Wir schreiben den 7. Februar 1944. Um 18.41 Uhr wird im Landesgericht Wien der 21-jährige Strafgefangene Franz Doms dem Scharfrichter vorgeführt und nicht einmal eine Minute später mit dem Fallbeil hingerichtet. Seine sterblichen Überreste werden in einen vorbereiteten Sarg gelegt, die Beerdigung findet am Wiener Zentralfriedhof statt, wo man auch heute noch das bescheidene Grab des von der NS-Justiz Ermordeten besuchen kann. Sein vermeintliches Verbrechen, das ihn letztlich das Leben kostete: Er war schwul und lebte seine sexuelle Neigung seit seinem 18. Lebensjahr aus, so gut das unter einem Regime möglich war, das Homosexualität als schwere Straftat verfolgte; äußerstenfalls mit dem Tode.

Eher zufällig stieß im Zuge einer anderen Recherche bereits 2014 der ORF-Journalist Jürgen Pettinger im Wiener Stadtarchiv auf den Strafakt des Franz Doms. Hunderte verstaubte Seiten Nazi-Jurisprudenz, lange und repetitive Ermittlungsprotokolle, zahllose Zeugenaussagen, ja sogar Fingerabdrücke fanden sich da. Und ein Foto der Gestapo, das einen jungen Mann zeigt, den Blick starr, aber aufrecht in die Kamera gerichtet.

Fakten und Fiktion

Pettinger ließ die Geschichte nicht mehr los. Das Ergebnis seiner weiteren Recherchen ist eine Dokumentation mit fiktionalen Elementen, die unter dem Titel "Franz. Schwul unterm Hakenkreuz" nun im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen ist. Sie beschreibt das Leben Doms von seinem 18. Lebensjahr, in dem er seine erste homosexuelle Begegnung hatte, bis zu seinem Tode nur drei Jahre später.

Das Buch ist aus mehreren Gründen bemerkenswert gut gelungen, obwohl die Anreicherung einer streng faktenbasierten Dokumentation mit fiktionalen Elementen an sich eine delikate Gratwanderung darstellt. Die im vorliegenden Fall freilich perfekt gelingt und dem Autor ermöglicht, dem Leser Einblicke in das Alltagsleben schwuler Männer während der Nazizeit zu verschaffen, in ein Gasthaus im zweiten Bezirk etwa, wo nicht nur homosexuelle Männer, sondern auch Stricher und Polizeispitzel verkehren und niemand sicher sein kann, wer wer ist, was schlimm enden kann. Eine Welt, in der fast jeder nur unter falschem Namen verkehrt und ein Polizist mit Schwulenhass im XXL-Format perverse Freude daran empfindet, Schwule unter der Folter zu nötigen, die Namen anderer, noch nicht enttarnter Homosexueller preiszugeben.

Es ist eine Welt der Denunziation, des Hasses auf "die Warmen" und der Entmenschlichung, durch die der tragische Held Franz Doms mehr stolpert als geht, bis zu seinem schrecklichen Ende.

Klug hat der Autor der Versuchung widerstanden, aus Doms einen großen Helden des antifaschistischen Widerstandes zu machen, der er nie war. Stattdessen zeichnet er subtil einen eher naiven Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten, Verstrickungen und Defiziten, der nicht anders kann als seinem Untergang entgegenzuwanken. Und dem man als Leser von Seite zu Seite immer öfter zurufen möchte: "Geh’ doch um Gottes Willen nicht in diese Männer-Sauna, treib’ Dich doch bitte nicht schon wieder im Prater herum, triff doch nicht ausgerechnet diesen Spitzel!" Doch die Tragödie nimmt ihren Lauf.

Dramaturgisch gekonnt arbeitet der Autor regelmäßig Zitate aus den Justizakten in den Strang der Erzählung ein, von der ersten noch recht milden bedingten Strafe für Doms bis hin zur finalen Anklageschrift: "Er ist ein völlig haltloser, seinen widernatürlichen Trieben gegenüber machtloser Verbrecher, bei dem von Freiheitsstrafen kein erzieherischer oder abschreckender Erfolg mehr zu erwarten ist."

Erst seit kurzem erinnert eine Gedenktafel im Wiener Straflandesgericht an Franz Doms fast 80 Jahre nach jenem Februarabend 1944, an dem er sein junges Leben verlor. Um das Grab am Wiener Zentralfriedhof, das lange Zeit ohne Pflege verfiel, kümmert sich heute Jürgen Pettinger.