In Berlin war es die Gurke, in Wien die Kiwi oder ein Stück Brot: Nämlich der Tipp an Ballettschüler, wie man abnehmen kann. Aber es ist dabei nicht von den gesunden Snacks für zwischendurch die Rede, die sich die jungen Hochleistungssportler erlauben können: Es ist die Tagesration gemeint. Eine Absurdität, möchte man meinen. Und es ist nicht die einzige, die Marie Sophie Budek in ihrer Autobiografie "Tanz am Abgrund: Zum Selbsthass erzogen - meine Jugend an der Ballettschule" ausplaudert.

Budek wurde im Alter von zehn Jahren an die Staatliche Ballettschule Berlin aufgenommen - auf eigenen Wunsch. Darauf, was sie bis zu ihrem Abschluss erwarten wird, war sie nicht vorbereitet, ihre Eltern genauso wenig: "Uns wurden kleine Steinchen in die Schuhe gesteckt, sodass man schnell merkte: Aua, wenn du die Zehen nach innen rollst, tut das weh. Um die Steinchen nicht zu bemerken, musste man die Innenkante des Fußes hochziehen", erzählt die ehemalige Balletttänzerin von den veralteten Trainingsmethoden ihrer Lehrer. "Außerdem wurde uns eine Spielkarte zwischen die Pobacken geklemmt. Das sollte uns helfen, den Hintern die ganze Zeit anzuspannen." Als Kind gehorcht man, denn man glaubt zu wissen, dass diese Lehrer einem bei der Verwirklichung eines Traumes den Weg weisen werden. Sie habe weder verstanden noch infrage gestellt, wie mit ihr umgegangen wurde. Zurückblickend erkennt Budek jedoch, dass "unsere einstigen DDR-Lehrer die Veränderungen offenbar nicht mitbekommen haben". Sie hätten mental und sportwissenschaftlich einiges verpasst.

Ballettis und Ballettler

Budek ist eine jener betroffenen Schülerinnen - in Deutschland werden sie übrigens "Ballettis", in Österreich "Ballettler" genannt -, die an der staatlichen Ballettschule Berlin eine "Kultur der Angst" erleben mussten. Über Jahre seien seelische und körperliche Verletzungen ohne Konsequenzen geblieben, kam eine Expertenkommission zum Schluss, nachdem 2020 schwere anonyme Vorwürfe von Misshandlungen bekannt wurden. So zuvor in Österreich: An der Ballettakademie der Wiener Staatsoper wurden durch eine Sonderkommission eine "Gefährdung des Kinderwohls" durch Unterrichtsmethoden sowie festgestellte Übergriffe bestätigt. "Hart darf die Ausbildung sein, aber eine Tradition der Qual muss es nicht geben", so Budek in ihrem Buch.

Die Autorin betont, dass sie ihre eigene individuelle Geschichte erzählt, ihre Sicht der Dinge. Dadurch gelingt ihr in einigen Passagen eindrucksvoll, dem Leser näherzubringen, wie lange und beschwerlich der Weg zur Ballerina im Tutu auf der großen Bühnen ist: "Ich hatte die Grundposition eingenommen, erste Position genannt, bei der die Fersen zueinander zeigten. Die Zehen waren nach außen gedreht, und die Füße bildeten möglichst eine 180-Grad-Linie, so versuchte ich, den gesamten Körper zu spüren und unter Kontrolle zu bringen. Füße ausgedreht. Zehen lang. Innenkante hochziehen, Knie durchgestreckt und nach außen gedreht. Po klein und angespannt - und das sollte er auch bleiben, nie locker lassen. Das Gleiche galt für die Beinstreckung. Der Bauch sollte dann flach sein, die Taille schmal, den Rippenbogen hatte man kleinzuhalten." Und das soll dann federleicht aussehen mit Minimalgewicht.

Der tägliche Kampf mit ihrem Gewicht begleitet sie ihre ganze Karriere: "Marie, bist du übers Wochenende dicker geworden? Es sieht aus, als hättest du eine Wampe." Oder: "Marie, du siehst aber toll aus!", nachdem sie wieder, aus psychischen Stress, abgenommen hatte. Wie man zu dem Idealbild der mageren Tänzerin gekommen ist, interessiere niemanden, kritisiert sie. Das Ballett habe ihr ein destruktives Bild von ihrem eigenen Körper vermittelt. Heute weiß Budek: "Ich war auch auf diesem falschen Weg, wollte der Idealvorstellung von einer Balletttänzerin entsprechen: eine fatale Kombination aus einem bestimmten Körperbild, Anerkennung und einer grandiosen Bewegungsleistung." Denn dieser Drang, ständig etwas leisten zu müssen, immer funktionieren zu wollen, ließe viele ausbrennen. "Wenn du nicht stoppst, dann wirst du gestoppt."

Wankend ins 21. Jahrhundert

Die ehemalige Tänzerin, die sich aufgrund einer psychischen und physischen Überlastung letztlich den Fuß brach und dies zum Anlass nahm, das Ballett an den Nagel zu hängen, parliert in ihrem Buch im Plauderton. Eine literarische Hochleistung sollte man nicht erwarten, aber darum geht es hier auch nicht. Vielmehr gibt Budek einen Einblick in ein Kunstgenre, das bezüglich seiner Ausbildung in kleinen Schritten ins 21. Jahrhundert wankt. Deshalb ist dieses Buch empfehlenswert für alle angehenden Tänzerinnen und Tänzer: einerseits als Hilfestellung, denn die Autorin bietet stellenweise auch Verbesserungsvorschläge an, andererseits auch als Mittel zur Aufmerksamkeitsschärfung, sowie für alle Eltern von Ballettlern, um rechtzeitig in beginnende schädigende Entwicklungen eingreifen zu können. Und natürlich für all jene, die wissen möchten, wohin der tagtägliche Leistungsdruck wie der beim Ballett führen kann.