Das Wissen beruhigt die Protagonisten in Florian Gantners Roman "Soviel man weiß" nicht. Im 10. Wiener Gemeindebezirk ist dieser Großstadtroman angesiedelt, exakt an der Quellenstraße 63. Hier begegnet uns ein Ensemble an Figuren, das auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnte: Das Paar Agnes und Gernot, beide erfolgsorientiert in ihren Berufen und gewiss einer selbstbestimmten Zukunft zustrebend; der Albaner Illir Zerai mit enervierender Vergangenheit als Spitzel; die 40-jährige Mirjam, die ihrem Punkdasein nicht entsagen konnte und beinahe aus folkloristischer Motivation heraus Teil einer Widerstandsgruppe ist, deren Schicksal auch darin besteht, für die ganz große Geschichte zu spät gekommen zu sein. Schließlich Marek, der verbummelte Student.

Neurotisches Potential

Das Misstrauen ist der Faden, der diese Geschichten verbindet. Gantner beweist Feingefühl für Details, denn seine Figuren gehen einem nahe dank ihrer anschaulichen Interpretation dessen, was um sie herum geschieht. Gleichzeitig enthüllt sich dadurch deren neurotisches Potential, wenn beispielsweise Agnes gar nicht lange zu suchen braucht, um Indizien für Gernots Untreue zu finden. Das ist nicht frei von Komik, wenn sie etwa in der weiblichen Stimme eines schlichten telefonischen Antwortdienstes eine verhängnisvolle Affäre ihres Partners vermutet. Ihr Argwohn gegenüber Gernots Monogamie hält sie im Übrigen nicht davon ab, ihre sexuellen Neigungen mit anderen Männern auszuleben.

An Zerai wiederum zeigt sich das psychosomatische Erbe seiner jahrzehntelangen Erfahrung in einer autokratischen Sozialisation. Das Albanien Enver Hoxhas bringt Gantner prägnant zum Ausdruck, die Inflation der Parolen und das subtile Kontrollgefühl, das einen Menschen lebenslang in Gewahrsam nimmt. In Zerais Körper sind die Phrasen buchstäblich und sprichwörtlich eingekratzt. Als verlassener Se-
nior bleiben ihm nur die Geister der Vergangenheit. Selbst in der unverfänglichen Begegnung mit der Nachbarin Agnes dienen Beiläufigkeiten als Material, um den Verfolgungswahn zu nähren.

Agnes ist als Ärztin sachverständig und als Mensch kompensatorisch, weil sie den mutmaßlich an Krätze leidenden Illir auch ein Stück zum Distinktionsgewinn betreut. Bezeichnend für die vielschichtige Abhandlung des zentralen Themas Überwachung ist eine Sequenz über Evaluierung an der Klinik, an welcher Agnes arbeitet.

Mareks Misstrauen ist ein umgekehrtes: Es ist bestimmt durch die Projektion auf eine flüchtige Begegnung bei einer Party. Die Ungewissheit ihres Namens ist allein schon ein Beleg für die Distanz. Doch genau die beflügelt die Phantasie, die in Mareks Alltag als Flaneur, der die eine oder andere "Hanfidylle" bereithält, immer wieder neu Gestalt zu schaffen versteht. Die Realität würde ihn nur stören.

Das ökonomisch austarierte Erzählen setzt alle Protagonisten gleichermaßen plausibel in Szene. Mirjam will der Jugend nicht entsagen. Mit ihrem Engagement in einer Antifa-Gruppe, die mehr und mehr als zusammengewürfelter Haufen ohne fundamentale Ideologie erscheint, versucht sie vor allem, eine Zugehörigkeit zu simulieren. Innere Verbundenheit bleibt ein Ideal. In der ersten Aktion der Gruppe mit der Bezeichnung Dakizo, einem aus der Bantusprache Swahili stammenden Wort für Protest, wird die Parole "Wir überwachen zurück!" gesprayt - dramaturgisch sinnvoll vor einer Kamera.

Doch die mangelnde Identifikation mit brauchbaren Zielen und die für unsere Zeit signifikante Unfassbarkeit des Anderen ist selbst eine Subversion für die hehren Ideale der Anomisten (statt Anarchisten). Der Begriff geht auf den Soziologen Emile Durkheim zurück, der damit unter anderem die Deformation sozialer Regeln durch den Verlust religiöser Gebote beschrieben hat.

Ein diffuses Angstgefühl ist die Konsequenz, die zum emotionalen Grundinventar zählt. Die heimliche Anführerin der Gruppe, Varizella, entpuppt dann auch die offenbare Schwester der Angst - die Wut - als entscheidende Kraft für ihr Handeln. Doch die Ursachen ihrer Aggression bleiben vage. Mirjams Abschied von der Jugend deutet sich an, als sie durch ein monetäres Erbe der Mutter ihre unentschiedene Existenz beenden kann.

Abschied & Skihasser

Abschied nehmen heißt es am Ende auch für Marek, der einen Roman lang eine Unbekannte sucht und dabei allmählich erkennt, dass er diese Aufgabe ohnedies schon einmal erfolglos übernommen hat. Der abwesende Vater, der jahrelang durch Postkarten Präsenz fingierte, und der gerade durch seine Abwesenheit das Sehnen befeuerte. Mit seiner Vorliebe für Listen betreibt Marek eine tragikomische Ordnungssuche.

Die Leistung eines Großstadtromans liegt darin, die Verzahnung sozialer Milieus griffig darzustellen. Darin zeigt "Soviel man weiß" buchstäblich Größe. Es ist ein Vergrößerungsglas für das nebulöse Gefühl von Fremdbestimmung und ungesundem Misstrauen.

Der Autor, 1980 im salzburgischen Oberpinzgau geboren, ist ein erzählender Soziologe, der eine respektvolle Distanz zu seinen Figuren bewahrt, was ihrer Prägnanz guttut. Nur einmal blitzt die Herkunft von Gantner auf. Wenn auf Seite 53 Marek über die Sinnlosigkeit der Sportarten, speziell des Skifahrens sinniert. Hier verschafft sich das anarchische Gefühl eines geplagten Skihassers Luft. Es ist beinahe blasphemisch, wenn man um die Bedeutung dieses Sports in Neukirchen oder Mittersill und flussabwärts der Salzach weiß.