Raphaela Edelbauer: Dave (Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2021, 432 Seiten, 25,70 Euro)

Um die Menschheit steht es schlimm. Genauer: um jenen Rest davon, der den Kollaps des Planeten Erde überdauert hat. In einem klaustrophobischen Laborkomplex, wo man Tageslicht und Frischluft nur aus der Erzählung kennt und sich von "Kargbrei" ernährt, wird an einer künstlichen Superintelligenz getüftelt, die die Menschheit retten soll – wenn sie dafür auch ihr Menschsein aufgeben muss.

Für ihre High-Tech-Dystopie ist Raphaela Edelbauer heuer mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem spannungsgeladenen Stück Science-Fiction verknüpft sie Kybernetik, Philosophie und Popkultur zu einem komplex konstruierten, fesselnden Ganzen. Die Frage, was gefährlicher ist, eine hyperintelligente Maschine oder die Menschheit, die diese entwirft, steht dabei ebenso auf dem Programm wie der Themenkomplex Sprache und Gedächtnis sowie Erinnerung im Allgemeinen – oder Wahrheit, die nicht nur ein Programmierbefehl, sondern auch eine (Wahn-)Vorstellung sein könnte.
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Julian Barnes: Der Mann im roten Rock (Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021, 300 Seiten, 24,90 Euro)

Das Gemälde des Bonvivants und Mediziners Samuel Jean Pozzi inspirierte Julian Barnes zu seinem souveränen Rundgang durch die französische Belle Époche: Denn dieser Doktor Pozzi – kultiviert, erfolgreich und "ekelhaft gut aussehend" – zieht sich wie ein roter Faden durch die drei, vier eitlen Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg. Er kannte offenbar alle, die wichtig waren oder talentiert oder exzentrisch, Wissenschafter, Ästheten, Schauspielerinnen, Dandys und vor allem Künstler.

Mit sprichwörtlich englischer Gelassenheit und kluger Distanz schlendert der Frankreich-Kenner Barnes durch diese prachtvolle Zeit der Eitelkeit und der sexuellen Extravaganz (für zumindest einige). Ein feines, großzügig illustriertes Buch, das auch von der Sehnsucht erzählt, das Leben mit Schönheit zu durchfluten oder die eigene Existenz in Kunst zu transzendieren, um so, zumindest ein wenig, der Zeit und dem Verfall zu trotzen. Einigen von Barnes’ Helden scheint das auch geglückt zu sein.
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Doris Knecht: Die Nachricht (Roman. Hanser Berlin, 2021, 245 Seiten, 22,70 Euro)

Es beginnt mit einer Nachricht via Facebook, und es folgen noch viele weitere. Sie sind keineswegs erfreulichen Inhalts, vielmehr beschämend, verletzend und gespickt mit Details aus dem Privatleben von Ruth Ziegler, der Ich-Erzählerin aus Doris Knechts aktuellem Roman zum Thema Cyberstalking. Doch von wem stammen diese immer bedrohlicher werdenden Botschaften? Sicher ist: So viel über Ruth kann nur jemand wissen, der ihr nahesteht. Und sicher ist auch: Die Opferrolle lässt die selbstbewusste Frau nicht so einfach auf sich sitzen.

Es zeichnet Doris Knecht aus, dass sie Probleme und Konflikte unserer Zeit in realitätsnahe Romane übersetzt und dazu immer wieder überraschende Nuancen eröffnet. Dies gelingt der österreichischen Autorin und Kolumnistin auch hier: Leichtigkeit mit Tiefgang, vor allem aber Spannung ohne Sensationslüsternheit.
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Jonathan Franzen: Crossroads (Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, Hamburg 2021, 825 Seiten, 28,80 Euro)

Spricht hier sanfter Größenwahn? "Ein Schlüssel zu allen Mythologien" heißt die Roman-Trilogie, zu der "Crossroads" den ersten Teil bildet. Doch dessen Autor ist immerhin Jonathan Franzen, der in Form einer Familiengeschichte die Fundamente der US-amerikanischen Gegenwart abklopft. In den ersten Jahren der 1970er – der Vietnamkrieg, Drogen und der Kampf gegen Diskriminierung liegen in der Luft – üben sich die Mitglieder der Familie Hildebrandt in Selbstverachtung: Ihre Begierden und Sehnsüchte sind nämlich so gar nicht kompatibel mit ihrem Streben danach, ein guter (Christen-)Mensch zu sein, respektive einer zu werden.

Franzen lässt seine Figuren zwar gnadenlos zappeln, bedenkt sie aber dennoch mit gütig ironischen Blicken. Er liebe Menschen, die in Schwierigkeiten steckten, hat er einmal gesagt. Diesem Beispiel folgt man gerne: So hat man nach 800 Seiten alle Hildebrandts ins Herz geschlossen und möchte dringend wissen, wie es mit ihnen weitergeht.
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Christina Walker: Auto (Roman. Braumüller Verlag, Wien 2021, 208 Seiten, 20,- Euro)

Nur nicht anecken, stets höflich, treu, gesetzeskonform, hilfreich und liebenswürdig sein, auch wenn man dafür Hohn und Demütigungen erntet. Konfliktfreudig ist der Held in Christina Walkers Debütroman nicht gerade. Seinen Job als Verlagsvertreter hat er gekündigt und von der Wohnung ist er hinunter ins Auto umgezogen. Dort haust er nun, tagsüber grübelnd und Ameisen beobachtend, nachts frierend, während sich seine Partnerin einen neuen Freund sucht und der gemeinsame Sohn den Papa auch nicht mehr so cool findet.

Konsequenter Langsamkeit hat sich dieser Mann namens Busch verschrieben, auch wenn er wegen seiner Unfähigkeit, mit dem allerorts herrschenden Tempo Schritt zu halten, zur Zielscheibe von Intrige und subtilem Spott wird. Allzu gerne möchte man ihm auf die Sprünge helfen. Und während die Erzählung, auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik balancierend, ab und zu auch größere Sprünge macht, kommt es zuweilen vor, dass man sich darin, mit all seinen Ängsten und Zweifeln, erschrocken selbst erkennt.
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Lana Del Rey: Chemtrails Over The Country Club (Universal Music)

Mangelnden Schaffensdrang kann man der Frau definitiv nicht vorwerfen. Drei Alben in nur zwei Jahren – die als Audiobook veröffentlichte Spoken-Word-Arbeit "Violet Bent Backwards Over The Grass" noch nicht mitgerechnet – markieren den rezenteren Output der US-Musikerin Lana Del Rey.

Bevor die Formkurve mit "Blue Banisters" heuer im Oktober erstmals wieder nach unten zeigte, wussten die 45 Spielminuten des nicht unbedingt einladend betitelten "Chemtrails Over The Country Club" im März hingegen durchaus zu begeistern. Mit Co-Produzent Jack Antonoff bei leicht erhöhtem Country-Bezug dort anknüpfend, wo im Jahr 2019 bereits der Vorgänger "Norman Fucking Rockwell!" überzeugte, hört man sparsam instrumentierte, im Tempo getragene und in der Lautstärke gedrosselte Songs, die in Klavierballaden wurzeln oder zu zarten Zupfgitarren viel Raum für die Stimme lassen. Und man hört natürlich auch wieder Lieder über amerikanische Frauen, die entweder "white hot", also superheiß oder mega depri sind – und gerne auch beides auf einmal.
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Low: Hey What (Sub Pop)

Wäre es nicht die US-Band Low, würde man eingangs wahrscheinlich von einer Fehlpressung ausgehen. Nach der scheinbaren Vertonung eines Malheurs in der örtlichen Stahlfabrik oder einer Massenkarambolage im Frühverkehr ist es schließlich der himmelwärts gerichtete Harmoniegesang von Alan Sparhawk und Mimi Parker, der beweist, dass alles in Ordnung ist. Aber ist deshalb auch alles gut? Nein. Niemals!

Der nur insgeheim mit Ruf- und Fragezeichen auf einmal versehene Albumtitel "Hey What" ist ein Ausdruck des Staunens über eine längst aus den Fugen geratene Welt. Dazu setzt es Lieder, die das Sich-Auflösen gewohnter Sicherheiten und geordneter Bahnen mit Disruption und Störgeräuschen begleiten. Wie aber auch im echten Leben mitunter Schönheit und Wahrhaftigkeit zu finden ist, wo Schmerz und Leid regieren, sorgen Low für Anmut im Chaos und Reiz im Zerfall. Erhaben, radikal, zum Heulen schön: Bald drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung sind Alan Sparhawk und Mimi Parker nicht wie andere Kollegen langweiliger und müder, sondern zwingender geworden. "Hey What" ist ein Hörerlebnis, das seinesgleichen sucht. Zur Besprechung


Robert Plant & Alison Krauss: Raise The Roof (Warner Music)

Robert Plant, ursprünglich bekannt als flamboyante Bluesrockdiva aus den goldenen Zeiten des britischen Ausschweifungsrock (hey, Led Zeppelin!), und die vor allem in den USA weltberühmte Sängerin, Geigerin und Bluegrass-Fachkraft Alison Krauss machen auf "Raise The Roof", ihrem zweiten Gemeinschaftsalbum, dort weiter, wo ihr mit fünf Grammys ausgezeichnetes Debüt "Raising Sand" vor 14 Jahren aufhörte: Abermals in Nashville mit T Bone Burnett und der ursprünglichen Rhythmusgruppe aus Jay Bellerose am Schlagzeug und Dennis Crouch am (Kontra-)Bass sowie dem damaligen Gitarristen Marc Ribot und Neuzugängen wie Bill Frisell, David Hidalgo (Los Lobos), Buddy Miller von der Band Of Joy und dem wunderbaren Russ Pahl an der Pedal-Steel aufgenommen, hört man einmal mehr edel-atmosphärische Neuinterpretationen aus dem gut abgehangenen Reich der Roots-Musik.

Allein schon der einzige Originalsong des Albums rechtfertigt dessen Kauf: Das fiebrige "High And Lonesome" fügt der Spielfreude des Duos noch die hörbare Neugierde hinzu, bewährten Bluesmustern frische Texturen abzuringen: "I shall not rest upon the highway / I will not tire nor despair."
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Ernst Molden & Der Nino aus Wien: Zirkus (Bader Molden Recordings)

Bei diesen Songs gehen Bilder vor dem geistigen Auge auf, die geschminkte erwachsene Männer mit viel zu großen Schuhen, wesentlich zu hoch sitzendem Hosenbund und einer als Wasserpistole gebrauchten Gummiblume am Revers inkludieren – oder grazile Akrobatinnen mit Wespentaille und Pailletten: "Warad i a Clown / No hätt i zwanzig Frauen / Und dazua: Ka Ruah!"

Nach ihrem Erfolg mit der Austropop-Hommage "Unser Österreich" von 2015 haben sich der Wiener Liedermacher Ernst Molden und sein Kollege Nino Mandl alias Der Nino aus Wien erneut im Doppel an die Arbeit gemacht. "Zirkus" versammelt zwölf spartanisch instrumentierte Dialektsongs zu Harald Aues Film "Ein Clown. Ein Leben" über das Leben des Roncalli-Direktors Bernhard Paul.

Dabei wird mitunter zwar auf Humor gesetzt, es kommen, ganz nach Vorbild der beim Heurigen nicht selten bipolar gestimmten Eingeborenen, zum leiwanden Schmäh ab einem gewissen Zeitpunkt aber auch Spritzweindepressionen ins Spiel. Nicht nur diesbezüglich stellt Will Oldhams einst von Johnny Cash berühmt gemachter Tränendrücker "I See A Darkness" als "I siech wos Finsdas" einen ins Hiesige übertragenen Höhepunkt dar. Unsere Helden der Lokale sind definitiv auch Helden des Lokalen.
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Sophia Kennedy: Monsters (City Slang)

Vier Jahre nach ihrem gefeierten, unbetitelten Debüt hat sich die gebürtige Amerikanerin und in Hamburg lebende und im Umfeld der Szene-Helden Die Goldenen Zitronen tätige Sängerin und Musikerin die Latte hochgelegt. Noch vielseitiger und prononcierter als der Vorgänger, lässt "Monsters" aber rein gar nichts von selbst- oder von außen auferlegtem Druck spüren. Im Gegenteil, es verblüfft, wie mühelos Kennedy zusammenbringt, was vermeintlich nicht zusammengehört: Die Jazz-Einflüsse sind prominenter geworden, die Produktion spielt noch gezielter mit Verfremdungseffekten; vereinzelt finden Weltmusik-Einflüsse ins Klangbild, in dem immer wieder heftige Synthie-Wellen anbranden.

Obwohl ihre Alben ihrer ersten Muttersprache vorbehalten sind, gibt es auf "Monsters" eine winzige, gleichwohl bemerkenswerte Abweichung. In "I’m Looking Up" nämlich umschifft Kennedy die Klippen von Versmaß und Reimmöglichkeit mit einem Schwenk ins Deutsche: "Please give me a sign / ich bin so allein". Das macht umso mehr Sinn, als es eine Anrufung ihres verstorbenen Vaters ist.
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