Ein sperriger Titel: "Phon". Aber die niederländische Erzählerin Marente de Moor kann ihn sich erlauben: Ihr Name zählt. Spätestens seit ihrem Erfolgsroman "Die niederländische Jungfrau" und dem Erzählwerk "Aus dem Licht" ist sie auch deutschsprachigen Lesern weitum bekannt.

"Phon" entführt in die Wildnis der westrussischen Wälder, wo ein Biologenpaar in der Sowjetzeit eine Forschungsstätte unterhalten und ein Refugium für verwaiste junge Bären aufgebaut hat. Ein Leben zehn Zugstunden von Sankt Petersburg entfernt wird erfahrbar, mit allen Überraschungen und Fährnissen, die eine solche Existenz in Einsamkeit und Isolation mit sich bringen kann.

Viele Jahre lang war die Forschungsstation mit angeschlossenem Tierasyl ein glückbringender Ort. Aus Europa kamen Freiwillige, die in Sommercamps die Tierpflege lernten. Das Ehepaar bekam Kinder, die sich in der Härte der urwüchsigen Umgebung einzurichten wussten. Der alles beherrschende Professor Lew Bolotow angelte im nahen Gewässer.

Leben mit der Natur

Seine junge Frau Nadja kam überraschend schnell mit dem Landleben zurecht. Den Elementen ausgesetzt, lernte sie jäten, pflügen, Vieh zu halten. Den beiden Kindern versuchten die Eltern auf je eigene Weise, das Gespür für den Einklang von Mensch und Tier beizubringen. Das naturnahe Leben brachte Mühsal und Plage, aber auch glückliche Stunden, die Städtern unbekannt sind: die Geburt eines Ziegenkitzes etwa, das blütenweiß in die Welt trat.

Die Naturschwärmerei des Westens wird in diesem Romanszenario vom idealistischen Kopf auf die Füße der Realität gestellt: Das Leben in der Wildnis lehrt Nüchternheit, Furcht und Verzicht. "Natur beraubt, Natur beschenkt", stellt Nadja fest.

- © Hanser
© Hanser

Mit einem Sommerlager im Naturreservat von Baschkortostan hatte einst alles angefangen. Auch mit der Liebe einer Studentin aus Leningrad zu ihrem Professor, Fachgebiet Zoologie. Aber war es wirklich Liebe? Nicht auch allzu große Abhängigkeit? Unterwerfung unter einen selbstgerechten Patriarchen der Wissenschaft? Das Benehmen des vierschrötigen, allgewaltigen Forschers nicht nur den Studentinnen gegenüber war von unerschütterlicher Selbstgefälligkeit geprägt. Sein Lebensmotto hätte Max Stirners "Mir geht nichts über mich" sein können.

Damals ging es auf der Expedition der jungen Wildbiologen um Tierkunde in freier Wildbahn, um Wölfe, Luchse, Rothirsche, Otter, Waldschnepfen und anderes Getier. Ein naturwissenschaftliches Fach zu wählen, bot im kommunistischen System einen gewissen Schutz vor politischen Nachstellungen. Sich mit der Partei einzulassen, ließ das Unabhängigkeitsstreben des titanischen Gelehrten nicht zu, der von den Studenten seiner Statur wegen "Mammut" und ob seiner zoologischen Sammelleidenschaft "Noah von Westrussland" genannt wurde.

Zwei Verlorene

Indes, als der Roman einsetzt, ist das Forscherehepaar alt geworden, die Station ist verwaist, keine Besucher aus dem Westen stellen sich mehr ein. Der Strom fehlt, das Wasser wird knapp, die Telefonverbindungen sind gestört, vom Internet ganz zu schweigen. Nachts sind die beiden einsamen Alten umgeben vom Kreischen der Marder und Eichhörnchen und von flitzenden Fledermäusen. Füchse und Dachse streifen durch das Dickicht des Waldes, und jede Nacht fährt der Zug mit Getöse durch den Tann.

Von den Heimsuchungen des Schicksals sind die forschenden Aussteiger jedoch nicht gefeit. Um ihre verschollene Tochter Vera zu suchen, macht sich Nadja nach Jahrzehnten noch einmal auf nach Sankt Petersburg. Bei ihrer Rückkehr an die Newa wird sie von Erinnerungen an die Sowjetzeit eingeholt, als die Stadt noch Leningrad hieß und einen erbärmlichen Anblick bot.

"Warum ich der Stadt zwanzig Jahre fernblieb?", fragt sich Nadja. Und findet selber die Antwort: "Es lag an den verpassten Chancen, denen wollte ich nicht begegnen... Ohne sich von der Stelle zu rühren, wurde meine Genera-tion von einem Land ins andere verfrachtet, von einer Geschichte in die andere, von einer Lüge in die andere. Wir wurden um dreihundertsechzig Grad gedreht, zusammengedrückt, wieder auseinandergezogen und erneut zusammengedrückt, und wir hielten stand, schließlich waren wir ein Volk von Kosmonauten." Vor allem war es ein Land, in dem ein beträchtlicher Teil der Bürger dazu abgerichtet worden war, die anderen zu bespitzeln.

"Nadja und ich haben vor nichts und niemandem Angst!" Dreißig Jahre lang war dies das Motto der beiden Forscher gewesen. An Intelligenz, Mut und Umsicht fehlt es der Protagonistin auch weiterhin nicht. Nur hat der Wodka sie mittlerweile in den Klauen, spiegelt ihr Wahnvorstellungen von einem Lokomotivführer vor, der kommen mag, um sie zu erlösen.

Der alternde Löwe Lew indes hört voll Unrast ein unbekanntes Geräusch, das mit meteorologischen Erfahrungen nicht zu erfassen ist. Ein Pfeifen in hellen Tönen, ein durchdringendes Sirren, ein Ton wie von Ultraschall. "Sie wollen uns weghaben, wir sollen hier nicht mehr wohnen", wähnt der Professor. Ist das Phon ein numinoses Zeichen, ein Allgeräusch? Oder ist es ein Ohrenklingeln, einzig vernehmbar im Gehör des schwächelnden Forschers? Ein angeblicher Pope versucht, den Atheisten mit Zitaten aus der Bibel auf eine kommende Endzeit vorzubereiten: "Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen."

Ein Kulturkonflikt

Manches, das hier erzählt wird, bleibt mit Absicht unter der Wasserlinie des Offenkundigen. Es liegt indes nahe, dass die russlandkundige Autorin - sie war acht Jahre als Korrespondentin in Sankt Petersburg ansässig - hier auf das sogenannte Havanna-Syndrom hinweist, bei dem massive psychische Irritationen durch eine neuartige Mikrowellen-Waffe herbeigeführt werden. Es ist der Ton der diebischen Gängelung des menschlichen Geistes, das heimtückische Signal der Manipulation durch eine tyrannische Macht.

Das Ende des verschlungenen Romans enthüllt eine Katastrophe, bei der eine frühere holländische Geliebte des Gelehrten eine unrühmliche Rolle spielt. Es ist ein Unheil, das nicht nur privat bleibt, sondern als Sinnbild für den Konflikt zwischen westlicher Verführung und östlicher Unbeweglichkeit gelesen werden kann.

Der Roman nährt melancholische Betrachtungen über den kontrapunktischen Gang der Geschichte. Die in ein vermeintliches Naturidyll einbrechende westliche Moderne hinterlässt nicht nur die Verzweiflung der Überrumpelten, sondern auch manchen Zweifel am Sinn und Siegeswillen der Moderne selbst. "Vielleicht dreht sich das Leben ja darum, welche Geschichte wir beschließen zu erzählen", lautet ein Schlüsselsatz der Erzählerin. Für diesen Vorsatz hat sie ihre Kenntnisse der russischen Verhältnisse auf die ihr eigene enigmatische Weise bravourös genutzt.