Unmöglich, die strapaziösen, oft qualvollen Schleifen und Wendungen zu beschreiben, die der Lebensweg der Ukrainerin Nastja zwischen Kiew und Berlin nimmt - bevor sie endlich bleiben kann, ohne in jedem Uniformierten jemanden zu wittern, der sie verhaften und ausweisen könnte. Und als sie dann nach vielen Jahren endlich bleiben kann, mit deutschem Pass und ohne ukrainischen, gibt es dieselben Gründe zur Angst plötzlich umgekehrt.

Eine unglaubliche Geschichte, deren eigentliches Schockmoment darin liegt, dass sie sich so oder ähnlich wahrscheinlich vielfach und unbemerkt in nächster Nähe abspielt; als eine unter vielen Geschichten von Arbeitsmigration, falschen Papieren und der andauernden Erfahrung, unerwünscht und bestenfalls geduldet zu sein.

Umso spannender ist der Kontrapunkt, den Autorin Natascha Wodin setzt, indem sie Nastjas Geschichte in allergrößter Ruhe, fast schon verlangsamt, erzählt: in einer distanziert berichtenden Sprache, in der die eigentlich aus lauter dramatischen Um- und Abbrüchen, aus verzweiflungsvollen Entwicklungen bestehenden Lebensgeschichte fast gleichmütig präsentiert wird.

Beiderseitige Hilfe

Genau dies aber könnte die Kunst des Buches sein: Indem es erzählerisch keine Höhen und Tiefen inszeniert, entstehen diese umso dringlicher in der Leserin. Und je weiter das Buch voranschreitet, desto mehr teilt sich auch mit, dass der Gestus des scheinbar Unpersönlichen sich in Wirklichkeit eher im Gegenteil einer allzu persönlichen Geschichte verdankt, dass er aus jener Haltung von ernster Entschlossenheit und Treue resultiert, mit denen sich die Erzählerin an die verstörten Lebenswege dieser Frau namens Nadja geheftet hat, die durch einen merkwürdigen Zufall in ihr Leben getreten war.

Als die zarte ukrainische Frau, etwa fünfzig, aber aussehend wie ein Mädchen, die Wohnung der rückenschmerzgeplagten Ich-Erzählerin zum ersten Mal betrat, um ihr beim Auspacken der Umzugskisten zu helfen, ahnte diese bald, dass sie einer schicksalhaften Verbindung die Tür geöffnet hatte. Nastja war die erste Ukrainerin, der Natascha Wodin selbst in Deutschland begegnete: nachdem ihre eigene Mutter, eine Ukrainerin, als Zwangsarbeiterin 1944 nach Deutschland gekommen war, 1945 ihre Tochter geboren hatte und sich "elf Jahre später in einem deutschen Fluss ertränkt [hatte], rechtlos, perspektivlos, zerstört von den Gewalten, in deren Mahlwerk ihr Leben geraten war".

- © Rowohlt
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Ein Mahlwerk bürokratischer Gewalten ist es nun auch, das Nastjas Leben zerreibt. Zwar nicht als Zwangsarbeiterin - doch gezwungen von der Unmöglichkeit, in der Ukraine von 1992 wenigstens ein minimales Auskommen zu finden, um sich selbst und ihren sechsjährigen Enkel durchzubringen. Es entsteht eine Geschichte von großer Nähe und unüberbrückbarer Ferne zugleich, als Wodin sich entschließt, Nastja nicht allein dem "Mahlwerk" zu überlassen. Und immer dort, wo davon erzählt wird, wie überraschend und vollkommen unberechenbar sich ihrer beider Geschichten berühren, wird das Buch am spannendsten.

"Nachdem Nastja mir das alles erzählt hatte, blieb mir eine letzte Chance, mich für immer von ihr zu verabschieden und damit meiner mir von Anfang an bestimmten Verwicklung in ihre Geschichte zu entgehen. Ich hätte den Dingen nur ihren Lauf lassen müssen, aber vor meinem inneren Auge erschien immer wieder, wie so oft im Zusammenhang mit Nastja, meine in Deutschland unwillkommen gewesene, immer von Abschiebung bedrohte Mutter. Für sie hatte ich nichts tun können, ich war damals noch ein Kind, aber für Nastja konnte ich etwas tun, konnte es zumindest versuchen."

Wiedergutmachung

Und so begleitet sie Nastja durch unmögliche Lebensumstände: eine absichtsvoll in Deutschland geschlossene Ehe, die sich (wenig überraschend) als Katastrophe erweist; Wohn- und Arbeitsumstände an der Grenze zum Menschenwürdigen. Aber Nastjas Leistungsbereitschaft ist genauso schier endlos wie ihre Leidensfähigkeit. Schwierig wird es für sie eher, wenn es um etwas wie Freundschaft geht.

Aber vielleicht ist Freundschaft auch gar nicht das eigentliche Thema in dieser klug und fein erzählten "Geschichte, in der meine Mutter Regie geführt hatte (...) Ich hatte meine Aufgabe erfüllt: Ich hatte ihr in Nastjas Gestalt einen Platz in Deutschland erkämpft, einen Platz, den sie nie gehabt hatte und von dem aus sie nun in die Ukraine zurückkehren konnte, damit ihr Heimweh endlich geheilt werden konnte. Wie sie, so war auch Nastja, ein halbes Jahrhundert später, eine Fremde in Deutschland geblieben, eine der neuen Displaced Persons, die heute wieder zu Millionen über den Erdball irren."