Es ist ein typischer Steinfest: hochspannend und auf leichtfüßige Weise philosophisch äußerst ambitioniert. Was das jüngste Buch, die "Amsterdamer Novelle", bietet, ist (neudeutsch gesagt) ein Gemisch aus Mystery- und Krimigenre. Als Roy Paulsen eine rätselhafte Straßenaufnahme mit ihm selbst im Mittelpunkt erreicht, gerät er ins Grübeln. Entgegen der Darstellung trägt er weder kurze Hosen, noch war er bisher mit einem Fahrrad in Amsterdam unterwegs.

Prompt beschließt er, in die niederländische Hauptstadt zu fahren und dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Tagelang sucht er nach dem Haus, das im Hintergrund des Bildes zu sehen ist. Nachdem er es gefunden hat, entspinnt sich ein dramatischer Plot: Er wird in eine Schießerei hineingezogen und verliebt sich anschließend in eine Frau, die ihm prompt als Lebenspartnerin zur Seite steht.

An der Oberfläche

Unmittelbar wird man der Signatur des 1961 geborenen Autors gewahr. Erinnernd an Werke wie "Der Allesforscher", "Die Büglerin" und den kongenialen Roman "Der Chauffeur", entspinnt sich die Handlung anhand einer detektivischen Spurensuche. Die Aufklärung der Umstände um zurückliegende kriminelle Machenschaften in der Familie seiner zukünftigen Gattin verhilft dem Protagonisten en passant auch zu einem tieferen Verständnis der eigenen Herkunft und Identität. Dabei erweisen sich die einander überschlagenden Ereignisse zumeist nur als die oberflächliche Ebene der Geschichte.

Steinfests alltagssprachliches, geradezu ökonomisch reduziertes Erzählen ist gewissermaßen eine Camouflage für existenzphilosophische Fragen. Diesmal umgibt der Name Martin Heidegger wie eine Wolke die Recherche des Protagonisten, stößt er doch im Haus auf dem Foto zunächst auf dessen frühes Hauptwerk "Sein und Zeit" - und später auf einen angeblich zweiten Teil.

- © Piper
© Piper

Nun lässt sich die Monumentalschrift des durch seine NS-Nähe in Verruf geratenen Intellektuellen zweifelsohne nicht auf wenige Zeilen herunterbrechen. Gleichwohl scheinen zumindest für das Arrangement der "Amsterdamer Novelle" zwei Gedanken daraus besonders relevant zu sein: erstens die Vorstellung, dass das Sein mitunter durch die Beziehung der Dinge zueinander begründet wird, und zweitens, dass dieses letztlich vom Sterben her zu verstehen ist. Indem Steinfests Protagonist danach strebt, sich die Zusammenhänge hinter dem Foto zu erschließen, findet er einerseits seine große Liebe, ja, ein ganz neues Weltverhältnis zur Welt, und muss sich andererseits darum bemühen, seinen eventuell schon nahenden Tod durch einen kriminellen Clan aufzuhalten.

Welche Erklärung es nun genau für das aus der Zukunft stammende Dokument gibt, will der Autor seinen Leserinnen und Lesern nicht beantworten. Warum? Weil diese Leerstelle erst die besondere Qualität des Literarischen ausmacht. Von Anfang an verhandelt der schmale Prosaband das Spiel mit der Illusion. Nur zwei Beispiele dafür: Fotos können heute weitreichend bearbeitet und manipuliert werden. Als weiteres Indiz darf man Paulsens Beruf als Visagist nicht außer Acht lassen. "Roy gab unumwunden zu, ein Mann der Oberfläche zu sein", der zugleich jedes Gesicht in ein Kunstwerk zu transformieren weiß.

Eine zweite Welt

Am Ende bleibt die Relativität aller Wahrnehmung, selbst bei scheinbaren Gewissheiten. Denn "es ist nie das Foto, das uns zu täuschen versucht, sondern nur unsere willentliche oder unwillentliche Interpretation". Da also nichts als sicher gelten darf, genügt ein Festhalten an Logik und Rationalität nicht, um den Lauf der Dinge zu beschreiben. Vielmehr legt das ganze Œuvre Steinfests nahe, dass es jenseits der bloß sichtbaren Welt eben noch eine zweite, eine metaphysische geben muss.

Zum literarischen Erzähler tritt dabei noch eine Instanz hinzu - die des Schicksals, das unvorhergesehene Begegnungen und Wendungen in der menschlichen Existenz hervorruft. Wir haben es demzufolge mit einem Schreiben im Zeichen der Magie zu tun. Steinfelds Bücher flimmern und glühen. Sie sind stets eine genussvolle Verführung.