Der "Cumulonimbus": Für Ästheten ist er ein Faszinosum, für Gläubige eine Götterbotschaft und für Piloten ein Alb. Wir sprechen von der mächtig sich hochtürmenden Gewitterwolke. Am 10. März 2021 setzt eine Boeing zum Landeanflug auf New York an, da gerät sie in einen Cumulonimbus biblischen Ausmaßes. Nach einem Höllenritt landet das Flugzeug auf dem Kennedy Airport, die Insassen sind unverletzt.

Das Szenario ist ein fiktives, ersonnen vom französischen Schriftsteller Hervé Le Tellier (Jg. 1957). Es bildet das Grundsetting seines Romans "Die Anomalie". Was der studierte Mathematiker und Sprachwissenschafter daraus entwickelt, ist ein grandioser, die Grenzen des Denkbaren ausreizender Pageturner. Denn besagte Boeing der Air France landet Monate später noch einmal - mit identer Crew und identen Passagieren. Le Telliers Roman wurde 2020 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und bereits über 800.000 Mal verkauft. Für die meisterliche deutsche Version zeichnet das Übersetzerpaar Jürgen und Romy Ritte.

Der Linienflug AF 006 Paris-New York also: Irgendwo in den Turbulenzen der Superzelle passiert etwas Unfassliches, die Boeing verdoppelt sich. Doch anders als das im März gelandete Original, steuert das mysteriöse Double erst im Juni den JFK Airport an - und wird auf einen Luftwaffenstützpunkt umdirigiert. Die Alarmglocken der USA schrillen nun einmal lauter seit 9/11. Immerhin verfügt man mittlerweile über das sogenannte "Protokoll 42", einen Leitfaden für das Vorgehen im Krisenfall. Die Insassen (sie glauben, es sei März) werden in einem Hangar isoliert und überprüft. Le Tellier verknüpft anhand der Juni-Kopien zwei klassische Motive der Weltliteratur, den künstlichen Menschen und den Doppelgänger.

Ein Stab aus Naturwissenschaftern sucht nach Erklärungen. Die einen bringen das "Wurmloch" der Relativitätstheorie aufs Tapet (eine Art Passage durch Raum und Zeit), andere orten einen Fall von Bio-Printing via 3D-Drucker, und alle zusammen erschaudern bei dem Gedanken, der Vorfall könnte die Simulationshypothese des schwedischen Philosophen Nick Bostrom erhärten. Demnach wären die Doppelgänger Programme eines künstlichen Superhirns, mit anderen Worten simulierte Menschen.

Eine solche Annahme aber rüttelt an den Grundfesten der großen Religionen, rückt sie doch Hochtechnologien an die Stelle des Schöpfergottes. Unter den beigezogenen Theologen herrscht Ratlosigkeit. Einig ist man sich nur in einem Punkt: Der Teufel war’s nicht, denn der "kann nichts erschaffen".

"Die Anomalie" ist freilich kein Thesenroman, sondern eine Satire. Aus den lichten Höhen der gelehrten Diskurse geht es oft steil bergab in die Mühen der Ebene. Etwa, wenn Wissenschafter dem per Video zugeschalteten US-Präsidenten (der "Blonde") das Wurmloch oder andere Theorien auf "Star Trek"-Niveau herunterbrechen.

Doch der Autor hält die Balance zwischen Persiflage und philosophischem Tiefgang, wirft das Ereignis doch gewichtige Fragen auf: Ist der Geist aus der Flasche? Kontrolliert die künstliche Intelligenz bereits ihren Schöpfer? Wie weit erfassen wir die Wirklichkeit? Gaukeln uns unsere Sinne nur etwas vor? Und: Wie segensreich wäre es, das alles zu wissen? Einer der Gelehrten meint sarkastisch: "Das Dunkel ist der Wissenschaft stets vorzuziehen. Das Unwissen ist ein guter Kamerad, die Wahrheit schafft niemals Glück."

Le Tellier nimmt nicht nur Wissenschaft und Weltpolitik ins Visier. Seine Satire, ob karnevaleskes Zerrbild oder subtile Ironie, zielt auf das große Ganze. Turbokapitalismus, Klimawandel, religiöser Fanatismus, Pädophilie, die Macht der Medien - nichts bleibt ausgespart. Echte Kaliber, die er mit französischer Leichtigkeit an Lebensbildern veranschaulicht.

Dafür rückt er den Boeing-Piloten und ein paar Passagiere ins Rampenlicht, etwa den nigerianischen Popstar, die schwarze US-Staranwältin, die kleine Tochter eines Afghanistan-Veteranen, den Architekten oder die junge Schauspielerin. Sie sind Menschen aus Fleisch und Blut, moderne Nomaden. Sie träumen von Liebe, arbeiten an Karrieren, durchlaufen Krisen, verbergen Abgründe. Nur halt in doppelter Ausgabe, wobei die "Originale" seit der Landung im März ihr gewohntes Leben weiterlebten - und zwei von ihnen verstarben.

Einer der Toten war Schriftsteller. Nach dem turbulenten Flug schrieb er einen Roman, schickte das Manuskript an die Verlegerin und schied danach freiwillig aus dem Leben. Titel des Buchs: "Die Anomalie": "Ein dunkler Text, ganz ohne Distanz, in dem selbst die Persiflage schmerzhaft wirkt."

Buch im Buch

Mise en abyme nennt man dieses Erzählverfahren, oder auch Buch im Buch. Das Juni-Double des fiktiven Autors treibt diese Form der Spiegelung noch weiter voran. Je nach Figur wechselt Le Tellier vom Kriminal- zum Liebes- oder Künstlerroman, jongliert mit Elementen der Science-Fiction oder Zitaten aus Film und Literatur. Als langjähriges Mitglied der Werkstatt für "potenzielle" Literatur (L’Oulipo) versteht er sich auf das lustvolle Experiment mit Genres und Stilen.

Originale und Doubles der Flugzeuginsassen treffen letztendlich aufeinander. Die Konfrontation mit dem Doppel-Ich wirft ethische und praktische Probleme auf. Die wechselseitigen Reaktionen reichen von erbitterter Rivalität über pragmatisches Teilen bis zur rentablen Kooperation oder gar hochherzigem Liebesverzicht.

Einer der Doppelgänger löst diese Identitätskrise auf höchst nachhaltige Weise. Als Auftragskiller ist er zwar Spezialist für multiple Identitäten, das hier ist aber doch etwas viel. Und so erklärt er seinem "Original": "Wir können nicht zwei sein. Das verstehst du doch."

Das dicke Ende, geschätzte Leser, kommt freilich noch.