Es gibt Autoren, denen gelingt es, sich einen bestimmten Begriff (ein Bild, ein Wort, einen Gegenstand) anzueignen - er nimmt einen so prägnanten oder wiederkehrenden Platz in ihrem Werk ein, dass wir ihn zukünftig immer mit dem Autor verbinden, wenn wir an den Begriff denken. Es kann eine kleine Süßspeise sein, wie die Madeleines bei Proust, es kann ein unendlich deutbares Symbol sein, wie die unzähligen Labyrinthe bei Borges. Im Fall des russischen Exilautors Gaito Gasdanow sind es die Phantome: Sein gesamtes Werk ist von ihnen durchdrungen, in beinahe all seinen Erzählungen und Romanen finden sie sich wieder, wird ständig von Phantomen gesprochen oder etwas als phantomhaft bezeichnet.

In seinem heute wohl berühmtesten Buch konfrontiert uns der Begriff bereits im Titel: "Das Phantom des Alexander Wolf" war 2012 der Auftakt zur späten Entdeckung dieses lange ignorierten Schriftstellers im deutschsprachigen Raum. Von Rosemarie Tietze mit grandiosem Gespür ins Deutsche übertragen, erzählt der Roman von einem jungen Mann, der in den Wirren des russischen Bürgerkrieges einen Reiter niederschießt und sich überstürzt auf dessen Pferd davonmacht. Ein ungesühntes Ereignis, das bei dem namenlosen Ich-Erzähler zur seelischen Erschütterung führt. Jahre später lebt er als freier Journalist und Einzelgänger im Pariser Exil, bis er eines Tages zufällig erkennt, dass jener Mann, auf den er damals geschossen hat, nicht gestorben ist. Er lebt - doch wie der Erzähler führt er seither eine gespaltene Existenz, die jederzeit am Abgrund wandelt.

Stark, gepflegt, witzig

Georgi Iwanowitsch Gasdanow, von Kindheit an "Gaito" genannt, hatte bereits zwei Kriege miterlebt, als sein "Phantom des Alexander Wolf" erstmals 1947 in einer New Yorker Literaturzeitschrift gedruckt wurde. Auch er war als Jungspund im Bürgerkrieg gewesen, hatte sich freiwillig für die Weiße Armee gemeldet, bevor er in den frühen Zwanzigern nach Paris emigrierte und sich dort mühselig mit Gelegenheitsarbeiten und nächtlichen Taxifahrten über Wasser hielt.

Dennoch war der Autor, der 1903 in Sankt Petersburg zur Welt kam und früh den Vater verlor, kein ausgezehrter, schwermütiger Exilpoet, wie man es vermuten könnte. Viel eher wurde er von Zeitgenossen als breitschultriger junger Mann beschrieben, ein russischer Hemingway, athletisch und stark, dabei stets gepflegt, witzig und begnadet mit einem kindhaften Gesicht, das nicht altern wollte. Sein frühes Erwachsenwerden blieb ein seelischer Prozess, der sich erst offenbarte, wenn er zu Stift und Papier griff; schon in jungen Jahren verfügte Gasdanow über ein enormes psychologisches Gespür, das sein gesamtes Werk auszeichnet.

Im Juli 1929 verfasst er wie im Rausch seinen Debütroman, ein assoziatives Erinnerungswerk, das sich der junge Autor von der Seele schrieb. "Ein Abend bei Claire" ist, mehr noch als alle späteren Werke, mit Gasdanows eigener Biografie verknüpft: Auch hier stürzt sich ein Ich-Erzähler, gerade einmal sechzehn, freiwillig in den Bürgerkrieg, lässt Schule und Mutter zurück, um sich aktiv gegen die Rote Armee zu stemmen; nicht aus Notwendigkeit oder ideologischer Verblendung, sondern aus dem einzigen Grund, der auch Gasdanows Schreiben antrieb: dem unbedingten Willen zur Welterfahrung. Dabei wird sein Alter Ego, genannt Kolja, von den Bildern einer unerreichbaren Französin namens Claire verfolgt, einer Liebe in Gedanken, der er in Russland zweimal begegnet war und die er später, im phantomhaften Nebel des Pariser Exils, erneut aufsuchen wird.

Obwohl Gasdanows erster Roman noch nicht die kompositorische Brillanz seiner kommenden Bücher aufweist und die Erzählsprünge oft willkürlich erscheinen, sind schon alle Themen enthalten, die den Schriftsteller ein Leben lang begleiten werden. An einer Stelle unterhält sich Kolja, kurz bevor er in den Krieg zieht, noch einmal mit seinem Onkel; als dieser ihm mitgibt, dass kein Wissen konstant und das Leben eine Abfolge von Täuschungen sei, stellt der junge Erzähler die Sinnfrage, worauf der Onkel nur lakonisch antwortet: "Sinn ist eine Fiktion."

Diese zweifelnde Grundhaltung, das Aufzeigen der Absurdität des Lebens, für das es sich dennoch zu kämpfen lohnt, brachte Gasdanow schon zu Lebzeiten den Vergleich mit Camus. Was beide Schriftsteller auszeichnet, abseits ihrer philosophischen Tiefe, das ist die Knappheit ihrer Sprache, die Verschränkung auf das intensive seelische Erleben einer Hauptfigur, die sich vor schweren Wälzern scheut. Gasdanows Romane sind überwiegend schmal, der Autor braucht oft keine 200 Seiten, um seine Geschichte zu entfalten und ihr größtmögliche Wirkung zu verleihen. Wenn wir mit dem letzten Satz des "Alexander Wolf" aus der Bahn geworfen werden, dann überrascht weniger der Inhalt als der Zeitpunkt des Endes - die größten Fragen, viele Handlungsteile bleiben bewusst in der Schwebe und erzeugen ein Gefühl der unendlichen Unruhe; selten hat ein Roman so gekonnt und effektiv mit den Leerstellen seiner Erzählung gespielt.

Sein und Schein

Der Zweifel liegt bei Gasdanow aber nicht nur im Unausgesprochenen, sondern auch im eigenen Empfinden. Er führt zu einer "Unzuverlässigkeit meines eigenen Phantoms, die mir nicht erlaubte, mich ein für allemal zu teilen und zu zwei unterschiedlichen Existenzen zu werden", wie es im "Abend bei Claire" heißt. Ständig hadern Gasdanows Ich-Erzähler mit einer innerlichen Dualität, die nicht zwischen Wirklichem und Eingebildetem unterscheiden kann, was letztlich in der Frage mündet: Empfinde ich etwas tatsächlich oder sind meine Gefühle nur eine Illusion, an die ich glauben möchte?

Am unmittelbarsten wird dieser Zustand zwischen Phantasie und Wirklichkeit in "Die Rückkehr des Buddha" verhandelt, einem psychologischen Kriminalroman, den Gasdanow 1948, noch unter dem Eindruck des "Alexander Wolf" verfasste und der ihm mithin den Ruf als Meister des "Seelenkrimis" verleihen sollte. Darin wird der Erzähler, ein russischer Student in Paris, ganz offen von Tagträumen und Wahnvorstellungen geplagt, ehe er plötzlich in einen Mordfall gerät und sich immer weiter in einem phantastischen Gebilde aus Sein und Schein verirrt.

Hier zeigt sich die Vorliebe des Autors für den Film Noir und die amerikanische Hard-boiled Novel am deutlichsten; doch Gasdanow schreibt keine Detektivgeschichte, es gibt keinen Ermittler, der den Fall löst, stattdessen erleben wir ein (scheinbares) Verbrechen aus Sicht des Hauptverdächtigen, der bis zuletzt nicht weiß, ob er sich selbst trauen kann. Die Versatzstücke eines Kriminalplots sind bei Gasdanow dennoch kein bloßes Beiwerk zur düsteren Unterhaltung, die Verbrechensaufklärung dient ihm vielmehr als symbolischer Reifeprozess seines Protagonisten: Die Suche nach Wahrheit wird zur Suche nach sich selbst.

Trotz positiver Rezension und prominenten Fürsprechern wie Maxim Gorki wollte sich jedoch nie der große schriftstellerische Erfolg einstellen. Immer am finanziellen Minimum lebend, schlug sich Gasdanow weiter als Nachttaxifahrer im Exil durch. Während des Zweiten Weltkrieges verdichtete er viele dieser Erfahrungen im Roman "Nächtliche Wege" (1941), der ein dunkelbuntes Panorama der Pariser Schattenwelt zeichnet. In den Fünfzigern erhielt der Autor einen Posten bei einem US-Radiosender in München, den er bis zu seinem Tod ausübte. Seine späte literarische Anerkennung in der fernen Heimat erlebte er nicht mehr.

- © Hanser
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Gaito Gasdanow starb am 5. Dezember 1971 an Lungenkrebs, 50 Jahre später erschien heuer erstmals ein Erzählband von ihm auf Deutsch. Nach vier gefeierten Romanen zeigt der Hanser Verlag mit seiner Auswahl "Schwarze Schwäne", dass Gasdanow auch die kürzere Form virtuos beherrschte. Der Band versammelt Texte aus all seinen Lebensphasen, wieder sind sie kongenial von Rosemarie Tietze übersetzt und wieder sind es durchgehend die Ich-Erzähler, die etwas zu sagen haben.

Anders als in den Romanen bleiben sie hier aber vermehrt Beobachter, treten selbst in den Hintergrund, um eine andere Figur ins Zentrum zu stellen; in "Hanna" etwa spiegelt sich die unmögliche Liebe zu Claire, deren späte Erfüllung nicht an das phantasierte Glück heranreichen kann; was bleibt, ist ein Leben im Konjunktiv.

Gefasste Eleganz

Immer wieder kommt es zu phantomhaften Begegnungen, doch es sind Phantome mit Prinzipien: In der Titelgeschichte leiht sich der Erzähler Geld von einem ehemaligen Schulkameraden, das er ohne Zögern erhält; einzige Bedingung ist, dass er die Summe bis zum 24. des Monats zurückzahlt, denn am 25. will sich der Mann erschießen. Wenn dieser Entschluss im Erzähler keine Erschütterung auslöst, dann nur deshalb, weil er die Person kennt: "Ich wäre nicht so lakonisch gewesen, hätte ich nicht gewusst, dass Pawlow seine Entschlüsse niemals umstieß und ihn umstimmen zu wollen bloße Zeitverschwendung war." Was den Erzähler nicht abhält, es dennoch zu versuchen. Bereits 1930 verfasst - und damit zwölf Jahre vor Camus’ berühmtem "Mythos des Sisyphos" -, ist der Text ein frühes Glanzstück über das Absurde, ein Abwägen und Ringen um die Daseinsberechtigung in einer sinnentleerten Welt.

Oft dienen die Charaktere als tragische Reflexion ihrer Zeit und Umstände: In "Genossin Brack" wird eine Figur als überzeugter Pazifist beschrieben, die jede Form von Gewalt verabscheut - und am Ende zum erbarmungslosen Rächer der Genossin wird. Bei aller Brutalität wirkt Gasdanows Prosa jedoch niemals grob, im Gegenteil - hier liegt der Zauber dieses konzentrierten, höchst musikalischen Autors: Noch in Tod und Trauer liegt bei ihm eine gefasste Eleganz, ein melancholischer Grundton, der durch nichts aus dem Rhythmus zu bringen ist. Diese betörend ruhige, fast schon obsessive Beschreibung der Gefühle, Regungen und Zerrissenheiten seiner Figuren ist es, die bis heute fasziniert.

Hier hat einer geschrieben, der die Leute kannte - ein phantomhafter Beobachter, gepflegter Athlet, ein Flaneur im Exil, Träumer bei Tag, Taxifahrer bei Nacht, einer, der den Menschen nicht ändern, ihn nur ergründen wollte. Wenn Sinn eine Fiktion ist, dann steckt sehr viel davon in den wiederentdeckten Fiktionen des Gaito Gasdanow.