Die Birnengasse gibt es. Man braucht nur den Buchstaben zu folgen. Mathias Müllers Debüt "Birnengasse" ist ein knisterndes sprachliches Erlebnis. Der Vorarlberger Autor, Jahrgang 1988, ist Mitglied des imaginären Ilse-Aichinger-Hauses und Teil des Übersetzer*innenkollektivs Versatorium, das unter anderem Gedichte und Texte von Charles Bernstein, Roberta Dapunt oder Rosmarie Waldrop übertragen hat.

"Birnengasse" besteht aus einer Folge kurzer Texte, die mitunter nur eine Zeile lang sind, meist in Prosa-, gelegentlich in Gedichtform erscheinen und auf den weißen Flächen gefinkelt verteilt sind. Als dialektischem Gegenpart zwischen Ruhepol und Schwungfeder kommt Letzteren eine geradezu konstitutive Bedeutung zu. Obwohl die Textbruchstücke oft neu ansetzen, sind sie doch ineinander verwoben und erinnern durch ihre Anordnung an Collagen und Montagen - ein Eindruck, der durch in das Textgebilde eingegliederte Zitate von Inger Christensen, Maurice Maeterlinck oder Ossip Mandelstam verstärkt wird.

Sehen, hören, tasten

Müllers Texte entführen in ein Abenteuer aus Buchstaben und Sprache. Es beginnt als langsames Sich-Herantasten an die Welt. "Wo konnten wir eintreten? / An den Stellen, an denen ein Buchstabe und ein anderer leicht zu vertauschen waren." In drei Kapiteln, die drei Formen der Annäherung versinnbildlichen, entfaltet sich eine poetische Phänomenologie der Weltwahrnehmung, des Sehens und Lesens, des Hörens und Tastens. Deutlich spürbar ist der Aufbruch, der die Texte beflügelt. Es mag jugendlicher Elan sein, er entfacht eine erhebliche Sogwirkung.

Anhand eines Ensembles von Blickwinkeln und Figuren treibt der Autor sein Textgefüge voran. Auffallend ist das (lyrische) Wir, das unter den dramatis personae hervorsticht, doch da ist auch ein Ich, ein Du, Nadeshda Tabidse, sogar ein Huhn schließt sich der Gruppe an. Sie figurieren als erweiterte Perspektiven, als Lehrerin und Wegweiser oder als mögliche Positionen der Anverwandlung.

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Entsprechend ließe das Wir sich als Bündel von Ich-en entziffern. In diesem pluralen Grundgeflecht wurzelt das dialogische Sprechen, das diese Texte in Gang hält und die Leser stets mit einbezieht. Dass der Dialog auch Epochen zu überbrücken vermag, bezeugen die Zitate, die als zikadenhafter Widerhall ferner und fremder Zeiten unterbrochene Zwiegespräche fortführen.

In den Kapiteln des Bandes spiegeln sich Lernerfahrungen und Erkenntnisvorgänge. Man kann an die Entwicklungsphasen eines Kindes denken, doch diese Prozesse verlaufen nicht linear. Jedes Stadium hat seine Berechtigung, findet unterschiedliche Zugänge zur Welt, zieht eigene Erkenntnisse daraus. Im ersten Kapitel war die Welt "noch nicht fertig". "Noch war alles ohne Zusammenhang." Hier liegen "träumen" und "wachsen" ineinander.

Doch: "Ist wachsen nicht eine Form der Auflehnung?" Sich-Auflehnen ist Lernen. Etwas drängt aus "unsere[n] wilden Gärten" der Kindheit hinaus. Es heißt, den Ort zu verlassen. "Alles in uns ist bereits aufgebrochen." Das Ungestüme zeigt sich immer wieder von einer anderen Seite. Aufbruch ist auch Erschütterung. "Sie (die Erschütterung der Welt) findet alle Tage statt."

Stolpern & springen

Wenn im letzten Kapitel "Gerüste, Stahlskelette, Kräne, Betonbauten" die "Grammatik oder Anagrammatik einer Stadt" andeuten, könnte man darin eine biografische Linie des nach Wien gezogenen Bludenzer Autors aufblitzen sehen. Das Ereignis besteht jedoch darin, dass all diese Umzüge und Bewegungen wie das zugehörige "Stolpern" sich in der Sprache vollziehen, ob als buchstabierende Annäherung, als Springen "von Wort zu Wort" oder als Fortbewegung in Sätzen.

Im Gewebe des Textes werden Verbindungen sichtbar, aus denen die Welt besteht, aus Erinnerungen und Ahnungen, aus Korrespondenzen und Ähnlichkeiten zwischen Körper, Erde, Planeten. Die magische Logik des Kindes ist auch am Ende noch nicht aufgebraucht. Die Birnengasse gibt es.