Österreichs Kommunisten wurden nach 1945 ausgegrenzt, "verdrängt", dann totgeschwiegen, als "Radikale" diffamiert und das hat Auswirkungen bis in die Gegenwart.  Etwa die, dass hierzulande die Streikbereitschaft vergleichsweise unterentwickelt ist und Arbeitskämpfe über weite Phasen in die Sozialpartnerschaft, einer Art Nebenregierung, ausgelagert wurden:  So lautet die zentrale These, die Georg Friesenbichler, ehemals stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung", in seinem neuesten Buch "Verdrängung. Österreichs Linke im Kalten Krieg 1945-1955" aufstellt. Eine These, der widersprochen wird: Am Mittwoch den 24. November debattierte der Autor deshalb mit dem Historiker Peter Ruggenthaler in der Science Arena auf Ö1 zum Thema "Kalter Krieg reloaded? Abschied vom Antikommunismus?"

Ruggenthaler, stellvertretender Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung, hat eine andere Sichtweise auf das Phänomen: Für ihn ist klar, dass Österreichs Kommunisten in erster Linie ein "Werkzeug Stalins zur Erreichung geopolitischer Ziele" waren. Dass der durchgängige Antikommunismus in der österreichischen Gesellschaft, dieser Grundkonsens, im Nachhinein betrachtet "von Bösem" gewesen sein soll, glaubt er nicht.

Aber warum haben es die Kommunisten hierzulande eigentlich nie zu nennenswertem politischen Einfluss gebracht – sieht man von der Grazer KPÖ ab, die zuletzt für Furore sorgte, angeblich weil sie "gar keine echten Kommunisten" sind? Schon bei den Wahlen 1945 kam die heimische KP nur auf magere 5 Prozent. Für Friesenbichler ist klar, dass die Nazis 1945 zwar nicht wählen durften, dass ihr politischer Einfluss auf ihre unmittelbare Umgebung aber beträchtlich war. Der Antibolschewismus der Nazis habe in Österreich weitergewirkt. Ruggenthaler führt vor interessiertem Publikum im Wiener Ringturm an, dass die Österreicher nach 1945 Angst vor einer weiteren totalitären Diktatur gehabt hätten. Die Verbrechen Stalins waren hierzulande jedenfalls bekannt.

Klar ist für beide Historiker, dass der Ausbruch des Kalten Krieges 1947 ganz wesentlich die Haltung der Österreicher zum Kommunismus geprägt hat. Zwei Ideologien und Machtsphären standen einander unversöhnlich gegenüber, Österreich war konfrontiert mit einem entweder – oder. Der Ausweg: Keines von beidem. Wobei die Idee der österreichischen Neutralität ursprünglich von der KPÖ kam und von ÖVP und SPÖ abgelehnt wurde, wie beide Experten betonen. Schließlich waren die Großparteien bereit, diesen "Preis" zu zahlen, um Österreichs Unabhängigkeit zu erlangen. Was Österreichs Kommunisten jedenfalls entsetzte, war der Umstand, dass Stalin von Anfang an auf den gewieften SPÖ-Politiker Karl Renner setzte. Der gab zwar vor, ein willfähriges Instrument der Sowjets zu sein, hatte aber  von der Stunde Null an nur die Eigenständigkeit Österreichs im Sinn.

Doch keine "Austro-DDR"

Wenig bekannt ist, dass der führende KPÖ-Mann Johann Koplenig und ein gewisser Friedl Fürnberg, Generalsekretär der KPÖ, kurz die Idee einer "Austro-DDR" hatten - ein kommunistisches Ostösterreich sollte sich vom Rest abspalten. Den Sowjets gefiel dieser Plan nicht, beide Politiker wurden nach Moskau zitiert und erhielten dort eine "Kopfwäsche". Den Russen war damals wichtig, Österreich als Ganzes dauerhaft von Deutschland abzutrennen. Auch hatte man mit der Berlin-Krise und einem Krieg in Korea zu kämpfen und schon deshalb kein Interesse an einer österreichischen "Parallelveranstaltung" dazu.

Zentral ist allerdings die Streikbewegung im Oktober 1950 in Österreich, die ursprünglich als kommunistischer Putschversuch in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Eine Darstellung, an die "kein erstzunehmender Historiker" heute noch glaubt, wie Friesenbichler betont. Der Irrtum  zeige sich schon darin, dass man in der KPÖ von den Ereignissen völlig überrascht worden war.

An einen von langer Hand geplanten Putsch glaubt auch Ruggenthaler nicht. Er weist allerdings darauf hin, dass die damaligen Ereignisse zu einem "Umschwung" führen hätten können. Es kam aber keine Hilfe aus Moskau, das die Ereignisse nur beobachtete. Der SPÖ-Gewerkschafter Franz Olah ging mit seinen Bau- und Holzarbeitern, die mit Schlagstöcken bewaffnet waren, gegen die KP-Demonstranten vor, die schließlich aufgaben. Für Ruggenthaler ist klar, dass sich die Österreicher damit für den Westen entschieden.

Muss die österreichische Geschichte nach dem Erscheinen von "Verdrängung" umgeschrieben werden? Nein, sagt Autor Friesenbichler selbst. Ihm sei wichtig gewesen, "unbeleuchtete" Ereignisse der österreichischen Geschichte darzustellen und aufzuzeigen, wie sich der Ausschluss der Linken, eben deren "Verdrängung", bis in die Gegenwart bemerkbar machten. Etwa in einer  konservativen Grundtönung der österreichischen Gesellschaft und dem Unwillen, Rechte nachdrücklich zu erstreiten und "Arbeitskonflikte auszufechten".