bedeutung des Fußballvereins Rapid sprechen für recht sorgfältige Recherchen in Sachen Wiener Umgangssprache; lediglich die allerdings auch nur orthographisch beleidigend ins Auge stechende "Plunzn" ist als veritabler Fauxpas zu verbuchen.

Solcher "Fremdsprachen"-Expertise stellt Regener ausgeprägtes Berliner Lokalkolorit gegenüber, dazwischen und darum herum ertönt hauptsächlich schnoddriger Szene-Sprech mit feinen sozialen Nuancen, je nachdem, ob die Stimme einer Frau oder einem Mann, einem Künstler, Punk oder Kulturbeamten gehört.

Die Dialoge sind voller kleiner Spitzen und Gemeinheiten, wie etwa, wenn Erwin Kächele Frank Lehmann nahelegt, wegen des zu erwartenden Gästeansturms abends in seinem Lokal zu arbeiten, dieser aber zum Auftritt von Glitterschnitter will, weil er in deren Saxofonistin verliebt ist.

Neben ihrer gesprochenen Sprache gewährt Regener seinen Figuren viel Platz für innere Monologe und Überlegungen, die, weil sie ja selten schnell auf den Punkt kommen, schon einmal eine Seite lang sein können. Dies alles dient gewissermaßen der Tiefenschärfung. Es ist nämlich beileibe nicht alles nur heiter in diesem vermeintlich lustigen Mikrokosmos. Hinter aller verbalen Flapsigkeit, hinter komisch-irrationalen Handlungen verbergen sich auch Narben der Vergangenheit, Verlustängste, Existenzsorgen und Einsamkeit.

Nöte und Ängste

Chrissies Mutter Kerstin etwa ist deswegen so nervig und possessiv, weil sie fürchtet, ihre erwachsene Tochter endgültig zu verlieren - was sie genau durch ihre Possessivität auch forciert. Hinter dem pampigem austriakischen Leckt’s-uns-Gehabe der ArschArt-Leute verbergen sich echte Heimatsehnsucht und wohl auch - das wird, wie so vieles, nicht ausgesprochen, ist aber unterschwellig spürbar - Frustration über die Isolation in einer Stadt, die bekanntermaßen nie sehr freundlich zu ihren ergebenen Pilgern gewesen ist. Selbst das genervt-gelangweilte Gehabe der Wall-City-Noise-Kuratorin ist zu verstehen, wenn man in Rechnung zieht, wie viele Begehrlichkeiten täglich an sie herangetragen werden.

Es gibt einfach keine ausschließlichen Guten und Unsympathler in diesem Buch, das viel substanzieller ist, als es ihm ein voreiliges Urteil womöglich zugestehen würde.