"Gott hat mir nun einmal eine Gestalt gegeben, die auf andere unbedingt komisch wirkt; ich sehe aus wie ein Possenreißer." Der Satz könnte von Columbo sein. Aber es ist Porfirij Petrowitsch, der Untersuchungsrichter in Dostojewskijs Roman "Schuld und Sühne", der so spricht. Und er hat recht, er sieht tatsächlich eher harmlos aus. Er ist dick, klein, hat weißblonde Wimpern, wirkt fast feminin. Aber er beherrscht die Kunst der Verstellung. Sogar jene, die das wissen, fallen immer wieder auf ihn herein. Rasumichin zum Beispiel, ein Student der Rechtskunde. Der gutmütige, leicht reizbare Idealist, ein Hüne übrigens, geht Petrowitsch während einer hitzigen Diskussion über die Ursachen von Verbrechen auf den Leim - und gerät in Raserei.

"Wenn du willst", brüllt Rasumichin, "beweise ich dir ohne alle Umstände, dass du allein deshalb weißblonde Wimpern hast, weil der Iwan Welikij (ein Glockenturm im Kreml, Anm.) fünfunddreißig Klafter hoch ist, und ich beweise es dir klar, exakt, fortschrittlich und sogar mit einer liberalen Nuance. Das traue ich mir zu! Willst du wetten?" Porfirij Petrowitsch ist amüsiert und legt noch nach: "Einverstanden!" Und als Rasumichin endlich begreift, dass er an der Nase herumgeführt wird, springt er auf und schreit: "Die ganze Zeit tut er nur so, dieser Satan!"

Eine Tortur

Diese heitere Szene spielt in der Privatwohnung von Porfirij Petrowitsch, der gerade den Mord an der Wucherin Aljona Iwanowna und ihrer Schwester Lisaweta untersucht. Und unter seinen Gästen ist auch Raskolnikow, der Mörder. Sein Freund, der ahnungslose Rasumichin, der mit Petrowitsch verwandt ist, hat ihn mitgebracht. Dann nimmt die Geschichte einen unerwarteten Verlauf. Während sich Raskolnikow, obwohl in der Höhle des Löwen sitzend, noch in Sicherheit wähnt und Petrowitsch darum sorglos fragt, ob er sich "wirklich so gut verstellen" könne, wird der plötzlich ernst, und holt zum ernüchternden Schlag aus: "... Da wir gerade diese Probleme erörtern, Verbrechen, Milieu ... ist mir eben ein Artikel von Ihnen wieder eingefallen ... Er hieß: Über das Verbrechen ... "

Raskolnikow fällt aus allen Wolken. Er hat, umständehalber, von der Publikation des Artikels noch gar nichts gewusst. Jetzt wird ihm schlagartig klar, dass Petrowitsch schon viel mehr über ihn weiß, als ihm lieb sein kann. Der Rest der zwanglosen Zusammenkunft, die so heiter begann, wird für ihn zur Tortur. Petrowitsch bleibt zwar respektvoll, aber er prüft ihn gnadenlos. Das ist kein Wunder: Raskolnikows Artikel analysiert - ausgerechnet - "den psychologischen Zustand eines Verbrechers während des ganzen Ablaufs seiner Tat".

Aber noch ist Raskolnikow geistesgegenwärtig genug, um alle von Porfirij in harmlos klingende Fragen eingebauten Fallen rechtzeitig zu bemerken. Noch kommt er ungeschoren davon. Nur Rasumichin, der sich zuvor nicht einmal vorstellen konnte, dass jemand ernsthaft seinen ehemaligen Studienkollegen verdächtigt, ist jetzt erstmals verunsichert. Und es ist erst das erste Gespräch, das Raskolnikow glücklich überstanden hat. Das nächste, auf dem Präsidium, ist schon für den kommenden Tag anberaumt. Porfirij Petrowitsch wird nicht mehr von ihm ablassen, und harmlos ist er nicht, das steht spätestens jetzt fest. Ja, eigentlich scheint es schon gewiss, dass Raskolnikow, der übrigens eine haarsträubende Dummheit nach der anderen begeht und sich damit selbst ohne Not in Verdacht bringt, schon demnächst überführt wird. Oder besteht für ihn doch eine Chance, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Und warum, das ist ebenfalls eine spannende Frage, vielleicht sogar die spannendste, interessiert man sich überhaupt für sein Schicksal?

- © LIWI Verlag
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Fjodor M. Dostojewskij war Mitte vierzig, als "Schuld und Sühne" 1866 erschien. Er hatte, wegen der Mitgliedschaft in einem revolutionären Geheimbund, eine Scheinhinrichtung und acht Jahre Verbannung in Sibirien hinter sich. Existenzielle Erfahrungen, die den Sohn eines Armenarztes, der von Leibeigenen ermordet wurde, vom Atheisten zum überzeugten Christen verwandelten. Vor diesem - nicht gerade alltäglichen - biographischen Hintergrund wird vielleicht verständlich, woher die Geschichte Raskolnikows, der aus materieller Not und ideologischer Verblendung zuerst zum Mörder wird und dann moralisch wieder aufersteht, ihre authentische Wirkung bezieht.

Die Urteile über das Buch bewegen sich zumeist im Superlativ. 2002 etwa hieß es in Harenbergs "Buch der 1000 Bücher", es "könnte das international populärste Werk der russischen Literatur überhaupt sein". Und 1981 schloss Horst-Jürgen Gerigk das Nachwort der dtv-Taschenbuchausgabe mit den Worten ab: "Zweifellos hat sich ,Schuld und Sühne‘ bislang als das einflussreichste Werk der russischen Literatur erwiesen." Die Figur des Untersuchungsrichters scheint tatsächlich zu beweisen, dass Dostojewskijs Einfluss bis in die Gegenwart reicht.

Etwas Nettes an jedem

Drehbuchautor und Columbo-Miterfinder William Link. 
- © Dean Sewell / Fairfax Media via Getty Images

Drehbuchautor und Columbo-Miterfinder William Link.

- © Dean Sewell / Fairfax Media via Getty Images

Richard Levinson und William Link, die in den 1960 Jahren "Columbo" erfanden, ließen sich nach eigenen Angaben jedenfalls für ihren freundlichen und gerissenen Inspektor von zwei Vorbildern inspirieren: von Gilbert Keith Chestertons Pater Brown und von Porfirij Petrowitsch. Wobei schwer zu sagen ist, wo der Einfluss des einen Vorbildes endet und der des anderen beginnt. Pater Brown ist ja nicht nur freundlich, sondern auch gerissen. Er verfolgt, obwohl er an das Beichtgeheimnis gebunden und nur für das Seelenheil seiner Schäfchen zuständig ist, jedes Verbrechen gnadenlos. Porfirij Petrowitsch wiederum ist nicht nur gerissen, sondern auch freundlich und fürsorglich. Letztlich wird er - indem er Raskolnikow aufsucht und ihm rät, sich noch rechtzeitig vor der kurz bevorstehenden Verhaftung zu stellen - sogar zur Vaterfigur für den vaterlosen Raskolnikow.

"Auch die Mörder, mit denen ich zusammenkomme, auch die mag ich - manchmal. Ich mag und respektiere sie sogar. Nicht für das, was sie getan haben - dafür ganz bestimmt nicht. Aber für das, was an ihnen intelligent ist. Oder komisch. Oder ganz nett. Weil nämlich etwas Nettes an jedem ist - jedenfalls ein bisschen. Das können Sie einem Polizisten glauben."

Man würde auch Pater Brown oder Porfirij Petrowitsch dieses Glaubensbekenntnis abnehmen. Es ist das Credo von Columbo. Er spricht diese programmatischen Worte in Folge 41 ("Alter schützt vor Morden nicht"), als ihn die gewitzte Krimiautorin Abigail Mitchell, eine reizende alte Dame, während einer Lesung unter den Zuhörern entdeckt und überraschend aufs Podium bittet. Columbo erntet für seine improvisierte Rede den verdienten Applaus des überwiegend weiblichen Publikums - und sogar Abigail Mitchell, die eigentlich Grund hat, sich vor Columbo zu fürchten, ist von ihm entzückt.

Es trifft ja auch jedes einzelne schmeichelnde Wort ganz auf sie zu: Sie ist tatsächlich intelligent, komisch und nett. Und ihren - angeheirateten - Neffen hat sie nur deswegen in ihren mannshohen Safe gelockt und dort qualvoll ersticken lassen, weil der, ihrer Meinung nach, zuvor ihre geliebte Nichte umgebracht hat, aber von der Polizei leider nicht überführt werden konnte. Ob ihr Neffe tatsächlich ein Mörder war, wofür es Indizien, aber keine Beweise gibt, bleibt offen. Am Ende, als Columbo Abigail Mitchell verhaftet, ist sie ihm deswegen jedenfalls nicht böse - sie wünscht sich nur, seufzend, dass ein Mann mit seinen hervorragenden Fähigkeiten nach dem Tod ihrer Nichte ermittelt hätte - denn dann wäre wohl alles anders gekommen.

Nicht alle Mörder, die Columbo überführt, haben ein so nachvollziehbares Motiv. Aber nur selten wirken sie ganz und gar unsympathisch. Es sind an Erfolg gewöhnte Menschen, die mit Ellenbogen viel erreicht haben. Zu Mördern werden sie in dem Moment, in dem sie von anderen Menschen mit Ellenbogen um ihren Erfolg gebracht werden. Den Mord begehen sie raffiniert - und erwarten, wie selbstverständlich, dass sie damit so erfolgreich durchkommen wie in ihrem angesehenen Beruf als Anwalt, Architekt oder Arzt. Auf Columbo, der ihnen ganz unterwürfig entgegentritt, reagieren sie - zumindest am Beginn - mit amüsierter Herablassung.

Morde im ersten Teil

"Erlauben Sie mir noch eine einzige kurze Frage ... ich belästige Sie wirklich sehr! Ich wollte nur einen ganz unbedeutenden Gedanken vorbringen." Mit diesen Worten hält Porfirij Petrowitsch den Gast, der schon aufgestanden ist und seine Mütze genommen hat, noch einen Moment zurück. Und noch während sich Raskolnikow auf diese "einzige kurze Frage" eine schlagfertige Antwort zurechtlegt, denkt er über den ihm so lästigen Fragesteller angeekelt: "Pfui, wie plump und unverschämt."

Dr. Ray Flemming, ein an den Schläfen schon ergrauter Psychiater, der seine Frau erwürgt hat - und der seine Geliebte ebenfalls umbringen würde, wenn sie ihm zur Last würde -, empfindet genau so. Er ist, anno 1968, der erste Mörder, den Columbo zur Strecke bringt. Auch ihm bleibt keine Frage erspart. Auch er ist schlagfertig und dennoch zunehmend verärgert. Und auch er fühlt sich erhaben und gibt, so wie Raskolnikow in seinem Artikel, im Gespräch mit Columbo privilegierte Einblicke in die Gedankenwelt eines Mörders.

Dass Dostojewskijs Roman ein Vorbild war, zeigen auch die meisten anderen der insgesamt 69 Folgen der Serie "Columbo", die bis 2003 gedreht wurde. Fast bei allen wird, so wie in "Schuld und Sühne", der Mord bereits im ersten Teil gezeigt. Und man weiß bereits vor Ermittlungsbeginn, wer der Mörder ist und kennt sein Motiv. Ein merkwürdiges Rezept, um Krimis zu erzählen. Ein Rezept allerdings, das sich als erfolgreich erwiesen hat.

Wäre damit alles gesagt?

Nun, einige Fragen müssten hier natürlich noch gestellt werden. Zum Beispiel diese: Lohnt sich Verbrechen? Dostojewskij dachte, dass man diese Frage allein mit Logik nicht lösen könne. So wie auch der Beweis, dass eine Wimpernfarbe mit der Höhe eines Glockenturms zusammenhängt, nicht zu erbringen ist. Um seine Ansicht zu vertreten, dass sich Verbrechen nie lohnt - selbst dann nicht, wenn es ungestraft bleibt -, hat er Raskolnikow erfunden, auf die Bühne St. Petersburgs gestellt und rund um ihn Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Und damit nahegelegt, dass es - trotz aller gebotenen Skepsis - vorteilhaft ist, mit ruhigem Gewissen an diese tröstliche Möglichkeit zu glauben.