Die Zikaden schreien, die Luft ist fiebrig. Und die Zeit steht still - über Wochen, Monate, sogar Dekaden. Fast dreißig Jahre hat der japanische Soldat Hiro Onoda im Urwald auf der Insel Lubang ausgeharrt, im festen Glauben, der Zweite Weltkrieg sei noch nicht vorüber. Denn bevor seine Kameraden das Eiland verließen, erhielt er den Befehl, die Stellung zu halten. So schlug er sich mit anfangs noch drei weiteren Kämpfern durch und erlernte das Leben eines Guerillas. Sein Schicksal lautete fortan, immer auf der Hut sein zu müssen.

Von dieser schier unfassbaren Geschichte war der Regisseur Werner Herzog, bekannt durch Filme wie "Woyzeck" (1979), "Fitzcarraldo" (1982) oder "Königin der Wüste" (2015), offenbar derart angetan, dass er darüber eine Erzählung verfasst hat. Selbst eine Einladung des japanischen Kaisers schlug er aus, um Onoda während eines Aufenthalts in Japan zu treffen.

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Von Anfang an besticht der wohl auch daraus hervorgegangene Text durch seine konzentrierte Atmosphäre. Man spürt die tropische Hitze, die einen in den Wahnsinn treiben kann. Vor allem vernimmt man immer wieder die Anspannung des Protagonisten, der hinter jedem Geräusch den Feind wittert. Gewiss mag man bei diesem Plot an die Genrelinie der Robinsonade denken. Wie der auf einer Südseeinsel gestrandete Crusoe von Daniel Defoe muss auch Herzogs letzthin tragischer Held lernen, sich den Bedingungen der Wildnis anzupassen. Seine eiserne Disziplin und Willensstärke erweisen sich dabei als die entscheidende Rezeptur zum Überleben.

Diese Story wäre an sich eher mäßig originell. Doch statt einer bloßen Abenteuererzählung hat Herzog einen zutiefst gegenwärtigen Text geschrieben. Dies wird dort offensichtlich, wo Onoda beginnt, alle Zeichen der Wirklichkeit zu ignorieren, ja, sie bewusst umzudeuten. Sei es eine aufgefundene Zeitung oder der nach ihm ausgesandte Suchtrupp - alle von außen kommenden Informationen, die auf das Ende des Kriegs hindeuten, fasst er als Täuschungsmanöver auf. Seine Existenz geht mehr und mehr in einer totalen Simulation auf.

Dadurch skizziert Herzog einen uns allen bekannten Prototyp, nämlich den des Verschwörungstheoretikers. Indem er sich seine Weltsicht aus Scheinwahrheiten zusammenpuzzelt, kapselt er sich sukzessive von der Realität ab.

Um diese Fixierung auf die Illusion adäquat in Form zu bringen, bedient sich der 1952 in München geborene Herzog einer zirkulären Erzählweise. Wiederholend beschreibt er die Stimmung im Dschungel, wiederholend die taktischen Versteckmanöver Onodas. Man könnte sagen, dass sich die ohnehin nur knapp 130 Seiten umfassende Geschichte dauernd im Kreis dreht. Dies ist gewollt und bietet das perfekte literarische Arrangement für ein Bewusstsein, das entgegen der Dynamisierung globaler Prozesse vollends in einem lange anhaltenden Stillstand verharrt.

Als Onoda 1975 endlich aus seiner Urwald-Bubble befreit und in seine Heimat zurückgebracht wird, kann er kaum begreifen, was in den zurückliegenden Jahren geschehen ist. Herzog lässt seinen Text daher auch mit einem Traum enden. Was ist Wahrheit und was Fiktion? War alles nur ein gigantischer Fake? Eine asiatische "Truman Show"? Manchmal äußert sich die Groteske, wie wir nunmehr erfahren dürfen, nicht so sehr in der Übertreibung des Realen, sondern im Gegenteil: Es ist bloße Wirklichkeit, die mehr als jede Lüge schmerzen kann.