Von 1922 bis 1936 trafen sich Experten aus den Fachbereichen Physik, Mathematik, Sozialwissenschaften regelmäßig und bildeten den Wiener Kreis. Der Einfluss der Denker wirkt bis heute und hat vor allem die Philosophie grundlegend verändert: Philosophie soll demnach eine strukturierte Einheitssprache verwenden und es den Naturwissenschaften gleichtun. Metaphysik? Unerwünscht! Fortan steht die Philosophie neben den anderen Wissenschaften und bildet keine Königsdisziplin mehr.

Im Rahmen von "Dialogic", einer Diskussionsreihe der "Wiener Zeitung" und der "Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft", diskutierten in der Wienbibliothek des Rathauses die Philosophen Friedrich Stadler und Elisabeth Nemeth sowie Historiker Alfred Pfoser über das Nachbeben des Wiener Kreises. Judith Belfkih, stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung", leitete das Gespräch, bei dem es um die Frage ging: "Wie wirken die Thesen des Wiener Kreises in der heutigen Zeit?" Anlass war das von David Edmonds verfasste Buch "Die Ermordung des Professor Schlick. Der Wiener Kreis und die dunklen Jahre der Philosophie."

Moderne Logik

V. l.: Anita Eichinger, Direktorin der Weinbibliothek während ihrer Einführung, Alfred Pfoser, Elisabeth Nemeth, Friedrich Stadler und Judith Belfkih. - © WZ / Wolfgang Renner
V. l.: Anita Eichinger, Direktorin der Weinbibliothek während ihrer Einführung, Alfred Pfoser, Elisabeth Nemeth, Friedrich Stadler und Judith Belfkih. - © WZ / Wolfgang Renner

In einer Zeit, in der die Physik in ihrer Blüte steht, hat die Metaphysik ausgedient, so die These der Vertreter des Wiener Kreises. Unter Führung des Philosophen Moritz Schlick, des Mathematiker Hans Hahn und des Soziologen Otto Neurath, entfernt man sich von Glaube und Empfindung, wendet sich vielmehr hin zu Strukturierung logischer Zusammenhänge. Für Friedrich Stadler bedeutet diese Zeit ein Abschied ewig gültigem Wissens: "Eine Enzyklopädie der Einheitswissenschaft, wie Neurath es nannte, ist der Versuch, ein kollektives Unternehmen von international arbeitenden Fachleuten, aber auch aus der Philosophie, zu etablieren und daraus Vernetzungen und Verbindungen sichtbar zu machen." Die Verknüpfung der Wissenschaftsdisziplinen entmachtet Hierarchien und erreicht eine breite Öffentlichkeit. Daher die vermehrte Vortragstätigkeit geladener Gäste und Mitglieder des Wiener Kreises, die seinerzeit ebenso in Volkshochschulen vorsprachen.

Der Wiener Kreis verfolgt die Rationalität und Empirie und damit den Ansatz, die Wirklichkeit erkennen zu können. "Das, was wir als naive Beobachter unserer Umgebung sehen, und was uns die Wissenschaft dazu sagt, steht in einer Differenz", sagt Elisabeth Nemeth. Der Wiener Kreis sieht in der Philosophie Scheinprobleme und in der Wissenschaft tatsächliche. Laut Stadler motiviert das die Entwicklung der Philosophie seit der Antike und wird von der Aufbruchsstimmung des frühen 20. Jahrhunderts noch beflügelt. Je nach Grad der Radikalität sei die traditionelle Philosophie sogar überflüssig. An die Stelle der Metaphysik und des Hoffens treten die empirischen Eigenschaften der Naturwissenschaften. Mit dem Manifest "Wissenschaftliche Weltauffassung - Der Wiener Kreis" aus dem Jahr 1928 sind wenige, der darin genannten Personen, zufrieden.

Für Wittgenstein sei es "schwülstiges Geschwätz", das nicht der wissenschaftlichen Weltauffassung diene. Diese Erklärung etabliert den Wiener Kreis erstmals in der Öffentlichkeit.

Wissenschaft in der Politik

Im Ersten Weltkrieg wird die Wissenschaft zunehmend politisch. Man bedenke nur den Einsatz von Giftgas als Kriegswaffe. Während die Physikerin Lise Meitner seinerzeit dazu gratulierte, brachte sich Deutschlands erste Chemikerin Clara Immerwahr aus Scham um. Wissenschaft steht im Zusammenhang mit der unmittelbaren Welt, was die Frage berechtigt, inwiefern die Weltanschauung des Wiener Kreises heute noch gestattet ist. Alfred Pfoser erkennt hier Zusammenhänge: "Heute ist die Wissenschaft durch den Nationalismus, den Populismus und anderen Auffassungen, ähnliche wie in den 20er und 30er Jahren, bedroht. Wissenschaft, die einem nicht ins Konzept passt, wird instrumentalisiert und attackiert."

Für Nemeth ist klar, dass es andere Akteure fernab der Politik braucht, die aber "unglaublich gefesselt sind in traditionellen Lobbyismen". Während der NS-Zeit verliert der Wiener Kreis zunehmend emigrierende Mitglieder. Der Tod von Moritz Schlick 1936 bedeutet das Ende. Johann Nelböck, einer seiner an Verfolgungswahn erkrankten Studenten, ermordet ihn. 1938 kommt er frei, nachdem ein antisemitisch motivierter Mord begründet wird.