Mein Name ist Andrea Stift-Laube, und ich bin Chefin einer Literaturzeitschrift. Ich könnte auch sagen: Mein Name ist Andrea Stift-Laube und ich reite einen Dinosaurier. Damit dieser Dinosaurier auch in der schönen neuen Welt prosperieren kann, gehört es zu meinen Aufgaben, sichtbar zu sein, Netz zu werken und mich und alle anderen zu überzeugen, dass auf Papier gedruckte Literatur eine glänzende Zukunft hat. Das geht ganz wunderbar auf einer Buchmesse. Wo sich alle die treffen, die Bücher und Magazine verkaufen und sehnsüchtig auf diejenigen warten, die sie kaufen. Wo alle ihren Kulturpessimismus zuhause lassen. Wo wir uns darüber einig sind, dass die schönste Buchmesse die in Wien ist. Warum? Weil sie im Gegensatz zu den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt so schön österreichisch und gemütlich ist. Wenn meine Kollegin und ich einen Stand in Leipzig betreuen, sind wir nach fünf Tagen Messe urlaubsreif: Es ist laut, es ist viel, es ist echt anstrengend. Wenn wir hingegen unseren Stand der "Lichtungen" auf der Buch Wien hüten, führen wir unsere Arbeit am Tag danach weiter, als wäre nichts geschehen.

Spürbare Erleichterung

Die Erleichterung, dass die Buchmesse nach dem Ausfall 2020 wieder stattfindet, ist spürbar. Benedikt Föger, Chef des Hauptverbands des Buchhandels, zeichnet in seiner Eröffnungsrede ein positives Stimmungsbild, aber das macht er jedes Jahr, denn nichts anderes erwarten wir von ihm. Staatssekretärin Andrea Mayer ist überzeugt davon, dass Bücher den Unterschied machen, und bezeichnet sie als "Trainingscamp der Fantasie". Isolde Charim konkretisiert in ihrer Festrede aktuelle gesellschaftliche Verwerfungen. Sie dekliniert auf überzeugende Weise Demokratie und individuelle Freiheit und bezieht sich damit vor allem auf sogenannte Quer- sowie Schwerdenker und -denkerinnen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ihre sprachgewaltige Rede dorthin gelangen wird, wo sie die Erosion der Gesellschaft aufhalten kann, aber dann gibt es schon Wein und Brötchen. Leider auf sehr engem Raum. Ich plädiere sehr dafür, im kommenden Jahr in mehr Wein und mehr Brötchen zu investieren, auch auf die Gefahr hin, dass ungeladenes Publikum ein unbefugtes Gläschen ergattert, denn in Zeiten von Corona auf engstem Raum eine Menschenansammlung zu provozieren, ist in bestem Falle ungeschickt.

Andrea Stift-Laube ist Schriftstellerin, Herausgeberin der "Lichtungen" und grüne Bezirkspolitikerin in Graz. Alexander Gotter - © Alexander Gotter
Andrea Stift-Laube ist Schriftstellerin, Herausgeberin der "Lichtungen" und grüne Bezirkspolitikerin in Graz. Alexander Gotter - © Alexander Gotter

Wir fahren also als Redaktion einer Literaturzeitschrift nach Wien und stehen dort vier Tage lang am Stand. In den Tagen der Vorbereitung steigt auch die Aufregung. Meine Kollegin Daniela Kocmut, Organisationstalent und nebstbei Übersetzerin, packt Schachteln voller "Lichtungen"-Ausgaben, Sticker und Give-aways ins Auto, denn wenn wir bei unseren vergangenen Messeauftritten etwas gelernt haben, dann: Alles was gratis ist, wird mitgenommen. Der auffälligste Typ des Messebesuchers kommt mit zwei Leinensackerln oder gar einem Trolley und packt alles ein, was er nicht bezahlen muss. Ich stelle mir dann immer vor, wie zwei Drittel der Broschüren, Karten, Büchlein, ihrer Umgebung und damit ihres Wertes beraubt, im Altpapier landen, aber wer bin ich schon, zu richten.

Messe-Besuchertypen

Der zweite Typ ist der Lässig-Souveräne. Alles, was gratis ist, stößt ihn förmlich ab, er schlendert mit literaturwissenschaftlicher Expertise auf seinen Schultern durch die Gänge und sein Schreibtisch zuhause birgt mehrere Bände unveröffentlichter Lebensprosa. Seine Mission ist, sich darin bestätigen zu lassen, dass er das alles schon einmal gesehen hat. Das Buch, das ihn noch beeindrucken kann, muss erst geschrieben werden, und um mit seinen eigenen Werken rauszurücken, ist er zu ängstlich.

Den dritten Typus mögen wir am liebsten. Es sind die Menschen, die auf die Messe kommen, weil sie von Literatur begeistert sind. Sie lieben Bücher, sie streicheln sie mit Händen und Blicken und sie haben einen eng getakteten Zeitplan, denn um 11 Uhr liest Barbara Frischmuth, um 11.30 Uhr Renate Welsh und der Niavarani wär auch nicht schlecht (16 Uhr). Es sind die Leserinnen und Leser, die stehen bleiben, fragen und sich offenen Herzens überraschen lassen.

Die Stimmung ist, sobald der Teppich in der Halle verlegt und die ersten Stände mit druckfrischer Gegenwartsliteratur ausgestattet sind, die Stimmung eines Familientreffens. Am späten Abend der Eröffnung sind wir schon wieder komplett angekommen. Irgendwer weiß immer noch, wo es einen Wein gibt, irgendwo werden schon erste Freundschaften fürs Leben geschlossen. Um Mitternacht sind wir im Bett und fühlen uns, als hätte es nie einen kompletten Shutdown unserer Existenzberechtigung gegeben.

"Zache" Atmosphäre

Der Unterschied zu Vor-Corona zeigt sich am nächsten Morgen. Vereinzelt gesichtete Kinder erinnern uns an die Zeiten, als noch Schulklassen durch die Gänge tobten. Beim Kaffeehaus bezeichnen die engagierten Damen hinter der Theke die ausgelichtete Atmosphäre als "zach". Wir Anderen gehen uns gegenseitig am Stand besuchen und versichern uns, dass das am Wochenende sicherlich anders wird. Beim Brandstätter Verlag ist der Stand so schön wie seine Belegung gastfreundlich. Bei Kremayr & Scheriau stehen wie immer antike Möbel als wunderbarer Kontrast zum Verlagsprogramm, das jung und mutig ist. Auch beim Leykam Verlag, der jahrelang mit verwaistem Stand eben nicht auffiel, hat frischer Wind eine durchgehende Betreuung ermöglicht. Bei der Christlichen Schriftenverbreitung e. V. gibt es süßes Popcorn, aber ich weiß nicht, ob das dafürsteht. Bei den "Wir suchen Ihr Manuskript"- Verlagen wird nach wie vor naiven Seelen eine schriftstellerische Karriere vorgegaukelt, und beim Foodtruck I eat Vienna lerne ich, dass die Wienerinnen und Wiener Schönbrunnerburger und Rohscheiben essen (hier sind übrigens auch die Kinder abgeblieben).

Ausgelichtete Buchmesse

Viele Dinosaurier hatten einen Körperbau, der ihnen nicht zupasskam. Ein Tyrannosaurus Rex konnte, einmal umgefallen, aufgrund seiner Klobigkeit im schlimmsten Fall gar nicht wieder aufstehen und verhungerte. Aber, das muss man auch deutlich sagen, die Dinos waren eine ganz schön lange Zeit länger auf der Welt als die Buchbranche. Ich glaube, eine leicht ausgelichtete Buchmesse sollte uns daran erinnern, dass das Schielen auf möglichst hohe Besucherzahlen nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Wir halten uns in einem geschützten Raum auf und unsere allererste Aufgabe ist es doch, aus diesem Raum auszubrechen und das Buch dorthin zu vermitteln, wo es imstande ist, gesellschaftliche Spaltung zu überwinden. Letztendlich sind wir keine Dinosaurier, aber wir reiten sie. Erster Tag. Gegen Mittag beginnt sich die Halle zu füllen.