Dass Schauspieler und Schauspielerinnen auch Bücher schreiben, ist nichts Neues. Nun hat auch Edgar Selge, einer der renommiertesten deutschen Theaterschauspieler und im Fernsehen lange Jahre als Kommissar Tauber im "Polizeiruf 110" ein Ereignis, zur Feder gegriffen. Und mit immerhin 73 Jahren sein Debüt als Literat gegeben.

Es erzählt von einer Nachkriegskindheit als Sohn eines Gefängnisdirektors im ostwestfälischen Herford. Diese Kindheit ist nicht nur von Filmen, Literatur und Musik geprägt, sondern von familiären Dramen. Sein ältester Bruder Rainer stirbt, als er mit einer gefundenen Handgranate spielt. Später stirbt auch noch sein jüngster Bruder Andreas, dessen elendem Dahinsiechen der Epilog gewidmet ist - ein grandioses Stück Literatur, das einem die Tränen in die Augen treibt.

Dass die noch nicht ferne NS-Zeit, das Mitläufertum der Eltern, die Erlebnisse des Vaters als Wehrmachtssoldat nicht selbstkritisch hinterfragt werden, gehört genauso zum Alltag wie die Tracht Prügel bei ungeziemendem Verhalten. Dass der Vater seine Kinder regelmäßig schlägt, stürzt den jungen Edgar in schwere innere Gewissensnöte. "Ich will nicht zugeben, von jemandem geschlagen zu werden, den ich liebe. Und noch weniger will ich zugeben, dass seine Schläge meine Liebe nicht ausgelöscht haben. Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt."

Edgar Selges autobiografisch grundiertes Buch, das die vergangenen Geschehnisse oft romanhaft verdichtet und eindringliche Erinnerungstableaus präsentiert, ist keine Abrechnung mit den Eltern und ihrer Generation, sondern ein fragendes, oft staunendes Zurückblicken auf den Jungen, der der Schreibende einmal war. Oder genauer: Der 73-jährige Autor will dem zwölfjährigen Ich eine Stimme geben, er will das damalige Erleben nicht retrospektiv beschreiben, sondern es schreibend noch einmal - oder vielleicht zum ersten Mal - vollziehen.

Gelegentlich springt die Erzählperspektive in spätere Zeiten, doch im Zentrum steht der Blick des Knaben auf die Welt um ihn herum. Entsprechend dominiert ein lakonischer, unverstellter Tonfall dieses Buch, der weder verklärt noch verurteilt noch überhaupt bewertet, sondern in dem sich eine Haltung des Staunens manifestiert. Und eine der unerschütterlichen Liebe zu den Eltern, trotz allem.