Ausgerechnet am 11. 11.! Ausgerechnet am 11. November muss er Geburtstag haben, der Fjodor Michailowitsch Dostojewski. "Schuld und Sühne" zum Faschingsanfang. Das ist ein Zusammentreffen!

Ja, eh: Zufall. Oder will der Zufall Lehrmeister in Sachen Lesen spielen? Merkt den Witz? Sogar bei ihm, bei Dostojewski?

Warum, zum Kuckuck, tun wir uns so schwer mit dem Humor in der Literatur - und ganz speziell mit dem der Russen? Gewiss: Russischer Humor ist in etwa so sprichwörtlich wie deutsche Eleganz und britische Mehrsprachigkeit. Da aber Mr. James Johns aus Brighton (East Sussex) auf Französisch parlieren kann, und da Karl Lagerfeld ein gebürtiger Hamburger war, ist möglicherweise auch am russischen Humor was dran.

Man muss nur lernen, bei der Lektüre dem Humor ein Hintertürchen des Verständnisses zu öffnen.

Worüber lacht der Mensch?

Zwecks Erklärung, wie das gemeint ist, weggeblendet von russischer Literatur, Schlaglicht auf "Das Schweigen der Lämmer", weil das (fast) jeder gelesen oder als Film gesehen hat, oder beides. Das ist doch eigentlich eine recht lustige Geschichte, oder?

Moment, der Beweis, dass es keiner psychiatrischen Behandlung bedarf, sei umgehend angetreten. Allein die sprechenden Namen: Der Straftäter mit multipler Persönlichkeit heißt Miggs, gesprochen "Mix", er ist ein "Gemischter"; die Agentin hat den diminutiven Vornamen Clarice, sie ist halbberühmt, da Clara die "Berühmte" bedeutet, und sie heißt mit Nachnamen Starling, ist also kein leuchtender Stern, sondern ein Vogel mit unberechenbarem Flugverhalten, in dem Hannibal Lecter wie ein Lektor in einem Buch liest. Für den Film behielt sich Jonathan Demme den Coup vor, die Figur der Agentin, in die sich jeder Mann Hals über Kopf verliebt, nicht, wie ursprünglich angedacht, mit Michelle Pfeiffer zu besetzen, sondern mit der offen homosexuellen Jodie Foster. Nahezu jede Szene enthält im Roman von Thomas Harris wie im Film ihr eigenes Satyrspiel. Den doppelten Boden, der parodistische Bereiche streift, merkt man nur deshalb nicht, weil man sich ganz auf die Thrillerhandlung konzentriert.

Damit wieder ostwärts gewendet.

Gleich am Beginn der russischen Literatur steht das Lachen oder zumindest das Schmunzeln: Alexander Puschkin bringt den ironischen Tonfall in eine Literatursprache, die er, genau genommen, mit seinen Werken erst schafft. Aufgrund der stets ähnlichen Zeitwort-Endungen gilt es als zu simpel, auf diese Weise Reime zu bilden. Puschkin jedoch: "Warum, beim Himmel, sollte ich mich schämen, / von nun an Verben für den Reim zu nehmen?" Und das macht er denn auch im "Häuschen in Kolomna". Bei ihm ist die Sprache selbst amüsant, oft sogar dann, wenn es das Geschehen nicht ist.

Die russische Literatur kann zwerchfellzerreißend lustig sein, hat vor allem aber eine Form der Satire entwickelt, in der ein ernstes Geschehen mit grotesken Details aufgeladen wird, bis es kippt. Es kann freilich ebenso das Gegenteil eintreten: Die Groteske nimmt ernste Züge an.

Zum Beispiel: Eine Palme beschließt, ihrem Gewächshaus-Gefängnis zu entkommen und wächst rasant, um das Glasdach zu durchstoßen. Um das zu verhindern, lässt der Chefbotaniker sie umschneiden. Ist diese Erzählung, "Attalea princeps" von Wsewolod Garschin, nun witzig oder tragisch? Eine Palme mit Freiheitsdrang einerseits - andererseits führt der Freiheitsdrang zum Tod. Garschin hätte die gleiche Grundhandlung (Freiheitsbestreben mit letalem Ende) mit Menschen besetzen können. Dann jedoch könnte man die Geschichte nur eindimensional ernst lesen.

Ein anderer Fall: Selbst westliche Leser biegen sich vor Lachen, wenn Kowaljow seiner Nase nachläuft, die sogar in der Uniform eines Staatsrats auftritt. Ist Nikolai Gogols Erzählung "Die Nase" also nur-lustig? Perspektivwechsel, bitte: Wie lustig ist es, dass man seine Nase verliert und sich mit entstelltem Gesicht unter die Menschen begeben muss?

Der ernste Witz

Oder diese Geschichte: Die gleiche Szene wird hintereinander in mehreren Stilen durchgespielt, einmal als Farce, einmal als romantische Komödie und so weiter. In der Version als realistisches Drama erscheint die Polizei und führt willkürliche Verhaftungen durch. Auf diese Weise protestierte Daniil Charms in "Elizaveta Bam" gegen die stalinistischen Säuberungen, denen er später selbst zum Opfer fallen sollte. Man lacht wohl wissend, dass man nicht lachen sollte.

Die russische Literatur ist, wie keine andere, voll mit diesen Komödien im Tarnmantel der Tragödie und voll mit diesen Tragödien im Tarnmantel der Komödie. Michail Saltykow-Schtschedrin reichert im Roman "Die Herren Golowljow" den Niedergang einer Familie mit dermaßen grotesken Details an, dass die Tragödie ins Grimmiglustige taumelt. Dass Anton Tschechow einer der begnadetsten Humoristen aller Zeiten war, ist fast in Vergessenheit geraten. Manche seiner frühen Geschichten lesen sich wie virtuos erzählte Witze. Weil Witze oft todernste Dinge sind, die sich gerade noch in einer Explosion des Lachens auflösen.

Apropos: Das Burgtheater zeigt derzeit ein Paradebeispiel für russischen Humor: "Der Selbstmörder". Keines der Themen, die Nikolai Erdman anspricht, ist per se lustig: Weder die Arbeitslosigkeit, noch die Möglichkeit eines Suizids noch die menschliche Gier. Gerhart Hauptmann hätte aus dieser Konstellation eine Tragödie gemacht. Bei Erdman lacht man sich schief.

Und doch: (auch) ein Humorist!

Zu guter Letzt‘ Dostojewski - auch er ein kaum verhinderter Humorist? Er hat immerhin "Der Spieler" geschrieben. Und erst "Das Krokodil"! - Da verschluckt das Riesenkrokodil Karlchen einen Beamten. Dem Tier darf man keinen Schaden zufügen - und der Beamte geht seinem Beruf vom Krokodilsmagen aus nach.

Darauf nochmals "Schuld und Sühne" lesen. Sollte da am Ende doch. . .? Ein Fall schweigender Schafe, nur gut geschrieben? Wenn einer Marmeladow heißt. . .? Und ein anderer Lebesjatnikow (Scharwenzler)? Mord aus Fortschrittsglauben mit anschließender Sehnsucht, in durchaus religiösem Sinn zu sühnen?

Nein, ist eh ernste Literatur.

Überhaupt: Die Russen haben gar keinen Fasching. Ihr Fasching ist die Masleniza, die Butterwoche, diesmal von 28. Februar bis 6. März 2022. Der 11. 11. sagt also rein gar nichts aus zum Fall Dostojewski. Außer, dass es das Datum seines Geburtstags ist, des 200. im konkreten Fall.

Nicht einmal einen Faschingsgruß haben die Russen.

In diesem Sinne also Ratti-ratti, Fjodor Michailowitsch, und - wie war das? Sag’ niemals "na sdorowje" als Trinkspruch? - sa uspech! Erfolg kann jeder Autor brauchen.