Antisemitismus und Covid-19. Ein Begriffspaar, das seit fast zwei Jahren Hand in Hand geht. Doch es ist nicht das erste, und wohl auch nicht das letzte Mal, dass sich die Judenfeindlichkeit in Pandemiezeiten derart stark bemerkbar macht. Wie Stefan Pollatschek in seinem 1948 auf Deutsch posthum erschienenen und jetzt von der Theodor Kramer Gesellschaft neu aufgelegten Roman zeigt, gab es diese Verknüpfung auch vor mehr als 120 Jahren. Damals nahmen der Wiener Bürgermeister Karl Lueger und seine Gefolgsleute die Wiener Pestfälle für ihre "Judenhetze" in Anspruch. Doch wie kam es eigentlich zu den Pestfällen im Österreich Fin de Siècle?

Nach Hongkong im Jahr 1894 folgten die ersten Pestfälle in Bombay (heute: Mumbai) zwei Jahre später. Tausende Menschen in der zum Britischen Empire gehörenden Hafenstadt starben. Die rasche Ausbreitung der Pest bereitete in Europa zusehends Sorgen. Auf der 10. Internationalen Sanitätskonferenz in Venedig setzte man sich die stärkere Erforschung der todesbringenden Krankheit zum Ziel. Zugleich sollte ein Übergreifen auf den europäischen Kontinent verhindert und Handel und Verkehr möglichst wenig eingeschränkt werden. Als erstes Land entsandte Österreich-Ungarn 1897 ein Ärzteteam unter der Leitung des 31-jährigen Arztes Hermann Franz Müller ins pestverseuchte Bombay. Zurück in Wien untersuchten die Ärzte in zahlreichen Tierversuchen, wie der Pesterreger in den Körper eindringt und eine Immunisierung erzielt werden kann.

Stefan Pollatschek (1890-1942) 
- © archiv

Stefan Pollatschek (1890-1942)

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Bei der Erforschung des Pestvirus im pathologisch-anatomischen Institut der Universität Wien unweit des Narrenturms kommt es dann 1898 zur Infektion und zum Tod des Leichendieners Franz Barisch. Hier setzt die Handlung des Romans ein. Barisch ist ein durchaus unbekümmerter Charakter, der die Gefahr des Pestvirus nicht wahrhaben will – die notwendigen Hygienevorschriften ignoriert er geflissentlich. Dazu zählen unter anderem das Unterlassen von Nägelkauen oder seine Hände in Sublimatlösung zu waschen. Das 20. Jahrhundert würde er ohnedies nicht mehr erleben. "Am Sylvester Neunundneunzig geht die Welt zugrund. Neunzehnhundert kommt nicht, das gibt’s gar nicht."

Zu Beginn ist jedoch nicht klar, dass sich Barisch mit der Pest infiziert hat. Erst als es mit ihm zu Ende geht, kann anhand seiner Symptome die Lungenpest festgestellt werden. Der Umsichtigkeit des Dr. Müller ist es zu verdanken, dass die Pest zu keiner Epidemie wurde. Aus Sorge einer Ansteckung isoliert sich Müller und die behandelnde Schwester, Albine Pecha, in einem Pavillon des Franz-Joseph-Spitals. Beide sollten sich mit der Pest angesteckt haben und die Krankheit nicht überleben. Müllers Verdienste im Kampf gegen die Pest wurden überparteilich anerkannt – 1899 wurde ihm ein Denkmal im (alten) AKH gewidmet.

Antisemitismus als Pest

Während Pollatschek an der Figur des Barisch die Unbekümmertheit über die Pest illustriert, zeigt er die gespaltene Stimmung unter der Ärzteschaft gegenüber dem grassierenden Antisemitismus. "Meinst du denn wirklich, dass dieser Geist in unserer Zeit siegen kann? Wir leben doch schließlich nicht mehr im Mittelalter", zeigt sich Müller überzeugt. Sein Kollege Dr. Kracher sieht in den antisemitischen Bazillen jedoch weit mehr Gefahr als im Auswurf Barischs.

Tatsächlich führten die letzten Pesttoten Österreichs, neben der Panik über eine Epidemie, zu einer weiteren Zunahme von judenfeindlichen Äußerungen, unter anderem im "Deutschen Volksblatt".

Dem Arzt Hermann Franz Müller (1866-1898) ist es zu verdanken, dass der letzte Pestausbruch nur drei Todesopfer forderte.
 
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Dem Arzt Hermann Franz Müller (1866-1898) ist es zu verdanken, dass der letzte Pestausbruch nur drei Todesopfer forderte.

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Doch auch für christlich-soziale Politiker, darunter Karl Lueger, waren die Wiener Pestfälle ein gefundenes Fressen, um ihre antisemitischen Reden zu schwingen. Ganz nach Luegers Motto "Wer ein Jud‘ ist, bestimme ich".

Denn unter den Ärzten der Pest-Kommission war kein einziger Jude.

Neben Attacken auf die medizinische Fakultät, entzündet sich die antisemitische Polemik auch am Vorstand des AKH, Hermann Nothnagel – einer der angesehensten Ärzte Wiens und ebenfalls kein Jude. Doch aus der Sicht Luegers und seiner Anhänger sympathisiert Nothnagel mit den Juden. Als Präsident des "Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" tritt er als prononcierter Gegner der Pest des Geistes, wie er den Antisemitismus nannte, auf. Außerdem weiß er die medizinische Arbeit seiner jüdischen Ärztekollegen zu schätzen.

Stefan Pollatschek verfasste seinen Roman "Pest" im Jahr 1938. In seiner literarischen Bearbeitung zeigt er die Gefährlichkeit der Pest des Geistes mit der des Körpers: Werden die Symptome zu Beginn verkannt, gar ignoriert lassen sich die Folgen nur mehr schwer wieder eindämmen. Pollatschek war selbst Jude und musste 1938 vor den Nazis flüchten - zunächst in die Tschechoslowakei, dann nach England.

Der unbekümmerte Barisch sollte letztlich jedenfalls doppelt Recht behalten: Er, Müller und Pecha erlebten das 20. Jahrhundert tatsächlich nicht mehr. Und die Welt ging gleich zweimal unter: im Ersten und im Zweiten Weltkrieg.

Buchtipp:

Stefan Pollatschek

Pest. Die Tragödie eines Wiener Arztes.

Roman. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, Wien 2020, 290 Seiten, 21 Euro.